Ich gebe Dir zu, daß in diesen Versen wenig Poesie ist; aber desto mehr ist darin lautere Wahrheit. Ich hielt mich hier nur zwei Stunden auf, umging die Area der Stadt, in welcher nichts, als die drei bekannten großen, alten Gebäude, die Wohnung des Monsignore, eines Bischofs, wie ich höre, ein elendes Wirthshaus und noch ein anderes jämmerliches Haus stehen. Das ist jetzt ganz Pästum. Hier dachte ich mir Schillers Mädchen aus der Fremde; aber weder die Geberin, noch die Gaben waren in dem zerstörten Paradiese. Ich suchte, jetzt in der Rosenzeit, Rosen in Pästum für Dich, um Dir ein klassisch sentimentales Geschenk mitzubringen; aber da kann ein Seher keine Rose finden. In der ganzen Gegend rund umher, versicherte mich einer von den Leuten des Monsignore, ist kein Rosenstock mehr. Ich durchschaute und durchsuchte selbst alles, auch den Garten des gnädigen Herrn; aber die Barbaren hatten keine einzige Rose. Darüber gerieth ich in hohen Eifer und donnerte über das Piakulum an der heiligen Natur. Der Wirth, mein Führer, sagte mir, vor sechs Jahren wären noch einige da gewesen; aber die Fremden hätten sie vollends alle weggerissen. Das war nun eine erbärmliche Entschuldigung. Ich machte ihm begreiflich, daß die Rosen von Pästum ehedem als die schönsten der Erde berühmt gewesen, daß er sie nicht mußte abreißen lassen, daß er nachpflanzen sollte, daß es sein Vortheil seyn würde, daß jeder Fremde gern etwas für eine pästische Rose bezahlte; daß ich, zum Beispiel, selbst jetzt wohl einen Piaster gäbe, wenn ich nur eine einzige erhalten könnte. Das Letzte besonders leuchtete dem Manne ein; um die schöne Natur schien er sich nicht zu bekümmern: dazu ist die dortige Menschheit zu tief gesunken. Er versprach darauf zu denken, und ich habe vielleicht das Verdienst, daß man künftig in Pästum wieder Rosen findet: wenigstens will ich hiermit alle bitten, die nämlichen Erinnerungen eindringlich zu wiederholen, bis es fruchtet.
Eine Abhandlung über die Tempel erwarte nicht. Ich setzte mich an einem Rest von Altar hin, der in einem derselben noch zu finden ist, und ruhte eine Viertelstunde unter meinen Freunden, den Griechen. Wenn einer ihrer Geister zurückkäme und mich Hyperboreer unter den letzten Trümmern, seiner Vaterstadt sähe! Hier ist mehr, als in Agrigent. Ich bin nicht der Erste, welcher es anmerkt, was die Leute für gewaltig hohe Stufen gemacht haben, hier und in Agrigent. Man muß sehr elastisch steigen, oder man ist in Gefahr sich einen Bruch zu schreiten. Daß einer von den Tempeln dem Neptun gehöre, beruht wahrscheinlich nur auf dem Umstand, daß Neptun der vorzüglichste Schutzgott der Stadt war: so wie man eines der Gebäude für eine Palästra hält, weil es anders, als die gewöhnlichen Tempel, mit zwei Reihen Säulen über einander gebauet ist. Sollte dieses nicht vielmehr ein Bulevterion gewesen seyn? Denn es läßt sich nicht wohl begreifen, wozu die obere Säulenreihe in einer Palästra dienen sollte. Vielleicht war es auch Bulevterion und Palästra zugleich; unten dieses, oben jenes. Nicht weit von den Gebäuden zeigte man mir noch als eine Seltenheit einen Stein, der nur vor kurzem gefunden seyn muß, weil ich ihn noch von niemand angeführt gefunden habe. Es ist aber nur ein gewöhnlicher Leichenstein, und zwar ziemlich neu aus der lateinischen Zeit. Das Quadrat der Stadt ist noch überall sehr deutlich zu unterscheiden durch die Trümmer der Mauern. Das Thor nach Salerno hin hat noch etwas hohes Gemäuer, und das Bergthor ist noch ziemlich ganz und wohl erhalten. Die beiden übrigen, die man mir als das Seethor und Justizthor nannte, zeigen nur noch ihre Spuren. Die Hauptursache, warum dieser Ort vor allen übrigen so gänzlich in Verfall gerathen ist, scheint mir das schlechte Wasser zu seyn. Ich versuchte zwei Mal zu trinken, und fand beide Mal Salzwasser: das Meer ist nicht fern, die Gegend ist tief, und auch aus den nahen Bergen kommt Salzwasser. Das süße Wasser mußte weit und mit vielen Kosten hergeleitet werden. Die Vegetation rechtfertigt noch jetzt Virgils Angabe. Der Anblick ist einer der schönsten und traurigsten. Als ich auf dem Rückwege zu Fuße etwas vorausging, lag auf den Aesten eines Feigenbaumes eine Schlange geringelt, die mich ruhig ansah. Sie war wohl stärker als ein Mannarm, ganz schwarz von Farbe und ihr Blick war furchtbar. Sie schien sich gar nicht um mich zu bekümmern, und ich hatte eben nicht Lust, ihre Bekanntschaft zu machen. Es fiel mir ein, daß Virgil atros colubros anführt, die er eben nicht als gutartig beschreibt: diese schien von der Sorte zu seyn.
Auf meiner Rückkehr hatte ich Gelegenheit, zwei sehr ungleichartige Herrn von dem neapolitanischen Militär kennen zu lernen. Ich wurde einige Millien von Salerno an der Straße angehalten, und ein Officier nicht mit der besten Physiognomie setzte sich geradezu zu mir in die Karriole, ohne eine Sylbe Apologie über ein solches Betragen zu machen, und wir fuhren weiter. Ich hörte, daß mein Fuhrmann vorher entschuldigend sagte: „E un signore Inglese:“ das half aber nichts; der Kriegsmann pflanzte sich ein. Als er Posto gefaßt hatte, wollte er mir durch allerhand Wendungen Rede abgewinnen: seine Grobheit hatte mich aber so verblüfft, daß ich keine Sylbe vorbrachte. Vor der Stadt stieg er aus und ging fort ohne ein Wörtchen Höflichkeit. Das ist noch etwas stärker, als die Impertinenz der deutschen Militäre hier und da gegen die sogenannten Philister, die doch auch zuweilen systematisch ungezogen ist. Als ich gegen Abend in der Stadt spaziren ging, redete mich ein Zweiter an: „Sie sind ein Engländer?“ — Nein. — „Aber ein Russe?“ — Nein. — „Doch ein Pole?“ — Auch nicht. — „Was sind Sie denn für ein Landsmann?“ — Ich bin ein Deutscher. — „Thut nichts; Sie sind ein Fremder und erlauben mir, daß ich Sie etwas begleite.“ — „Sehr gern; es wird mir angenehm seyn.“ Ich sah mich um, als ob ich etwas suchte. Er fragte mich, „ob ich in ein Kaffeehaus gehen wollte.“ Wenn man Eis dort hat: war meine Antwort. Das war zu haben: er führte mich und ich aß tüchtig, in der Voraussetzung, ich würde für mich und ihn tüchtig bezahlen müssen. Das pflegte so manchmal der Fall zu seyn. Aber als ich bezahlen wollte, sagte die Wirthin, es sei alles schon berichtigt. Das war ein schöner Gegensatz zu der Ungezogenheit vor zwei Stunden. Er begleitete mich noch in verschiedene Partien der Stadt, besonders hinauf zu den Kapuzinern, wo man eine der schönsten Aussichten über den ganzen Meerbusen von Salerno hat. Ich konnte mich nicht enthalten, dem jungen, artigen Manne das schlimme Betragen seines Kameraden zu erzählen. „Ich bin nicht gesonnen,“ sagte ich, „mich in der Fremde in Händel einzulassen; aber wenn ich den Namen des Officiers wüßte und einige Tage hier bliebe, würde ich doch vielleicht seinen Chef fragen, ob dieses hier in der Disciplin gut heiße.“ Der junge Mann fing nun eine große, lange Klage über viele Dinge an, die ich ihm sehr gern glaubte. Wir gingen eben vor einem Gefängnisse vorbei, aus dessen Gittern ein Kerl sah und uns anredete. „Dieser Mensch hat vierzig umgebracht,“ sagte der Officier, als wir weiter gingen. Ich sah ihn an. „Hoffentlich kann es ihm nicht bewiesen werden;“ erwiederte ich. — „Doch, doch; für wenigstens die Hälfte könnte der Beweis völlig geführt werden.“ Mich überlief ein kalter Schauder: „und die Regierung?“ fragte ich. „Ach Gott, die Regierung,“ sagte er ganz leise, — „braucht ihn.“ Hier faßte es mich wie die Hölle. Ich hatte dergleichen Dinge oft gehört; jetzt sollte ich es sogar sehen. Freund, wenn ich ein Neapolitaner wäre, ich wäre in Versuchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und mit dem Minister anzufangen. Welche Regierung ist das, die so entsetzlich mit dem Leben ihrer Bürger umgeht! Kann man sich eine größere Summe von Abscheulichkeit und Niederträchtigkeit denken? „Jetzt wird er doch nun hoffentlich seine Strafe bekommen;“ sagte ich zu meinem unbekannten Freunde. „Ach nein,“ antwortete er; „jetzt sitzt er wegen eines kleinen Subordinationsfehlers, und morgen früh kommt er los.“ — Wieder ein hübsches Stückchen von der Vergebung der Sünde! Die Amnestie des Königs hat die Armee und die Provinzen mit rechtlichen Räubern angefüllt. Er nahm die Banditen auf, sie waren brav, wie ihr Name sagt; er belohnte sie königlich, gab ihnen Aemter und Ehrenstellen, und jetzt treiben sie ihr Handwerk als Hauptleute der Provinzen gesetzlich. Dieses wird in der Residenz erzählt, auf den Straßen und in Provinzialstädten, und es werden mit Abscheu Personen und Ort und Umstände dabei genannt.
