Achtlos wäre er an der Wohnung seiner Verlobten vorübergegangen, aber — da öffnete sich die Thür; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen „Godber, Godber, bist du da!“ ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch entgegenstreckte. Hätte er sie an seine Brust gezogen, sie würde seinen Kuß ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Daß er es nicht that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeußerung der Liebe, als die größere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen Landes in solchen Verhältnissen sie zuläßt, war die Tochter der Hallig gewöhnt. Wußte sie doch, daß er ihr treu geblieben sei; und wenn er es auch nicht geschrieben hätte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der Untreue unter den in früher Kindheit schon Verlobten eben so unerhört ist, als unter Gatten.

„Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum; denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne ankern sahen? — Wo ist denn das Schiff geblieben?“ Mit diesen Worten sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnsüchtiger Hoffnung hingeblickt hatte.

„Da!“ sagte Godber und streckte seine Hand seitwärts aus nach dem Wrack.

„Herr Gott!“ schrie Maria auf und wäre nun fast an die Brust des Geliebten gesunken. „So kämpftest Du mit dem Tode, während ich so ruhig von Dir träumte! Wir hörten wenig vom Winde in der Vorderstube und meinten, der Sturm habe längst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl, daß wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich hätte gern dabei gewacht. Sie aber meinte, es könnte die in dieser Gegend fremden Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewiß wissen wollte, daß Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet! Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie hätte ich geweint, wenn Du umgekommen wärest. Gewiß, ich wäre auch gestorben!“ und dabei deckte sie die Augen mit ihrer Schürze und weinte vor Angst und vor Freude.

Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thränen des Mädchens fielen wie glühende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein früheres volles Gefühl für sie wieder zurück. Er umfing sie mit seinen Armen, preßte sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia’s Bild ganz aus seinem Herzen verschwunden. Aber Maria riß sich schnell von ihm los und rief:

„Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in’s Haus. Der Thee soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?“

Diese Frage führte Godber’s Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er fiel wieder in seinen frühern Kaltsinn gegen Maria zurück und sprach hastig und in abgebrochenen Sätzen:

„Es sind noch Andere gerettet. — Leb’ wohl! — für jetzt! — Ich muß Bescheid bringen wegen des Schiffes.“

„Warte doch!“ entgegnete Maria. „Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. Laß’ mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.“

Damit sprang sie fröhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.