Auch heute mußt Du mit mir Geduld haben, liebes Mädchen; ich bin beständig wie auf der Post. Heute kam Igelström zu mir und zeigte mir seine Ordre, sich sogleich bei dem Kommando zu stellen. — Sei ruhig, Liebe, ich reise nicht. — Sein Befehl war, sogleich bei Empfang abzugehen. Die Ursache weiß ich sehr wohl. Auch einige andere Officiere haben schnell zu ihren Corps gehen müssen. Nun mußte ich ihm eine Menge Geschäfte besorgen helfen, die ich einem Freunde schuldig bin. Man muß mir nicht den Vorwurf machen, daß ich meine ernsthafteren Pflichten nicht willig und pünktlich erfülle. Man sagte uns, es seien auch Briefe an uns auf der Post: Du kannst denken, Liebe, daß mir das Herz schlug, ob wir nicht auch vielleicht Befehl erhalten würden. Die Briefe kamen, und waren zwar vom General, aber sie enthielten bloß freundschaftliche Allotria. Eigentlich wäre es nun wohl besser gewesen, ich wäre jetzt gereist; denn je eher ich hinkomme, desto eher bin ich wieder zurück. Aber Dich jetzt so krank zu verlassen, Dich vielleicht nicht einmal sehen zu können, das würde mein Herz nicht ausgehalten haben, so hart es auch seyn mag. Ich bitte Dich, liebes, theures Mädchen, werde ja nicht krank, nicht schlimm krank, oder ich kann nicht dafür bürgen, daß ich nicht gerade zu Deinem Vater gehe. Liebe, schreib’ mir, daß es besser mit Dir ist; schreib’ nicht viel, wenn es Dir schwer wird; nur einige Zeilen zu meiner Beruhigung. Wenn ich Dich nur wohl weiß, so bin ich glücklich genug. Täglich fühle ich mehr, wie sehr Liebe unser ganzes Wesen stimmen kann. Mein Vater starb, und ich fühlte Schmerz und weinte Thränen; aber welcher Unterschied zwischen jenem Gefühle und dem zärtlichen Kummer, den mir nur Dein Uebelbefinden macht. Mädchen, ich liebe Dich unaussprechlich: das habe ich so oft gesagt; aber ich sage es eben so oft, weil ich meine Liebe nicht aussprechen kann. Deine Gesundheit beschäftigt mich jede Stunde. Oft breche ich mitten in der Periode meiner Schreiberei ab, lege die Feder seitwärts, und sehe minutenlang, viertelstundenlang auf das leere Blatt. Meine theure, einzig innig geliebte M., ich bitte Dich bei der Glückseligkeit, die Du mir gegeben hast und geben willst, bei der ganzen innigen Zärtlichkeit, mit der ich Dich ewig lieben werde, sei sorgsam und aufmerksam auf Deine Gesundheit. Es macht mir unaussprechlich viel Unruhe, wenn ich Dich krank denken muß; um so mehr, da ich nicht hin kann, um Dich von Deinem Zustande zu überzeugen. Ein einziger Blick ist mehr, als eine lange Erzählung. Es hat mich recht geschmerzt, daß Du fandst, ich sei unordentlich; denn ich kann es nicht ganz für Scherz nehmen. Habe nur Geduld, ich halte viele Dinge zu sehr für Kleinigkeiten: im Wesentlichen hat mir noch Niemand Unordnung vorgeworfen. Du sollst finden, daß Du nicht vergebens zu mir gesprochen hast. Habe nur Muth, mit mir kannst Du alles Gute machen. Ich fühle, Mädchen, daß bei jedem Deiner Küsse meine Seele sich immer noch zärtlicher an dich schließt. Nie habe ich Begriffe von der Liebe eines Mädchens gehabt, jetzt ist mein ganzes Herz voll davon. Ich lasse Dir Gerechtigkeit, liebes Mädchen, ohne Erröthen Gerechtigkeit wiederfahren, Du bist zärtlicher als ich. Diesen Vorzug giebt Dir Deine Weibernatur, die lauter Grazie und Sanftmuth ist; denn bei Gott! in der Stärke der Liebe will ich mich auch von Dir nicht übertreffen lassen. Wenn ich Dich nicht glücklich mache, ich fühle den Werth meines Herzens, so glaube ich, es kann kein Sterblicher Dir Glück und Zufriedenheit geben. Ich habe Dir meinen ganzen alten Stolz geopfert, und unendlich gewonnen; ich würde Dir den Feldherrnstab und alle Ordensbänder opfern und immer gewinnen. Wenn doch die Menschen immer richtig nach Kopf und Herz mäßen, so würde nicht so viel Mißverstand seyn. Wenn wird die glückliche Zeit kommen, Liebe, wo ich Dir wenigstens täglich eine gute Nacht sagen darf? Aber würde der Geiz damit zufrieden seyn? Ich bin so glücklich, so glücklich, wie ein sterblicher Erdenbewohner seyn kann; lehre mich Genügsamkeit, Liebe. Nur für Deine Gesundheit will ich beten. Glaube mir, ich bin förmlich fromm geworden, seit ich Dich liebe.
