Ein Mädchen von 17 Jahren athmete 12 Minuten Aetherdämpfe ein, bis sie in eine Lethargie verfiel. Bei der Amputation des Unterschenkels, welche Rayner vornahm, rief sie in der Mitte der Operation aus: »sie schneiden mir mein Bein ab«, doch nicht, als ob sie Schmerzen dabei empfände, und da man die Einathmungen fortsetzte, wurde die Operation ohne irgend eine Schmerzensäußerung von Seiten der Patientin vollendet; beim Nähen schien die Wirkung des Aethers schon verschwunden zu sein, denn bei jedem Stich klagte sie über heftigen Schmerz. Die Heilung des Stumpfes ging gut von Statten.

Den Tod beobachtete in Folge der Einathmung des Aethers Jobert bei zwei Frauen; der einen war eine krebshaft entartete Brust, der andern der Oberschenkel abgenommen worden. Die erste hatte 13 Minuten lang Aetherdampf eingeathmet, worauf sie noch nicht völlig empfindungslos wurde und noch etwas Schmerz bei der Operation empfand. Nach derselben stellten sich heftige Kopfschmerzen, heftige Schmerzen im Halse und in der Luftröhre ein. Später gesellte sich zu diesen Erscheinungen eine wandernde Rose. Der Tod erfolgte durch Erschütterung des Nervensystems und eine heftige Luftröhrenentzündung. Bei der Leichenöffnung fand man das Herz welk, die Lungen knisternd, die Schleimhaut der Luftröhre blutroth. Ungeachtet dieser Erscheinungen hielt Jobert die Aethereinathmung nicht für die alleinige Ursache des Todes. Die andere Kranke, welcher er den Oberschenkel einer weißen Kniegeschwulst wegen amputirte, hatte nur vier Minuten durch den Apparat geathmet, als sie schon vollkommen unempfindlich wurde, so daß sie von der Operation nichts fühlte. Erst nach zwei Stunden kehrte das Bewußtsein zurück. Am folgenden Tage war sie sehr aufgeregt, ihre Ideen verwirrt, ihre Rede unzusammenhängend. Dieser gereizte Zustand der Luftröhrenäste mit Schlaflosigkeit verbunden, dauerte bis zum siebenten Tage fort. Dazu gesellte sich nun ein nervöser Gesichtsschmerz, darauf Kinnbackenkrampf mit den bei diesem Zustande gewöhnlichen Erscheinungen, und der Tod trat am 15ten Tage nach der Operation ein. Bei der Leichenöffnung fanden sich die Häute des Gehirns und Rückenmarks, so wie die Substanz dieser Organe stark mit Blut überfüllt und letzteres erweicht. In den Gehirnhöhlen war blutiges Wasser enthalten. Kehlkopf, Schlund, Luftröhre und Luftröhrenäste waren geröthet und mit einer eiterähnlichen Substanz bedeckt. Auch die innere Oberfläche der Lungenarterie erschien geröthet. Sowohl aus dem Krankheitsverlauf als aus dem Leichenbefunde schließt Jobert, daß der Aether diesen Congestivzustand in den besonders afficirten Theilen hervorgerufen habe, und zieht aus diesen traurigen Folgen den Schluß, daß man nur mit großer Umsicht seine Zuflucht zu einem Mittel nehmen dürfe, welches unter gewissen Umständen einen so mächtigen Einfluß auf das Blut- und Nervensystem äußere.

