In den Volksüberlieferungen werden die Zwerge, deren Frauen nach einer unserer Sagen die Klagemütter, in der Lausitz jedoch die Busch- oder Holzweibel sind (Preusker a. a. O., S. 52.), in mehrere Gattungen mit verschiedenen Namen geschieden, welche jedoch nicht immer streng von einander zu trennen sind. Vielfach gehen die eigentlichen, bunte Röcklein oder spitze rote Hüte tragenden und Höhlen und Schluchten des Gebirges bewohnenden Zwerge in Berggeister über. Letztere, als ursprünglich gutmütige und in Gestalt sehr verschieden, meist als Bergleute, Mönche, jedoch auch in einer erzgebirgischen Sage in Roßgestalt auftretende Wesen, nähern sich wieder, indem sie zuweilen boshaft werden, den Kobolden.
Der Berggeist kommt nur beim Bergwerke vor, und die Sagen von ihm sind gewiß so alt wie der Bergbau selbst. Mit Recht weist daher Wrubel (Sammlung bergmännischer Sagen, S. 5.) darauf hin, daß man unsern Berggeist wohl vom Rübezahl des Riesengebirges, welcher besser »Gebirgsgeist« zu nennen sei, unterscheiden müsse. Wenn wir auch in den Sagen vom Berggeiste einen Überrest des heidnischen Götterglaubens haben, so mochten doch die stetigen Gefahren, denen der Bergmann bei seinen Berufsgeschäften ausgesetzt ist, das von verschiedenen abergläubischen Meinungen beeinflußte Gemüt mit Bangen vor einer unterirdischen Macht erfüllen, welche allmählich festere Form annahm und zu einem Beherrscher des unterirdischen Reiches wurde. (Wrubel a. a. O., S. 8.)
Die Berggeister waren die Hüter von edlen Erzgängen, und vielleicht sind die sagenhaften Überlieferungen von den rätselhaften Fremden, welche das Erzgebirge, den Thüringerwald, das Vogtland, Fichtelgebirge und andere Landschaften nach Gold durchsuchten, und die als Venetier oder Wahlen von dem Volke mit überirdischen Kräften ausgestattet wurden, die das Innere der Berge kannten und mancher Zauberkünste kundig waren, zum Teil auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen.
Venetier, die nach der Volkssage in verschiedenen Gestalten auftraten, wuschen auch die Goldkörner aus den Brunnen und Flüssen, und so gehört wohl auch die Sage von dem Hutmanne in Wiesenthal, welcher einstmals auf dem Fichtelberge an einem Brunnen, dessen Boden von eitel Goldflammen leuchtete, einen in einem Buche lesenden Mönch antraf, ebenfalls hierher.
Ein anderes Geschlecht der Zwerge sind die Hausgeister und Kobolde, welche eine mehr heitere und neckische, zuweilen selbst boshafte Natur besitzen. Sie halten sich vorzugsweise in den Wohnungen der Menschen, aber auch in Bergwerken auf, und nur ganz vereinzelt erscheinen sie im Freien. Wie die Zwerge und die später besprochenen Moosweibchen sind auch die Kobolde unselige Geister. Daher hat ein Knabe in Lauter, welchem ein solcher Kobold keine Ruhe ließ, fleißig gebetet und gesagt: »Laß mich doch in Ruhe; wenn Du nicht beten willst und auch nicht beten kannst, so gehe Deiner Wege.« Andere Hausgeister sind befriedigt, wenn man ihnen ein wenig Milch aufstellt, und wäre es auch nur in einem Katzenschüsselchen, so daß sie daher Katzenveit, Heinzelmann, Katermann u. s. w. heißen. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 18.) Der erzgebirgische Katzenveit, dessen Jacob Grimm nur kurz und zwar als eines »Waldgeistes« im Fichtelgebirge gedenkt, erinnert in mancher Beziehung wieder an den Rübezahl des Riesengebirges.
Ein Hausgeist, wie das vogtländische »Schreckgökerle«, vor dem sich die Kinder fürchten, ist das »Schreckagerl«, welches wie andere Kobolde bei der Arbeit hilft; nur muß man ihm dafür zu essen geben. Dieses hilfreiche Beistehen bei der häuslichen Arbeit, das Füttern des Viehes, das Fegen der Küche und dergl. mehr gehört so recht zum Wesen der Kobolde. Unser Bahnbrecher in der Kenntnis der germanischen Götterlehre sagt in seiner deutschen Mythologie (S. 284.), daß es ihm scheine, man habe früher aus Buchsbaumholz kleine Hausgeister geschnitzt und dieselben in dem Zimmer aufgestellt; der Ernst habe sich in Scherz umgewandelt und die christliche Ansicht habe die Beibehaltung des alten Brauches geduldet. In gleicher Weise mag aber auch aus dem ursprünglich dienstfertigen Kobolde, welcher das Gesinde weckte und nach dem Rechten im Hause sah, mit der Zeit ein Polter- und Plagegeist geworden sein, der dann mehr teuflisch und gespenstisch auftrat. So sank, wie Jakob Grimm sich ausdrückt, der getreue Hausfreund des Heidentums zum Schreckbild und Gespött der Kinder herab, ein Los, das er mit Göttern und Göttinnen teilt. (Deutsche Myth., S. 293.)