Die Gottlosen sollten lieben, und sie würden sogleich aufhören zu lästern: die Abgötterei, welche Liebende begehen, ist mehr ein Lob des Schöpfers, als eine Blasphemie. Ein unnennbar süßes Gefühl bebt durch mein ganzes Wesen, hebt meine ganze Seele von der Erde empor, wenn Du mit frommer Vertraulichkeit mit einem Kusse Dich zu mir neigst. Ich bin vielleicht ein Kind; aber der Himmel erhalte mir und Dir diesen Kindersinn. Grüße Schwester F.......... Nimm den Kuß der Zärtlichkeit, und daß Dir der Himmel Gesundheit gebe.
Ewig Dein Seume.
Dritter Brief an Dieselbe.
Da soll ich arbeiten, liebes Mädchen, und meine ganze Seele ist bei Dir. Dein Briefchen hat mich nicht so sehr getröstet, als mich Sch.’s Nachrichten beunruhigt haben. Du bist sehr krank, wie ich höre, und ich soll ruhig seyn! Dein Arzt ist nicht zu Hause, zu dem Du noch das meiste Zutrauen hast; Du kannst nicht sprechen, Du leidest die empfindlichsten Schmerzen; und ich soll ruhig seyn! Da liegt der Bogen, den ich in die Druckerei liefern soll; ich habe ihn weggeworfen. Ich weiß in meinem Zustand mit nichts zu vergleichen, er ist mir ganz fremd: ich bin sehr traurig und möchte doch um Alles in der Welt nicht fröhlich seyn, wenn mir Jemand meine Traurigkeit nehmen wollte. Liebes, krankes Mädchen, und Du leidest sicher meinetwegen; meinetwegen hast Du Dich nicht geschont; wie werde ich, wie kann ich Dir alle Zärtlichkeiten vergelten, die Du mir schon gezeigt hast. Ich fühle, ich muß von Dir die Liebe lernen; ach, Theuerste, werde nur gesund, Du sollst ganz mit Deinem Schüler zufrieden seyn. Es ergreift mich beständig unwillkürlich eine Wehmuth, von welcher ich mich nicht losreißen will. Die Saiten, die ich Stümper auf dem Klaviere anschlage, beben alle melancholische Akkorde, und alle kleinen Stücke, die ich von der Laute greife, sind ungewöhnlich elegisch. Einige Töne, welche den Ton der Seele treffen, können einen Laien tiefer rühren, als den Meister die Kunstharmonien ihrer Zauberer. Ich bekenne Dir, Liebe, ich gäbe ganze Konzerte von Haydn für zwei Töne auf der Laute hin, wenn sie die Stimmung der Seele zurückbeben.
Es ist schon sehr hart, in einer solchen Entfernung von seiner Geliebten zu leben, wie ich: in einem so eigenen traurigen Verhältnisse zu stehen, wie ich; solche schöne Hoffnungen und so eigene Schwierigkeiten zu haben, wie ich; aber jetzt, da Du krank bist, da ich herumschleiche, wie ein Verirrter, da ich Dir so nahe bin und so fern, hat meine Lage keine ähnliche an qualvoller Angst. Ich spreche nicht, weil ich meine Empfindung lieber behalte als ausgebe; ich würde Dir auch nicht schreiben, wenn ich Dir verbergen könnte, wie es in meiner Seele aussieht. Selbst meine Gedanken sind so irrsam durcheinander, daß Du es vielleicht sogar meinem Briefe ansiehst. Es ist, als ob ich mich hinsetzen sollte zu sterben. Vergieb mir, bestes, theuerstes, ewig geliebtes Mädchen; ich sollte nicht klagen; denn ich bin ein Mann, und ein Mann soll stark seyn. Ein König mit seiner Macht könnte meinen Augen sicher keine Thräne auszwingen; meine eigenen Empfindungen haben oft schon die glühenden Tropfen bis an die Wimper getrieben. Ich weine wohl nicht, aber meine Augen brennen und eine hohe Gluth fährt elektrisch durch meinen Nacken. In welchem Lichte mag ich Dir erscheinen, Liebe? Man klagt mich so sehr der Härte, der Unempfindlichkeit, der Rohheit an: und in meinem Charakter, der meistens der eisernen Vernunft folgt, liegt etwas, das jener Beschuldigung einigen Anschein von Wahrheit giebt. Aber ich versichere Dich, bei allem, was einem ehrlichen Mann heilig seyn kann, es ist nur Schein, und wer in den Charakter nicht tiefer eindringt, bleibt bei dem Schein stehen. Du machst mir vielleicht einst den nämlichen Vorwurf, wenn meine Liebe sich in das Kleid des Vernunftmäßigen schickt, meine Seele sich vielleicht in die alte stoische Ruhe setzt, und Du dann glaubst, das Feuer meiner Empfindungen sei ausgestorben. Das würde mir schrecklich werden; denn ich versichere Dich, bei meiner anscheinenden Ruhe kocht es oft in der Tiefe wie ein Vulkan. Thue mir nie das Unrecht, Liebe, je an meinem Herzen zu zweifeln; setze es auf die Probe, wie Du willst, und