Mad. G., eine zarte Dame, litt seit Jahren an einer Knochenauftreibung der rechten Seite des Oberkiefers, welche bereits in cariöse Zerstörung übergegangen war. Sie wollte sich der Operation nur unter der Bedingung unterziehen, daß ich sie vorher ätherisirte. Dies geschah. Kaum hatte sie einige Athemzüge gethan, als sie gleich einer Verklärten auf dem Stuhle da saß. Mit einer kleinen Säge sägte ich den kranken Knochentheil aus und stillte dann die Blutung. Die Kranke hatte bei der Operation keinen Laut von sich gegeben und versicherte, nichts empfunden zu haben. Auf meinen Wunsch gab sie mir eine Beschreibung ihres Zustandes, welche gewiß vom höchsten Interesse ist, und für die ich derselben meinen Dank hiermit abstatte.
»Trotz der großen Beängstigung hatte ich mir doch vorgenommen genau aufzumerken, in welcher Art der Aetherrausch sich meiner bemächtigen werde. Als ich den Schlauch an den Mund nahm, athmete ich zuerst nicht stärker als gewöhnlich. Man sagte mir, dies reiche nicht hin, und ich nahm nun stärkere Züge, die ich herunterschluckte, ohne daß ich anfänglich irgend eine Wirkung auf meinen Körper bemerkte. Plötzlich bekam ich ein Gefühl im Kopfe, als erweitere sich derselbe zu beiden Seiten der Schläfen, und eine Müdigkeit befiel mich, die mir die Augen schloß. Als ich dieselben öffnete, erkannte ich noch Alles und hörte auch noch ganz deutlich. Indem ich sie aber wieder zumachte, war ich wie in einem milden, gelblichen Lichtmeer. Ich sah noch einmal auf, sah durchs Fenster den Tag und auf dem Fenster die Blumentöpfe. Von jetzt an verstärkte sich die magische Helle vor den Augen; sie war nicht imponirend, doch ungemein mild, klar und beruhigend. – Ich empfand ein ganz leises Auftupfen auf die rechte Hand, und hörte wie von fern her die Frage des Hrn. Dieffenbach: »ob ich dies fühle?« Doch konnte ich nicht mehr die Augen öffnen, und nur durch Zeichen es bejahen. Dann hörte ich noch, wie dumpf verschollen, Bemerkungen der Aerzte, das Gehör betreffend, (war jedoch im Stande, ihre Stimmen genau zu unterscheiden,) und fühlte auch, daß ich unwillkürlich stöhnte. – Doch hier hören meine Beobachtungen auf. – Ein Traum begann. – Fortdauernd umflossen von einer himmlischen Helle, umgab mich unbeschreibliche Ruhe, und eine unnennbare Glückseligkeit und Zufriedenheit, der jeder irdische Wunsch, jede menschliche Regung fern war, ergoß sich in meine Seele, die zugleich ein unbestimmtes Gefühl, ich möchte es dem des Dankes am nächsten stellen, empfand. Und wiederum war ich nicht unthätig, mir war, als nahm ich großen Antheil an Etwas, das mich lebhaft interessirte, ohne daß ich jetzt sagen könnte, welcher Art dies gewesen. – Aber kein leiser Anklang an Geschehenes, Vergangenes tauchte in mir auf, und den tiefen, gottvollen Frieden störte nicht die entfernteste Rückerinneruug an das Leben – es war vergessen! – Da schlug ich die matten Augen auf – ich war erwacht! – Erst Verwunderung, dann ein Gefühl von Wehmuth bemächtigte sich meiner, – der schöne Traum war zerronnen! – Ich wurde mir bewußt, ich sei auf der Erde. Da hörte ich sprechen, sah die Herren um mich, fühlte eine Art Druck im Munde und plötzlich fiel mir ein, daß ich zu einer Operation mich gesetzt hatte! – Aber die Instrumente waren weg! Die Vorkehrungen waren beseitigt, und Blut an meinem Tuche bewies mir, daß Alles geschehen sei. Mein Erstaunen war grenzenlos! – Während einer sonst gewiß sehr schmerzhaften Operation, vor der ich mich so sehr geängstigt hatte, war ich ruhiger, glücklicher gewesen, als je eine irdische Freude mich gemacht hat; während mein Körper den Leiden der Erde unterworfen gewesen war, hatte meine Seele den Himmel geträumt! – Von der Operation selbst hatte ich auch nicht das Mindeste gefühlt! Ich hatte weder Anfang noch Ende derselben bemerkt und keine einzige unangenehme Empfindung gehabt. Jetzt fühlte ich mich matt, aber sonst vollkommen wohl, nur waren meine Glieder etwas ungelenkig, und ob ich gleich wieder ganz frei denken konnte, ging es mit dem Sprechen doch nur langsam und schwach. Doch nach Verlauf einer Stunde war auch dies Alles wieder zu seiner gehörigen Ordnung zurückgekehrt. Eigen und mir ganz unbegreiflich ist noch, daß schon eine Weile vorher, ehe ich zum Bewußtsein dessen kam, was um mich her vorging, ich Alles, was man von mir wünschte, gethan haben soll, als: ein Glas gehalten, Wasser in den Mund genommen u. s. w., dessen ich mich nachher durchaus nicht entsinnen konnte.«