Den Tod sah man in dem folgenden Falle bald nach der Operation eintreten. Anna Perkinson, die 21jährige Frau eines in Spittlegat in der Grafschaft Lincoln lebenden Friseurs, litt seit langer Zeit an einem Gewächs an der inneren Seite des linken Oberschenkels wahrscheinlich einer Fettgeschwulst, welches allmählig an Größe zunahm und allerlei Beschwerden verursachte. Da auch sie von der schmerzstillenden Wirkung des Aethers gehört hatte, wollte sie sich der Operation nur unter der Bedingung unterziehen, daß man das Mittel bei ihr anwende. Ihr Arzt, der Dr. Robbs, ein geschickter und erfahrener Mann, berieth sich nun mit mehreren Männern seines Faches, und so wurde denn die Operation am 9ten März, mit Unterstützung von drei anderen Aerzten, mit Geschicklichkeit und Umsicht vorgenommen. Robbs hatte alle mögliche Vorsicht angewendet, und einige Tage vor der Operation die Kranke zu verschiedenen Zeiten Aether einathmen lassen, um ihre Empfänglichkeit für das Mittel zu prüfen. Diese Versuche waren sehr glücklich abgelaufen, die Frau lachte dabei und erklärte hinterher, daß sie sich recht wohl gefühlt, ihr volles Bewußtsein behalten, aber die Empfindung verloren habe. Dennoch trat eine auffallende Veränderung in ihrem ganzen Wesen ein, sie wurde traurig und niedergeschlagen. Zu bemerken ist, daß sie volle 10 Minuten die Dämpfe eingeathmet hatte, eine ungewöhnlich lange Zeit. Bei dem zweiten Versuch setzte man die Zeit auf 5 Minuten herab, wo schon der nämliche Zustand eintrat. Erst nach einer Viertelstunde war sie wieder völlig klar und versicherte dann, sie hätte alles gewußt was im Zimmer vorgegangen sei, aber nicht sehen können. Bei der dritten verhängnißvollen Einathmung der Aetherdämpfe, womit man 10 Minuten lang fortfuhr, wurde die Operation gemacht. Obgleich die Kranke vollkommen betäubt zu sein schien, stieß sie beim ersten Schnitt einen tiefen Seufzer aus, wodurch man sich veranlaßt sah, noch mehr einathmen zu lassen. Die Kranke seufzte bei jedem Schnitt, und verrieth durch heftige Anstrengung des Körpers, daß sie volles Gefühl habe. Von der Unterbindung der Blutgefäße schien sie nichts zu fühlen. Der Blutverlust bei der Operation war höchst unbedeutend. Dann wurde sie zu Bette gebracht. Zu dem Gefühl einer großen Mattigkeit gesellte sich dann noch am nächsten Tage eine Empfindung von Taubheit im Rücken und den Schenkeln, jede Bewegung war ihr unmöglich. Dieser Zustand dauerte bis zum Tode, welcher vierzig Stunden nach der Operation eintrat.

Die Wundärzte, welche mit der Untersuchung der Leiche beauftragt waren, bezeugten Folgendes: daß die vorgefundene 7 Zoll lange Wunde nichts zeige, welches den schnellen Tod der Kranken erkläre. Die Operation sei mit der größten Vorsicht und Geschicklichkeit ausgeführt und kein größeres Nerv- oder Blutgefäß durchschnitten worden. Dagegen fand man eine starke Blutüberfüllung der Gefäße der Hirnhaut über den vorderen Hirnlappen, und eine ungewöhnliche dünnflüssige Beschaffenheit der gesammten Blutmasse. Diese beiden Erscheinungen wurden dem Aether zugeschrieben. Die exstirpirte Geschwulst war von fester Beschaffenheit und wurde als ein Osteosorkom erkannt. Die Jury fällte nach Anhörung des Berichtes der speciell mit der Untersuchung des Leichnams beauftragten Aerzte, so wie der Zeugenaussagen folgendes Verdikt: »Daß die dahingeschiedene Anna Perkinson an den Wirkungen des Aethers, welchen sie Behufs der Linderung des Schmerzes während der Operation eingeathmet habe, und nicht in Folge der Operation selbst gestorben sei.«

So sehr dieser traurige Ausgang einer an sich gefahrlosen Operation auch zu bedauern ist, so möge derselbe allen Aerzten zur Warnung dienen, bei der Anwendung des Aethers mit größter Behutsamkeit zu verfahren, und den Kranken lieber zu wenig als zu viel einathmen zu lassen. Daß hier aber letzteres geschehen und der Tod allein auf Rechnung dieses Mittels zu schreiben sei, ist nicht im Geringsten zu bezweifeln.