es wird Probe halten. Meine Empfindungen sind ewig, denn sie sind wahr. Wenn ich nur einmal so glücklich wäre, näher um Dich zu seyn, mit Dir in innigern Verhältnissen zu stehen, damit Du mich ganz kennen lerntest, und sähest, daß ich ein Herz wie das Deinige ganz verdiene. Siehst Du, bestes, trautes Mädchen, meine Verse könnten Schminke tragen, meine Moral könnte Wortgepränge seyn, meine Briefe könnten lügen, meine Reden könnten Brast seyn, meine Küsse könnten Dir heucheln; denn wer würde nicht ein schönes, liebenswürdiges Mädchen feurig küssen, wenn er ihr Herz bestricken wollte: Alles an mir könnte Dich betrügen; aber nicht meine Handlungen, welche Dokumente bleiben, für oder gegen mich, nicht die herzliche, innige, zärtliche Aufmerksamkeit, mit der ich ununterbrochen mein ganzes Leben für Deine Glückseligkeit wachen würde. Meine heißeste Liebe zu Dir macht mich nicht blind, M..... ich kann Dich bei dem Glück, das ich von dieser Liebe hoffe, versichern, ich würde Dir es mit zärtlicher Schonung sogleich entdecken, wenn ich etwas an Dir fehlerhaft fände; aber Alles, Alles hat an Dir, so viel ich jetzt gesehen habe, meine Billigung, Manches hat mich entzückt, und selbst der kältere Beobachter würde nichts zu tadeln finden. Der Himmel hat mich in Deinem Herzen sehr gesegnet; ich habe so viele Glückseligkeit durch meine undankbar kalte Philosophie nicht verdient. Aber ganz kalt bin ich nie gewesen, ich hatte wenigstens die Empfänglichkeit der Wärme mir erhalten, sonst hätte ich Dich nicht geliebt, sonst hättest Du mir nicht geantwortet. Die Welt wird Dich sehr tadeln, wenn sie Deine Wahl erfährt; aber ich will Dich rechtfertigen dadurch, daß ich ihr zeige, ein Weib könne an meiner Seite wohl so glücklich seyn, als in einem goldnen Wagen. Mädchen, ich darf Dir bekennen, ich freue mich auf die Zeit wie ein Knabe, der noch zehn Jahre zu warten hat, bis ihm der Bart keimt. Gewiß, ich bin ein guter Mensch durchaus, und ein solcher wird nie ein schlechter Mann. Werde nur, werde nur gesund; ich bitte Dich, meine Theure, sorge für Dich; befolge jetzt die Vorschriften, die Dir der Arzt giebt, sei ruhig und habe Geduld. Wenn ich nur selbst ruhig seyn könnte, ich wollte Dir recht gute Predigten über die Ruhe halten. Mir ist alle Tage, als ob ich in euer Haus stürmen müßte, so zieht mich eine unaufhaltbare Gewalt immer in Deine Gegend. Mädchen, wenn Du wüßtest, wie oft ich in meinen Mantel gehüllt Abends dort in der Straße auf und abwandle; ich blicke nicht hinauf, weil ich nichts sehen würde, aber es thut mir doch etwas wohl, Dir so nahe zu seyn, bis mich meine Ungeduld fort nach Hause treibt. Ich habe mit Dir und bloß durch Dich schon manche schöne, herrliche Stunde genossen; aber eben dieser volle Genuß zeigt mir nun die Leerheit aller übrigen. Es ist, als ob ich nicht lebte, wenn ich nicht wenigstens in Gedanken bei Dir bin, so sehr bist Du Alleinherrscherin meines ganzen Wesens geworden. Ich kann, ich will nicht ruhig seyn, so lange Du nicht wohl bist, so lange Du nicht sicher in meinen Armen ruhest. M...., liebes, krankes, theures Mädchen, gewiß, es soll Dir noch recht wohl gehen, und Du sollst gesund seyn, und des Arztes nicht bedürfen. Denn blos eure verkehrte Lebensweise ist Schuld an euerm beständigen Uebelbefinden. Wenn ich doch so glücklich wäre, als ein sehr gleichgültiger Bekannter in euerm Hause zu seyn, nur dieses: nur um mich zu überzeugen, was ihr Leutchen für eine Menage führt, daß ihr immer nicht wohl seid. Aber was sage ich Unbesonnener? An Deiner Krankheit bin ich Schuld, blos ich; und sonst ist wohl Alles in der Familie wohl. Ich werde mir die Strafe auflegen, Dich nie wieder so zu sehen. Aber wenn werde ich Unglücklicher Dich nun wieder sehen? Das Schicksal bietet Alles auf, mich für meine ehemalige Härte recht weich zu machen. Ich kann Dir nun versichern, M....., ich bin nun so demüthig, als es nur die christliche Moral immer haben will. Werde nur wieder gesund, und rufe mich zu Dir; oder rufe mich auch nicht zu Dir und werde nur gesund.
Wenn nur Hygea ihre Kraft des Lebens
Durch Deiner Glieder Fülle gießt,
Wenn nur in Pulsen eines leichten Strebens
Dein Blut sanft auf und nieder fließt,