Das Todaustragen ist ein Privilegium der Mädchen. Knaben bringen ihnen aus dem Walde ein kleines Fichtenbäumchen. Die Mädchen schmücken erst dieses und dann sich selbst aufs beste und schönste. Darnach tragen sie das Bäumchen von Haus zu Haus und singen in jedem ein Liedchen, wofür sie Kuchen, Kaffee und Geld erhalten. Letzteres wird zu Kerzen für die Kirche oder Kapelle verwendet.
Das Todaustreiben fand sich früher an vielen Orten Sachsens, besonders der Lausitz und des Vogtlands, ferner in Böhmen, Schlesien u. s. w. Meist wurde dabei von den jungen Burschen ein Strohmann, welcher den Winter, in der späteren christlichen Zeit aber den Tod vorstellte, angeputzt, unter Gesang durch das Dorf getragen und endlich ins Wasser geworfen oder verbrannt. Mit grünen Zweigen geschmückt kehrte die Jugend wieder heim. Im Vogtlande sang man dabei das Lied:
»Wir alle, wir alle kommen 'raus,
Und tragen heute den Tod 'naus,
Komm' Frühling wieder mit uns in das Dorf,
Willkommen lieber Frühling!«
In Deutsch-Böhmen sang man:
»Nun treiben wir den Tod aus,
Den alten Weibern in das Haus,
Den Reichen in den Kasten,
Heute ist Mitfasten!«
Das Todaustreiben war ein Nachklang des alten Frühlingsfestes, von dem wir auch Andeutungen bei den alten Griechen und Römern, ja selbst in Persien und Indien finden, und das jedenfalls die indoeuropäischen Völkerstämme aus ihren Ursitzen in Asien mitbrachten. Bei den heidnischen Germanen wurde es vielleicht zu einem Feste der Ostara, der Göttin des aufgehenden Lichtes, oder der mütterlichen Erdgöttin Nerthus oder auch Odhins, bei den Slaven zu einem Feste der Ziva, der Göttin des Lichts und der Fruchtbarkeit.
Es ist sicher, daß die in verschiedenen Gegenden gefeierten Maifeste, bei denen eine Maikönigin oder ein Maikönig einzog, oder ein Maigraf aus dem Walde in die Stadt eingeholt wurde, oder bei denen man den in Tannenrinde und Laub gehüllten Pfingstbutz zu Roß ins Dorf führte (s. Mannhardt, die Götter der deutsch. und nord. Völker, S. 144 etc.), mit dem Todaustreiben gleiche Bedeutung hatten. Wegen der in unsern Gegenden zu zeitigen Feier des Frühlingsfestes im März, da häufig noch Eis und Schnee die Fluren deckte, wurde dieselbe vielfach auf den sonnigen Mai verlegt und jetzt nun nicht mehr der Winter verjagt, sondern der vor der Thür harrende Frühling eingeholt und begrüßt. (S. über die Frühlingsfeier bei den Germanen und Slaven: Preusker, Blicke in die vaterländische Vorzeit, I. S. 142–152.)
800. Der Totenteich bei Tharand.
(B. C. (Cotta), Tharand und seine Umgebungen. 1835. S. 101. Gräße, Sagenschatz etc. No. 268.)
Wenn man durch Tharand hinauf am Amthause vorbei nach dem Kalkofen und dann weiter im Thale fortgeht, so kommt man in den sogenannten Ebergrund und zur Ebermühle, bei welcher der von dem Mühlbache gebildete Totenteich liegt, der seinen Namen davon hat, daß früher bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts die Sitte herrschte, wenn die Bewohner der umliegenden Dörfer den Tod austrieben, den diesen vorstellenden Strohmann hier hineinzuwerfen. Man behauptet, bei hellem Sonnenschein in der Tiefe noch heute das steinerne Bild desselben liegen zu sehen.