(Dietrich und Textor, Die romantischen Sagen des Erzgebirgs. 1. B. S. 305 etc. Darnach bei Gräße a. a. O. No. 563.)

Ein furchtbarer Krieg war vorüber; nach ihm erschienen teure Jahre, die Hungersnot und die Pest. Am verheerendsten wütete letztere im niedern Erzgebirge bis gegen Rauenstein und Lengefeld. Die letztgenannte Stadt wurde deshalb von dem Verkehre abgesperrt. Nun lebte aber in dem nahen Reifland ein junger Mann, der Sohn des Richters, welcher mit der Enkelin des ehrwürdigen alten Pfarrers zu Lengefeld verlobt war. Einst hatte er dieselbe mit eigener Lebensgefahr aus den Fluten der Flöha gerettet. Da nun die schreckliche Pest jeden Tag neue Opfer forderte und auch seine Braut, deren Vater und Großvater davon befallen wurde, brach der Jüngling nach Freiberg auf, wo unterdeß die Pest nachgelassen hatte. Dort hatten die Totengräber mehrere gewürzhafte Kräuter und Wurzeln in scharfen Essig aufgesetzt und damit sich selbst und vielen geholfen. Mit diesem Wunderessig, von welchem ihm die Totengräber angegeben hatten, daß er ihn aus einer berühmten Apotheke hole, kehrte der Jüngling um Mitternacht nach Reifland zurück, und als er seinen schlafenden Vater geküßt, schwamm er über die Flöha und gelangte unbemerkt zwischen den Wachen hindurch nach Lengefeld. Um den Vater seiner Braut zu retten, kam er zwar zu spät, allein es gelang ihm doch, diese selbst, sowie deren Großvater und viele andere mit seinem Wunderessig wieder herzustellen. Bald verschwand die furchtbare Pest, die Sperre wurde aufgehoben und die übrig gebliebenen Bewohner von Lengefeld, Rauenstein und Reifland feierten ein Wiedersehens- und Dankfest. Auf der Stelle, wo dies geschah und die Einwohner genannter Orte sich trafen, wurde zur Erinnerung ein Stein aufgerichtet und dieser bewahrt noch heute die Erinnerung an jene traurige Zeit.

656. Der rote Stein auf der Kirchgasse zu Annaberg.

(Ziehnert a. a. O., Anhang, No. 26.)

Auf der unteren Hälfte der großen Kirchgasse in Annaberg befindet sich im Pflaster ein roter Stein, von dem folgendes erzählt wird:

Ein Chorknabe stand auf der Galerie des Kirchturms und ward von einem Windstoß gefaßt und herabgeworfen. Da aber sein Chormantel ihm als Fallschirm diente, so kam er glücklich und wohlbehalten auf die Erde. Dies sah ein Schieferdecker, und alsbald kam dem verwogenen Gesellen ein Lüsten an, dieselbe Fahrt, welche ihm lustig genug schien, auch zu versuchen. Er nahm also einen Mantel um, stieg auf den Turm und sprang herab. Aber wehe, der Mantel verwickelte sich, und kopfüber im jählingen Sturze schmetterte der tollkühne Schieferdecker auf das Pflaster. Wo er seinen blutigen Tod fand, setzte man zum Andenken an diese Begebenheit den roten Stein in das Pflaster.

657. Das Kreuz und der Kelch bei Wolkenstein.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, No. 16. Fr. W. Köhler, Hist. Nachrichten von der Bergstadt Wolkenstein, 1781, S. 237.)

In der Mitte einer 100 Ellen hohen, steilen Felsenwand, welche an der Zschopau sich erhebt und das Schloß Wolkenstein trägt, waren früher ein Kreuz und Kelch in den Stein eingehauen. Diese beiden Zeichen erinnerten an eine traurige Begebenheit. Nämlich im Jahre 1428 ergriffen die Hussiten einen papistischen Priester in Wolkenstein und drohten ihm mit dem Tode, wenn er nicht sogleich seinen Glauben ändern würde. Der fromme, festgläubige Mann aber bekannte frei, ehe er dies thäte, wollte er lieber sterben. Hierauf schleppten ihn die Hussiten erbarmungslos an den Rand der steilen Felsenwand und stießen ihn hinab. An den vorragenden Felsenzacken zerschmettert, versank sein Leichnam in den Fluten der Zschopau.

658. Zeichen auf dem Katzensteine.