„Mylord.
„Ganz Europa weiß, daß Sie ein alter Geck sind, an dem nichts mehr zu bessern ist. Hätten Sie nur dreißig weniger, so würde ich von Ihnen für Ihre ungezogene Grobheit eine Genugthuung fordern, wie sie Leute von Ehre zu fordern berechtigt sind. Aber davor sind Sie nun gesichert. Ich schätze Jedermann, wo ich ihn finde, ohne Rücksicht auf Stand und Vermögen, nach dem was er selbst werth ist; und Sie sind nichts werth. Sie haben alles was sie verdienen — meine Verachtung.“
Der Lord hielt sich den Bauch vor Lachen über die Schnurre; er mag an solche Auftritte gewöhnt seyn. Aber der Zeichner setzte sich hin und fertigte das Blatt, das ich Dir gebe. Das langgestreckte Schwein, die vollen Flaschen auf dem Sattel, die leeren zerbrochenen Flaschen unten, das Glas, der Finger, der Krummstab, der große antike Weinkrug, der an dem Stocke lehnt, Alles charakterisirt bitter, auch ohne Kopf und Ohren und ohne den Vers; aber Alles ist Wahrheit. Der alte fünf und siebenzigjährige Pfaffe läßt noch kein Mädchen ruhig.
Auch seines Lebens letzten Rest
Beschäftigt noch Lucinde;
Wenn Ihn die Sünde schon verläßt,
Verläßt er nicht die Sünde.
Der Lord erhielt Nachricht von der Zeichnung, deren Notiz in den guten Gesellschaften in Rom herumlief, und knirschte doch mit den Zähnen. Für so verwegen hatte er einen Menschen nicht gehalten, der weder Bänder, noch Geld hatte. Endlich sagte er doch, nach der gewöhnlichen Regel, wo man zu bösem Spiele gute Miene macht: „Il s’est vengé en homme de génie.“ Die Zeichnung bekam ich und ich trage kein Bedenken sie Dir mitzutheilen. Für solche Delinquenten ist keine Strafe, als die öffentliche Meinung: und warum soll die öffentliche Meinung nicht — öffentlich seyn und öffentlich dokumentirt werden? Die Parteien sind der Maler Reinhart und Lord Bristol. Von Bristol ist nun wohl keine Besserung zu erwarten; aber Andere sollen nicht so werden, wie er ist: deßwegen wird es erzählt.
Mailand.
Von Rom hierher ging ich halb im Wagen, halb zu Fuße: im Wagen, so weit ich mußte, zu Fuße, so weit ich konnte. Man hatte während meines Aufenthalts in Rom auf der Straße von Florenz Courriere geplündert, Soldaten erschossen und große Summen geraubt. Es wäre Tollkühnheit gewesen, allein zu wallfahrten, wenn man nicht geradezu ein Bettler war, und sich durch das cantabit vacuus sichern konnte. Ich fuhr also mit einer Gesellschaft nach Florenz. Von Ronciglione nach Viterbo gehts am See hinauf über den Ciminus. Auf dem Berge empfehle ich Dir die Aussicht rechts hinüber nach dem Soratte; sie ist herrlich. Man sieht hinüber nach Nepi und Civitacastellana, bis fast nach Otricoli, und weiter hin, in die noch beschneiten Apenninen. Die Nebelwölkchen kräuselten sich herrlich und bezeichneten den Lauf der Tiber. Trotz der gedrohten Gefahr konnte ich doch nicht im Wagen bleiben, und trollte meistens zu Fuße voraus und hinterher. Nicht weit von Viterbo begegnete uns eine Gesellschaft, die, nach aller Beschreibung, die ich schon in Rom von ihnen hatte, eine Karavane deutscher Künstler war, welche von Paris nach Rom gingen. Der Wagen fuhr eben bergab sehr schnell, und ich konnte mich nicht erkundigen.