Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber hin und sagte:

„Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt. — Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk, müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt zusammenschlagen. Vor dem Worte: ‚Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist heilig!‘ vor der Wahrheit: ‚Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!‘ bestehet keine Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde in unserm Innern. Wer das ‚Heilig‘ nicht in seiner ganzen Bedeutung nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken, Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht, uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist heilig!“

Godber rang die Hände und schluchzte laut:

„Für mich ist keine Hülfe mehr!“

Hold aber fuhr fort:

„So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.“

„Er hat schon gerichtet!“ rief Godber.

„Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld. Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.“

„Ich weiß es! Ich weiß es!“ stöhnte Godber.

Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort: