Geb’ ich Dir zurück,

Wenn ich liebend atme

Nur in Deinem Glück.

Godber sah in diesen und ähnlichen Ausdrücken die vollsten Beweise der hingebendsten Liebe, und sie dienten dazu, ihn in dem Bestreben zu bestärken, sein Verhältnis zu Maria mit dem Schleier völliger Vergessenheit zu bedecken; wie sie zugleich ihm die unbegrenzte Erwiderung solcher Liebe gleichsam als eine Pflicht auflegten, an deren Erfüllung doch auch sein Herz den größten Anteil hatte.

So gingen beinahe vierzehn Tage hin, und bis auf die nach einer solchen körperlichen und geistigen Aufregung sehr natürliche Mattigkeit war Godber’s Krankheit fast ganz vorüber, und durch sie der Bund der Liebenden fester als je geknüpft. Zugleich gab die Weise, wie Mander jetzt über diesen Bund sprach, der Neigung, die bisher dem freundlichen Traum der Gegenwart als einer flüchtigen Gunst des Geschicks ohne weitere Erwägung sich hingegeben, die bestimmte Richtung auf die Zukunft, gab ihr den bräutlichen Charakter in seiner Entschiedenheit des Bewußtseins.

Idalia betrachtete, obwol sie es sich gestehen mußte, daß auch in ihrer Brust durch die Liebe zu Godber manche neue Saite angeschlagen sei, doch diesen gegen die Worte ihres Liedes als ihr Gebilde. Hatte sie ihn nicht aus einer Beschränkung des Daseins erhoben, in der er sich früher wolgefallen? Hatte sie ihm nicht eine neue Welt geöffnet, an deren Pforte kaum sein kühnster Traum ihn ohne sie geführt hätte? Mußte er nicht in ihr das Gestirn erkennen, das ihm in eine schönere, genußreichere Zukunft hineinleuchtete, als wozu ihm seine Geburt und sein bisheriges Leben bestimmt zu haben schien? Daß sie dies klar denken und darnach, seltene Momente der Vergessenheit ausgenommen, ihre ganze Stellung gegen den Jüngling beurteilen und ihr Benehmen regeln konnte, zeigt, wie wenig ihre Brust der echten, weiblichen Liebe zugänglich war.

Vielleicht mochte ein Vorfall am neunten Tage der Krankheit Godber’s noch mehr dazu beitragen, Idalia zu einer scharfen, übersichtlichen Würdigung ihrer Verhältnisse zurückzuführen.

Es war ein heiterer Nachmittag. Die milde Herbstsonne blickte so freundlich und warm in die kleine, aber in ihrer lebhaften Färbung und zierlichen Ordnung recht gemütlich ansprechende Stube hinein. Während verschiedene Geschäfte alle übrigen Bewohner vom Hause entfernt hielten, saß Idalia allein an Godber’s Lager und bewachte seinen ruhigen Schlummer. Sein bleiches Gesicht, von dem alle Spuren des rauhen Seelebens verschwunden waren, während die beginnende Genesung schon ihre erste leise Röte auf die Wangen gehaucht hatte, erschien, halbbeleuchtet von einem schrägen Sonnenstrahl, in einem Lichte, das die männlich schöne Form desselben auf das Anmutigste hervorhob. Sie hatte ihn noch nie so anziehend gefunden und konnte sich nicht enthalten, mit einem leichten Kuß seine Lippen zu berühren. Erwachte er auch nicht davon, so mußte er diese Berührung doch gefühlt haben, denn sie schien, wie das stille Lächeln um seinen Mund bezeugte, sich mit einem angenehmen Traum vermählt oder diesen erst hervorgerufen zu haben. Idalia lehnte sich auf ihren Sitz zurück und ihre Augen mit behaglicher, verschwimmender Ruhe auf den Schlafenden richtend, fiel sie selbst auch bald in jenen Halbschlummer, der zwischen Wachen und Träumen die Mitte hält, und in welchem wir liebliche Erscheinungen der Phantasie bald mit halbgeöffneten, bald wieder mit geschlossenen Augen anlächeln; gleichwie das Kind, welches der Mutter freundlich Antlitz über der Wiege weiß, oft in seinen leisen Träumen durch die kaum gehobenen Wimpern den Blick durchschimmern läßt zu der Mutter auf.

Befremdet, aber noch ungewiß, ob sie wache oder träume, erhob Idalia sich aus diesem Schlummer, als sie eine dunkle Gestalt am Ende des Bettes stehen sah, die mit unverwandtem Blick sie und Godber betrachtete und bei Idalia’s Aufschauen den Finger auf den Mund legte, mit einer leisen Neigung gegen Godber, seinetwillen um Schweigen bittend. Es hätte vielleicht dieser Weisung kaum bedurft, da die unerwartete Erscheinung Maria’s, denn diese war es, wie lähmend auf ihre Nebenbuhlerin wirkte; wozu noch das von Nachtwachen und Seelenschmerz in eine Totenblässe verwandelte Gesicht der Verlassenen nicht wenig beitrug, sowie die ganze auf tiefe Trauer deutende Kleidung derselben. Besonders aber gab das schwarze Tuch, welches um den Kopf geschlungen, Stirn und Kinn fast ganz verhüllte, und die bleichen Wangen und den matten Glanz der Augen noch mehr hervortreten ließ, dieser Erscheinung etwas Schauerliches. Maria hatte den einfachen Goldreif, den Godber noch immer von ihr trug, mit vorsichtiger Berührung von seinem Finger abgestreift und barg ihn in die Falten ihres Busentuchs. Dann zog sie den Verlobungsring an ihrer Hand langsam ab und neigte sich gegen Idalia hin, als wollte sie denselben ihr geben. Dabei bewegten sich ihre Lippen in dem Versuch, einige Worte zu lispeln; aber die Zunge versagte den Dienst, nur ein hörbarer Seufzer drängte sich aus ihrer Brust, eine heiße Zähre fiel auf Idalia’s Hand und der Ring in deren Schooß. Maria aber wandte sich rasch, warf aber an der Thür noch einen langen, schmerzlichen Blick auf Godber hin, sah dann mit einem vertrauensvoll bittenden Lächeln Idalia an, als wolle sie ihr damit Godber’s Glück an’s Herz legen und — war verschwunden.

Idalia saß noch lange auf derselben Stelle, ehe eine klare Vorstellung über das Geschehene sich aus ihren irren Gedanken und wechselnden Gefühlen losrang. Daß sie das Herz eines liebenden Mädchens gebrochen, war ihr nun zur vollen Gewißheit und ihr Mitleid im höchsten Grade rege geworden. Zugleich fühlte sie sich unangenehm in der freien Leitung ihres eigenen Herzens auf gewisse Weise dadurch beschränkt, daß es ihr eine notwendige Pflicht geworden war, eine solche Liebe, wie Maria kund gab, dem Jüngling zu ersetzen, welchen sie jener entzogen. Stimmte auch diese Pflicht mit ihren Neigungen überein, so war sie doch nun eine Fessel und darum für diese Neigung nach ihrem Charakter weniger zu einem Sporn, als zu einem Rückhalt geeignet. Auch verbarg sie vor Godber den empfangenen Ring und verschwieg ihm sorgfältig das Erscheinen Maria’s an seinem Lager. So brachte sie die Unbehaglichkeit einer Verheimlichung in ihr Verhältnis zu ihm. Sie mochte heimlich fühlen, daß ihre Liebe nicht jeder Prüfung gewachsen sei; wie konnte sie das rechte, volle Vertrauen zu seiner Liebe haben?