Ich lief eine Stunde in Pompeji herum, und sah, was die andern auch gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und den zu Tage geförderten Häusern hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich enge. Die Stadt muß aber bei dem allen prächtig genug gewesen seyn, und man kann sich nichts netter und geschmackvoller denken, als das kleine Theater, wo fast alles von schönem Marmor ist; und die Inskription mit eingelegter Bronze vor dem Proscenium ist, als ob sie nur vor wenigen Jahren gemacht wäre. Die Franzosen haben wieder einen beträchtlichen Theil ans Licht gefördert und sollen viel gefunden haben, wovon aber sehr wenig nach Paris ins Museum kommt. Jeder Kommissär scheint zu nehmen, was ihm am nächsten liegt, und die Regierung schweigt, wahrscheinlich mit berechneter Klugheit. Es ist etwas mehr als unartig, daß die alten schönen Wände so durchaus mit Namen bekleckst sind. Ich habe viele darunter gefunden, die diese kleine Eitelkeit wohl nicht sollten gehabt haben. Vorzüglich waren dabei einige französische Generale, von denen man dieses hier nicht hätte erwarten sollen: bei der Sibylle ist es etwas anders.
Von Salerno aus war ich mit einer Dame aus Caserta und ihrem Vater zurückgefahren. Als diese hörten, daß ich von Portici noch auf den Berg wollte, thaten sie den Vorschlag Partie zu machen. Ich hatte nichts dagegen; wir mietheten Esel und ritten. Was vorherzusehen war, geschah: die Dame konnte, als wir absteigen mußten, zu Fuße nicht weit fort und blieb zurück; und ich war so ungalant, mich nicht darum zu bekümmern. Der Herr Vetter strengte sich an, und arbeitete mir nach. Als wir an die Oeffnung gekommen waren, aus welcher der letzte Strom über Torre del Greco hinunter gebrochen war, wollte der Führer nicht weiter und sagte, weiter ginge sein Akkord nicht. Ich wollte mich weiter nicht über die Unverschämtheit des Betrügers ärgern und erklärte ihm ganz kurz und laut, er möchte machen was er wollte; ich würde hinaufsteigen. „Doch nicht allein?“ meinte er. „Ganz allein,“ sagte ich, „wenn Niemand mit mir geht;“ und ich stapelte immer rasch den Sandberg hinauf. Er besann sich doch und folgte. Es ist eine Arbeit, die schwerer ist, als auf den Aetna zu gehen; wenigstens über den Schnee, wie ich es fand. Der Sand und die Asche machen das Steigen entsetzlich beschwerlich: man sinkt fast so viel rückwärts, als man vorwärts geht. Es war übrigens Gewitterluft und drückend heiß. Endlich kam ich oben an dem Rande an. Der Krater ist jetzt, wie Du schon weißt, eingestürzt, der Berg dadurch beträchtlich niedriger, und es ist gar keine eigentliche größere Oeffnung mehr da. Nur an einigen Stellen dringt etwas Rauch durch die felsigen Lavaritzen hervor. Man kann also hinuntergehen. Die Franzosen, welche es zuerst thaten — wenigstens so viel man weiß — haben viele Rotomontade von der Unternehmung gemacht: jetzt ist es von der Seite von Pompeji ziemlich leicht. Fast jeder, der heraufsteigt, steigt hinab in den Schlund; und es sind von meinen Bekannten viele unten gewesen. Ich selbst hatte den rechten Weg nicht gefaßt, weil ich eine andere kleine Oeffnung untersuchen wollte, aus welcher noch etwas Dampf kam und zuweilen auch Flamme kommen soll. Die Zeit war mir nun zu kurz; sonst wäre ich von der andern Seite noch ganz hinunter gestiegen. Gefahr