M. G.
Wilhelmine B., ein 16jähriges Bauermädchen, litt seit einer Reihe von Jahren an einer enormen Auftreibung des Unterkiefers, welche die unteren Seitentheile und den Kinntheil einnahm und eine große Kugelgeschwulst bildete. Die Krankheit, welche Johannes Müller unter dem Namen Enchondrom so schön beschrieben hat, ist nach meinen Erfahrungen schon dadurch heilbar, daß man die überflüssige Masse fortnimmt, worauf der erhaltene Theil, sich rückbildend, wieder die Festigkeit des Knochens annimmt. Nachdem die Aetherdämpfe 4½ Minute lang eingeathmet waren, trat vollkommene Betäubung ein, worauf die auf dem Operationstisch sitzende Kranke niedergelegt wurde. Ich spaltete nun die Mitte der von der großen Knochengeschwulst weit ausgedehnten Lippe und Kinnhaut, vom Rande der ersteren an bis einen Zoll vor dem Kehlkopf, führte hier einen Querschnitt, und trennte dann die Weichgebilde von beiden Seiten in der Gestalt großer Lappen von der Geschwulst ab. Hierauf setzte ich an ihre Basis eine Messersäge und umsägte dieselbe von allen Seiten. Dann meißelte ich von den eingesägten Furchen aus den ganzen Tumor mit einem starken, breiten Messermeißel ab. Nach Stillung der Blutung und Wegnahme der scharfen Knochenränder mit einer Knochenscheere, vereinigte ich die Wundränder der Weichtheile, durch zwölf, theils umschlungene, theils Knopf-Nähte. Unter die Lippen auf dem Knochen wurde ein Bausch-Charpie gelegt. Die Kranke hatte bei der ganzen Operation keinen Laut von sich gegeben und war auch nach derselben noch halb betäubt. Sie hatte keine Art von Schmerzen empfunden.
Operation des Schielens.
Hr. N., Pharmaceut, schielte mit dem rechten Auge sehr stark nach innen, und wünschte davon befreit zu werden. Seine Empfindlichkeit für den Aether war so groß, daß er schon durch das Vorhalten von einem mit Aether besprengten Schwamm binnen 3 Minuten bewußt- und empfindungslos wurde. Ohne daß er sich im mindesten regte oder einen Laut von sich gab, konnte ich beide Augenlidhalter unter die Augenlider bringen, diese auseinanderziehen, die Bindehaut durchschneiden, den stumpfen Haken unter den inneren Augenmuskel bringen und diesen durchschneiden. Nach der Operation, welche etwa ¼ Minute gedauert hatte, kam der junge Mann bald wieder zu sich und gab an, keine Schmerzen empfunden zu haben.
Hr. Wilhelm E. schielte mit beiden Augen nach innen und wurde operirt, indem ich den inneren geraden Augenmuskel durchschnitt. Die Operation des linken Auges geschah ohne Aether, die des rechten mit demselben. Ich fand keinen Unterschied in der Operation, sie war auf beiden Augen gleich leicht und erforderte nur einige Augenblicke. Nach dem Erwachen des Kranken, zu dessen Betäubung nur 1½ Minuten gehörten, gab er an, die Operation des Auges, bei der er ätherisirt worden sei, gar nicht, die andere nur wenig empfunden zu haben.