Es weidete einmal ein Junge aus Waltersdorf, einem Dorfe am Südostfuße des hohen Steines, seine Herde, als um die Mittagszeit herum eine weiße Frau erschien und ihn fragte, was er denn in seinem Zwerchsacke trage. »Mein Brot,« antwortete furchtsam der Hirt. »Gieb mir etwas davon,« bat die Frau, und während der Angesprochene ihrem Wunsche willfahrte, sagte er, daß er ihr nur wenig bieten könne, indem seine Bäuerin ein geiziges Weib sei, die ihrem Gesinde die Brocken in die Schüssel zähle. Da überreichte ihm die weiße Frau eine kleine Rute mit dem Bedeuten, das geizige Weib damit zu berühren, wenn sie im Begriffe stehe, ihm sein Brot mit auf die Hutweide zu geben. Außerdem streifte sie mit der Hand das Laub von dem Aste eines Baumes und sprach: »Nimm auch diese Blätter und hebe dieselben wohl auf; sie sind der Lohn für das mir gereichte Brot.« Nach diesen Worten entschwand die Frau den Blicken des Hirten, der das erhaltene Geschenk in seinen Taschen barg. Als er aber am Abend seine Herde nach Hause trieb, wurde ihm das Tragen der Blätter unbequem, und einfältig, wie er war, warf er sie von sich. Wie reute ihn aber sein Thun, als er zu Hause angelangt, in seiner Tasche drei funkelnde Goldstücke fand, welche durch Verwandlung dreier von den geschenkten Blättern, die in seiner Tasche kleben geblieben, entstanden waren. Wohl lief er schnell zurück, um das so leichtsinnig weggeworfene Geschenk der gütigen Frau wieder aufzunehmen; allein sein Suchen war und blieb vergeblich. Die Blätter blieben verschwunden. Als ihm am andern Morgen die Bäuerin sein Brot schnitt, berührte sie der junge Hirte, ungesehen von ihr, mit der erhaltenen Rute und war erstaunt, das geizige Weib alsbald sprechen zu hören: »Dem Hirten muß ich heute ein großes Stück Brot samt einer Butterflade und mehrere Kuchen mit auf die Weide geben; er verdients.« Und es geschah. So oft der Hirt die Bäuerin mit seiner wunderthätigen Rute berührte, erhielt er eine reichliche und gute Zehrung. – Einst aber unterzog die Magd des Hauses den Stall einer durchgreifenden gründlichen Reinigung, und bei dieser Gelegenheit warf sie des Hüters Rute, der sie im Stalle oben unter einen Balken gesteckt hatte, mit hinaus. Weinend beklagte dieser nach seiner Nachhausekunft seinen unersetzlichen Verlust; aber das half ihm nichts. Die Bäuerin schnitt fortan das trockene Brot fast noch kleiner als vordem und bitter bereute es der Betroffene, das wohlthätige Geschenk der weißen Frau nicht sorgsamer aufbewahrt zu haben. Diese erschien dem jungen Hirten zwar noch einige Male, aber nur in der Ferne. Ihre Gesichtszüge waren finster auf ihn gerichtet und drohend erhob sie manchmal den Zeigefinger ihrer Rechten gegen den Unachtsamen, vielleicht dadurch ihre Unzufriedenheit mit ihm zu erkennen gebend.

42. Die weißen Frauen des Raubschlosses bei Brandau.

(A. Blüml in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg. S. 173.)

Wenn man von Brandau, das mit dem zugehörigen Orte böhm. Grünthal den am weitesten vorgeschobenen Zipfel des Brüxer Bezirks ausfüllt, nach Kallich wandert, so muß man durch das wegen seiner Naturschönheiten berühmte und deshalb von Touristen sehr besuchte Teltschthal, in dem der Grenzbach Natschung zahlreiche Brettmühlen und auch das jetzt allmählich verfallende Eisenwerk Gabrielenhütte treibt. Am Eingange in dieses Thal befindet sich zur rechten Hand, unmittelbar über dem zu Brandau gehörigen Wirtshause zu »Beneschau,« vielleicht 8 Minuten vom eigentlichen Dorfe entfernt, in dem der Gemeinde Brandau gehörigen Walde ein Felsen, der schon steil gegen die Straße, noch mehr aber gegen das Natschungthal abfällt. Hier auf diesem Felsen will man noch Mauerüberreste sehen und man nennt den Platz das Raubschloß. Die Sage erzählt davon folgendes:

Auf dem Raubschlosse stand früher eine Burg, die einem mächtigen Ritter gehörte, der gar oft viele Wochen von ihr sich entfernte, aber immer reich mit fremden Schätzen beladen zu ihr zurückkehrte. Als er einst wieder auf Raub auszog, überfielen seine Feinde die Burg, nahmen die Besatzung gefangen und legten sich in den Hinterhalt, um auch den nur von wenigen Reisigen umgebenen Ritter zu fangen. Als dieser zurückkehrte, erkannte er sogleich die ihm drohende Gefahr und sprengte, um der Gefangenschaft zu entgehen, mit seinem Pferde den steilen Berg hinab in das Thal, wo er zerschmettert anlangte. Die Burg wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Seit jener Zeit treibt dort ein graues Männchen sein Wesen, das einst einem Försterburschen eine Thür zeigte, durch die er in ein großes Zimmer im Berge trat. Das Männchen erlaubte ihm auch, von dem vielen hier aufgespeicherten Gelde täglich eine bestimmte Summe zu holen. Als der Bursche aber noch einen seiner Kameraden mitbrachte, damit auch dieser die Schatzkammer kennen lerne, blieb er in der Höhle eingeschlossen.

Wenn am Pfingstmontage nach dem Gottesdienste die Lichter in der Kirche ausgelöscht werden, öffnet sich die Thür, und eine weiße Frau kommt heraus, die aber schon wieder nach einer halben Stunde hinter derselben verschwindet. Benutzt man diese halbe Stunde, so kann man die verborgenen Schätze aus der Höhle holen.

Ein Knabe aus dem sächsischen Grenzorte Rothenthal spielte eben auf der Violine, als die weiße Frau aus dem Felsen trat und ihn aufforderte, ihr etwas vorzuspielen. Furchtlos überschritt er den Grenzbach und spielte der Frau seine schönsten Melodien vor, in der Meinung, von ihr reich belohnt zu werden. Als die halbe Stunde verflossen war, nahm ihn aber die Frau nicht, wie er vermutet hatte, mit in den Berg, sondern füllte nur seinen Geigenkasten mit Laub.

Ärgerlich warf er dasselbe heraus und lief heim. Dort sah er noch einmal in den Kasten und fand drei Thaler darin. Eilends kehrte er zurück, fand aber weder die Frau, noch das weggeworfene Laub.

Ein andermal saß ein Mann am Ufer der Natschung und fischte. Da öffnete sich wieder die Thür im Raubschloß, und drei weiße Frauen traten heraus, gingen zum Bache und wuschen ihre Hände. Als sie den Mann sahen, riefen sie ihm zu, er möge drei Säcke holen, was sich dieser nicht zweimal sagen ließ. Obwohl die Frauen die Säcke nur mit Laub füllten, trug sie der Mann doch eine weite Strecke. Als sie ihm aber zu schwer wurden, schüttete er das Laub aus. Doch blieben in jedem Sacke einige Blätter, die er später als reines Gold erkannte. So oft er auch später die Stelle wieder aufsuchte, wo ihm das Glück so gelächelt hatte, die Frauen sah er nie wieder.