Ein anderer, eben so trauriger Fall von tödtlicher Wirkung der Aetherdämpfe, kam ebenfalls in England vor. Roger Nunn, Wundarzt an den Hospitälern in Colchester und Essex, machte dem 50jährigen Thomas Herbert den Steinschnitt. Der Kranke athmete die Aetherdämpfe nur 7 bis 8 Minuten lang ein, worauf die Operation ohne alle Hindernisse vollendet wurde. Dabei fand eine etwas stärkere Blutung, selbst aus den kleineren Gefäßen der Wunde statt. Während der Operation, welche nur 10 Minuten lang dauerte, wurde der Aether noch nachträglich in Pausen wieder angewendet. Hierauf wurde das Athmen mühsam und endlich röchelnd. Bald darauf besserte sich der Kranke etwas und es stellte sich einige Ruhe ein, jedoch blieb 24 Stunden lang jede Reaction aus. Man gab Branntwein in kleinen Quantitäten und Arrow-root, und legte Wärmflaschen ins Bette. Mit dieser Behandlung fuhr man bis zum folgenden Tage fort, wo man noch Ammoniak gab. Der Kranke redete von 8 Uhr Abends bis 9 Uhr Morgens irre, es hatte sich dabei etwas mehr Leben eingestellt, indeß starb er 5 Uhr Abends. – Die Leichenöffnung zeigte Congestionen nach den Häuten des Gehirns, jedoch keinen Blutaustritt; die Lungen waren permeabel, vorn blutleer, hinten angefüllt. Das Herz welk, von natürlicher Größe und fast leer, die linke Niere blaß, die rechte etwas mit Blut überfüllt. Die Wunde und die benachbarten Theile hatten die nach einem Steinschnitt gewöhnliche Beschaffenheit. Die ganze Blutmasse zeigte einen hohen Grad von Verflüssigung.

Die Londoner medizinische Zeitung stellt über diesen Fall folgende wahre und zu beherzigende Betrachtungen an: »die Aerzte sind bis jetzt in den Irrthum verfallen, die Sache nur von der einen Seite anzusehen. Bis jetzt giebt es nur eine Fluth von glücklichen Fällen, es ist aber Zeit, daß unsere Berichterstatter mit ihren glücklichen Beobachtungen inne halten und Rechenschaft von den Gefahren, welche diese neue Methode begleiten, ablegen.«

Gegen Magendie, welcher im Institute zu Frankreich sagte: »welches Interesse kann es für die Akademie der Wissenschaften haben, ob der Mensch mehr oder weniger leidet?« bemerkt Roser: »Wir vermögen uns nicht zur Höhe dieses akademischen Standpunktes zu erheben, und wissen die kitzliche Moral dieses Physiologen nicht zu theilen, der es für eine Erniedrigung erklärt, wenn sich der Mensch betäube, berausche. – Ueber die triviale Wohlweisheit, welche gleich wußte daß die neue Sache etwas Altes sei, dieweil ja sämmtliche Lehrbücher der Materia medica dem Aether berauschende Effekte zuschreiben, hat der gesunde Sinn der Aerzte und Laien selbst gerichtet. Die Befürchtung, daß der Aether gewisse noch unbekannte Schädlichkeiten für den späteren Erfolg der Operationen haben könnte, dürfte oder möchte, ist bis jetzt durch nichts begründet, und es sind andererseits die ernsten Folgen jener großen physischen Erschütterung und Erschöpfung wohl zu bedenken, welche der Schmerz selbst bei Operirten nicht selten zur Folge hat.«

Im ganz entgegengesetzten Sinne spricht sich Nathan in Oppenheims Journal aus, indem er sagt: »habent fata sua remedia; heute wird der Aether allerdings noch angestaunt; denn wer hätte gedacht, daß so Viele einem so entsetzlichen Coma glücklich entrinnen könnten; heute giebt gerade dieses Staunen der Schmerzlosigkeit noch einen unwiderstehlichen Reiz und den Werth eines summum bonum der Operation, heute, wir wissen es genau, erscheint unsere Prophezeiung, daß die Ueberraschung sich legen wird, und daß dann, aber dann erst, die vielen halben und die üblen Folgen des Aetherisirens eine umgekehrte Schätzung der Sachlage herbeiführen, und der Indicatio vitalis, oder der sicheren Operation, ihr altes, wohl verdientes Uebergewicht über die Indicatio symptomatica, oder die schmerzlosere Operation, wiedergeben werden, – allerdings noch lächerlich; – aber bis heute hat sich kein Aberglaube allgemein erhalten, und wir können nicht umhin, das blinde, rückhaltslose Vertrauen zu der Gutmüthigkeit des Aethers und seinen Wirkungen als pharmacodynamischen, oder wie Schultz sagen würde, als Qualitäten-Aberglauben zu betrachten, da uns die Gefahren und Weiterwirkungen eines tiefen, von keinem Senkblei erreichbaren Comas, stets dieselben, unausbleiblichen, gleich unberechnenbaren, scheinen, durch welches Mittel und auf wie kurze Zeit auch ein so bedeutsamer Hirnzustand erzeugt wird. Jeder weiß es übrigens, daß neue Mittel, sowohl im Grossen wie bei einzelnen Kranken, stets Wunder thun auf einige Tage oder Jahre.«

Anwendung der Aetherdämpfe in der Geburtshülfe.