kann weiter nicht dabei seyn, als die gewöhnliche. Während mein Führer und der Kasertaner ruhten und schwatzten, sah ich mich um. Die Aussicht ist fast die nämliche, wie bei den Kamaldulensern: ich würde aber jene noch vorziehen, obgleich diese größer ist. Nur die Stadt und die ganze Partie vom Posilippo diesseits der Grotte hat man hier besser. Nie hatte ich noch so furchtbare Hitze ausgestanden, als im Heraufsteigen. Jetzt schwebten über Sorrent einige Wölkchen und über dem Avernus ein Donnerwetter: es ward Abend und ich eilte hinab. Hinunter geht es sehr schnell. Ich hatte schon Durst, als die Reise aufwärts ging; und nun suchte ich lechzend überall Wasser. Ein artiges liebliches Mädchen brachte uns endlich aus einem der obersten Weinberge ein großes, volles Gefäß. So durstig ich auch war, war mir doch das Mädchen fast willkommener, als das Wasser: und wenn ich länger hier blieb, ich glaube fast, ich würde den Vulkan gerade auf diesem Wege vielleicht ohne Führer noch oft besuchen. In einem großen Sommerhause, nicht weit von der heiligen Maria, erwartete uns die Dame und hatte unterdessen Thränen Christi bringen lassen. Aber das Wasser war mir oben lieber, als hier die köstlichen Thränen, und die Hebe des ersten wohl auch etwas lieber, als die Hebe der zweiten.
Es war schon ziemlich dunkel, als wir in Portici ankamen, und wir rollten noch in der letzten Abenddämmerung nach Neapel. Mit dem Museum in Portici war ich ziemlich unglücklich. Jetzt war es zu spät, es zu sehen. Das erste Mal war es nicht offen und ich sah bloß das Schloß und die Zimmer, die, wenn man die Arbeit aus Pompeji, einige schöne Lavatische und die Statuen zu Pferde aus dem Herkulanum wegnimmt, nichts Merkwürdiges enthalten. In dem Hofe des Museums liegen noch einige bronzene Pferdeköpfe aus dem Theater von Herkulanum: die Statuen selbst sind in der Lava zusammengeschmolzen. So viel ich von den Köpfen urtheilen kann, möchte ich wohl diese Pferde haben, und ich gäbe die Pariser von Venedig sogleich dafür hin. In dem Theater von Herkulanum bin ich eine ganze Stunde herumgewandelt, und habe den Ort gesehen, wo die Marmorpferde gestanden hatten, und den Ort, wo die bronzenen geschmolzen waren. Bekanntlich ist es hier viel schwerer zu graben, als in Pompeji: denn diese Lava ist Stein, jene nur Aschenregen. Dort sind nur Weinberge und Feigengärten auf der Oberfläche; hier steht die Stadt darauf: denn Portici steht gerade über dem alten Herkulanum; und fast gerade über dem Theater steht jetzt oben eine Kirche. Die Dame von Caserta gab mir beim Abschied am Toledo ihre Adresse: ich hatte aber nicht Zeit, mich weiter um sie zu bekümmern.
Obgleich der Vesuv gegen den Aetna nur ein Maulwurfshügel ist, so hat er doch durch seine klassische Nachbarschaft vielleicht ein größeres Interesse, als irgend ein anderer Vulkan der Erde. Ich war den ganzen Abend noch voll von der Aussicht oben, die ich noch nicht so ganz nach meinem Genius hatte genießen können. Ich setzte mich im Geist wieder hinauf und überschaute rund umher das schöne blühende magische Land. Die wichtigsten Scenen der Einbildungskraft der Alten lagen im Kreise da; unvermerkt gerieth ich ins Aufnehmen der Gegenstände um den Vulkan.
Vom Schedel des Verderbers sieht
Mein Auge weit hinab durch Flächen,
Auf welchen er in Feuerbächen