Als Kindergespenst tritt überall im Erzgebirge das »Jüdel« oder »Hütchen« auf, welches den letzten Namen vielleicht von dem roten Hute der Zwerge hat. Das Jüdel spielt während ihres Schlafes mit den Kindern; es spielt auch des Nachts mit den Kühen. Will man das Jüdel als Hausgeist unterhalten, so muß man demselben Spielsachen geben. Wie unter den Kobolden der Katzenveit vom Kohlberge bei Zwickau und die Männchen des Koboldsteins bei Kloster Maria Sorg, so waren auch der Kaspar des Greifensteins und der Geist Mützchen bei Freiberg keine eigentlichen Hausgeister; bei letzterem ist durch die Nebelkappe deutlich seine Zwergnatur gekennzeichnet.
Zahlreich melden uns endlich Sagen von koboldartigen Wesen, welche in den Zechen den Bergknappen entgegentraten. Sollen doch die beiden Metalle Kobalt und Nickel, nach denen gegenwärtig vorzugsweise die Gruben des Schneeberg-Neustädtler Reviers abgebaut werden, von zwei neckischen Geistern ihre Namen erhalten haben. Von dem Kobalt, dessen Name zwar auch von dem böhmischen Kow, das Erz, kowalty, erzhaltig, abgeleitet wird, sagt ein alter Bergprediger: »Ihr Leute heißt es Kobalt und die Deutschen nennen den schwarzen Teufel Kobel, der Menschen und Vieh durch Zauberei Schaden thut. Es haben nun aber der Teufel und seine Hallraunen oder Drutten dem Kobalt, oder der Kobalt den Zauberinnen den Namen gegeben, so ist Kobalt ein giftig und schädlich Metall.« (Merkel, Erdbeschr. v. Kursachsen I. S. 176.)
Mit den Kobolden teilweise verwandt sind die Irrlichter, welche man sich als lebende Wesen vorstellt. Sie führen Menschen irre, hocken sich ihnen auf oder bestrafen sie auch, wie die erzgebirgische Sage von der unheimlichen Fackel erzählt. Irrlichter können aber auch in feuriger Gestalt umherschweifende Seelen sein, welche nicht der himmlischen Seligkeit teilhaftig wurden, und dann nähern sie sich den zum Gespensterspuk gehörenden feurigen Männern.
Aus der Klasse der Vegetationsgeister begegnen wir im Erzgebirge, als einem ursprünglichen Waldgebirge, hauptsächlich den Walddämonen unter den Namen von Waldgeistern, Waldteufeln, Moosmännchen, wilden Weibern und Holzweibchen. Wie die Nixe fügen sie sich nicht in die Civilisation, und obschon sie zuweilen freundlich mit den Menschen verkehren und dieselben für geleistete Dienste belohnen, so ist ihnen doch der Humor, welcher die Zwerge auszeichnet, fremd, und Schwermut oder große Wildheit charakterisiert sie. Zuweilen treten die Holzweibchen als Schicksalsverkündiger oder Wetterpropheten auf. Der wilde Jäger oder der Teufel verfolgt sie auch im Erzgebirge und ein Baumstamm mit eingehauenen Kreuzen gewährt ihnen gegen denselben Schutz, wenn sie sich auf ihm niederlassen. Die vogtländische Sage, welche von ihnen das meiste weiß (Jul. Schmidt, Topographie der Pflege Reichenfels und Witzschel, Sagen aus Thüringen), erzählt, daß sie vor dem wilden Jäger Ruhe finden, wenn sie sich auf einen Stamm setzen, in welchem während der Zeit, da man den Schall des niederfallenden Baumes hört, drei Kreuze in einem Zwickel gehauen wurden. Im Sagenschatz des K. Sachsen (zu No. 550.) bemerkt hierzu Gräße, daß viele glauben, die Holzweibchen seien aus den heidnischen Sorbenfrauen entstanden, die vor dem Christentume in die Wälder geflohen, wenn sie dieselben aber wieder verlassen hätten, von den Christen verfolgt bei Stämmen, auf denen drei Kreuze eingehauen gewesen, Schutz gesucht und gefunden hätten. Dagegen zählt Jakob Grimm die Holzweibchen, die nach ihm einen Übergang zu den Zwergen bilden, zu dem heidnischen Gespensterspuk, der sich aus den Vorstellungen von halbgöttlichen Wesen, mit denen das Heidentum den Wald bevölkert dachte, entwickelte. (Deutsche Myth., S. 243 und 520.) Und Nork greift in den Sitten und Gebräuchen der Deutschen (S. 63.) sogar auf die Gnomengestalten der indischen Sagen zurück, mit denen er unsere ähnlichen Sagenstoffe wie Ausläufer aus einer gemeinschaftlichen Wurzel in Verbindung setzt. – Unsere Sage nennt die Holzweibel auch Buschweibchen und faßt sie teilweise als den Moosweibchen gleiche Wesen auf. Die Moosweibchen waren immer zwerghaft und über und über mit Moos bewachsen; nach der thüringischen Sage wohnten sie an dunklen Orten und in Höhlen unter der Erde. (Richter, Sagen des Thüringer Landes, IV. S. 43.) Wie in Thüringen die Moosweibchen, so kamen auch im Erzgebirge die Buschweibchen zuweilen in die Wohnungen der Menschen und begehrten daselbst Essen. Sie beschenkten mit Spänen und Laub, welche Dinge sich später in Gold verwandelten. Bei uns wurden sie wie die eigentlichen Zwerge vertrieben, als man das Brot im Backofen zählte.