Menschen schiffen kalt vorüber;
Doch der Engel weilt mit Lust!
Diese Verse fand Godber auf einem losen Zettel, der als Merkzeichen in einem der Bücher diente, welche Mander von Hold geliehen. Es mußte ihn dieses einfache Lied mächtig ergreifen, weil der Inhalt so ganz aus seinem Herzen genommen war. Er las es fast nie ohne Thränen, und hätte gern gegen den Pastor, der es allein verfaßt haben konnte, seinen innigsten Dank für dasselbe ausgesprochen, wenn ihm nicht dieser bei jedem zufälligen Zusammentreffen eine Scheu eingeflößt, wie die des Schuldbewußten vor seinem Verkläger. Den Schluß der Verse: „Doch der Engel weilt mit Lust!“ wandte er auf Idalia an, und sie ließ sich auch dies gefallen, weil seine Liebe ihr die Tage wirklich recht angenehm machte, und sie ja wußte, daß die Zeit ihres Aufenthalts auf der Hallig nicht mehr so lange dauern würde. Sie konnte daher auch auf seine Darstellungen von dem künftigen Zusammenleben auf seinem heimatlichen Eilande auf eine Weise eingehen, die es ihm lange verbarg, wie sie nur Träume in diesen Gemälden eines so genügsamen und weltverachtenden Glückes sah. Hätte sie es im Geringsten nur für möglich halten können, daß Godber bei der Wahl zwischen ihrem Besitz und dem Verlust der Heimat im Ernst schwanken würde, dann würde sie sich stolz, ja verächtlich, wenn auch mit wundem Herzen, von ihm zurückgezogen haben. Fühlte sie sich auch auf dieser öden Flur glücklicher, als je früher im Glanz der Welt, so dankte sie dieses Glück ja doch keineswegs dieser ärmlichen Scholle, sondern der hingebenden Liebe des Jünglings, von dem sie annahm, daß ihm außer ihr Alles gleichgültig sei. Gefiel sie sich auch in der Lebensweise, die sie jetzt führte, so war es doch nur der augenblickliche Reiz des Ungewohnten, des von ihren sonstigen Verhältnissen gänzlich Abstechenden und das Anziehende der hausfräulichen Sorge. Für die Unterhaltung weniger Wochen war dies Leben gut genug, mochte immerhin als eine neue Art von Badereisen gelten; aber für immer auf diesem Fleck zu bleiben, der Entbehrung und Entsagung aller Lebensgenüsse von seinen Bewohnern fordert, wo das Leben selbst immer auf der Spitze der Gefahr schwebt: das war ein Gedanke, der ihr zu fern stand, als daß sie ihn in der Seele eines Andern vermuten konnte, dem ein Tausch möglich war, und noch dazu ein Tausch, der alles Glück, das Liebe, Reichtum, Weltverkehr geben konnte, in die Wagschale legte.
Wenn wir aber Godber mit dem Gedanken hätten vertraut werden lassen, für jenes Glück seine Heimat aufzugeben, dann würde in ihm kein echter Halligbewohner gezeichnet sein.
Wir haben die Hallig, welche der Schauplatz unserer Erzählung ist, in einer Zeit gesehen, als die eine Hälfte der Wohnungen von den Fluten in Trümmerhaufen an den Deichen des festen Landes aufgedämmt und die andere Hälfte, nur noch bloße Pfahlgerippe darstellend, allein an dem Dache als gewesene Wohnungen kenntlich war; als ein einziges Haus auf der durchlöcherten Werfte kaum noch so weit stand, daß es zu einer Zuflucht der dem Wellentode Entronnenen dienen konnte; als die Aussicht auf die nächste Hallig nur einen kahlen Fleck zeigte, von dem Werfte, Häuser, Herden und Menschen in einer Nacht hinweggespült waren, ohne eine Spur ihres Daseins zu lassen. Wir haben Die, denen das nackte Leben kaum eine dankenswerte Gabe heißen konnte, mitten in der grausen Zerstörung, worin sie Alles eingebüßt, in der vollen Lebendigkeit der Schreckenserinnerung an die furchtbare Nacht, mit dem Eindruck, den Frost, Hunger, Nässe auf den Körper und durch ihn auf die Seele machen; wir haben sie in diesem Zustande gesprochen, wir haben es ihnen vorgehalten, wie die nächste Nacht die Verwüstung in dem Untergange Aller vollenden könne, und konnten nur zwei hochbejahrte Leute, die allein standen und zu schwach waren, sich ein Bretterdach aufzuschlagen, dazu überreden, ein sicheres Asyl anzunehmen. Alle andern blieben, und bauten, als später die wahrhaft christliche Mildthätigkeit der Hohen und Niedrigen, der Reichen und Armen im Lande es erlaubte, sich auf der geliebten Scholle wieder an. Sie hätten Wohnungen haben können, wo sie es wünschten, so reichlich flossen die Unterstützungen; aber sie fühlten wol, daß Heimweh ihnen den Tod bringen würde auch auf den gesegnetsten Fluren. Sie sprachen sogar den Wunsch aus, daß wir für immer bei ihnen bleiben möchten, und in ihrer Vorliebe für ihre Heimat meinten sie nicht, damit ein Opfer zu verlangen, wogegen sich unsere Ansprüche an das Leben sträuben könnten; denn für sie war eine Hallig, selbst nach den neuesten Erfahrungen, doch eine Stätte, die alle Wünsche befriedige.
Dies mußten wir hier einschalten, um es dem Leser begreiflich werden zu lassen, wie Godber dem Gedanken so fern stand, die Hallig wieder zu verlassen, und wie er sich schmeicheln konnte, Idalia werde diese Heimat gern mit ihm teilen. Lange konnte freilich diese Täuschung nicht währen, und Oswald war der erste, der dem Träumer die Augen öffnete.
„Wenn man hier nur eine alte Mähre herüberbringen könnte!“ äußerte Jener einmal bei Tische. „Es geht gar zu langsam mit dem Transport der Güter. Sollen wir ebenso langsam in die Frachtschiffe einschleppen, wie wir aus dem Wrack herausgeschleppt haben, so kann der Winter kommen und uns mit diesem „Kindlein in des Meeres Wiege“ in Eis und Schnee einwindeln bis zum Frühling. Auch wäre es gut, wenn mein künftiger Herr Schwager sich ein bißchen in der Reitkunst üben könnte.“
„Hier bedarf es keiner Reitkunst, und hier werd’ ich künftig an der Seite meiner Idalia leben, hier sterben,“ erwiderte Godber.
Oswald sah erstaunt bald auf ihn, bald auf Idalia, die auch in dem Tone, mit welchem Godber sprach, nicht den Scherz finden konnte, der doch notwendig in seinen Worten liegen mußte.
„Idalia hier!“ rief Oswald aus, als er wieder Worte fand für seine Verwunderung. „Hier, auf dieser einsam treibenden Rübe im weiten Kessel des Oceans! Hier auf dieser Amphibie, von der man nicht weiß, ob sie ein Landtier oder ein Seebutt ist! Hier in dieser Stube voll Himmelblau und Purpurrot! Hier bei dem ewigen Theetopf und seinen treuen Gevattern: Schafskäse und Schwarzbrot! Hier Idalia die Königin der Bälle! die Herrscherin im Herzgebiete der Männerwelt! die Entzückung und Verzweiflung von hundert Anbetern! die unbestrittene Siegerin im Kreise der Modedamen! Das war ein köstlicher Gedanke von Dir, Godber, über den ich in acht Tagen mich nicht ausgelacht habe.“