Dir und dem Himmel nur in einem Kuß,
In welchem alle Hochgefühle glühen.
Herrliches, liebes Mädchen, ich wünsche Dir baldige, feste, dauerhafte Genesung. Dann mußt Du durchaus Dein Arzt selbst seyn, wenigstens keinen andern als mich haben. Wenn ich nur ruhig seyn könnte! Ich küsse Dich so zärtlich als ich Dich liebe. Dein auf ewig.
Seume.
Vierter Brief an Dieselbe.
Heute bin ich schon etwas ruhiger Deinetwegen, da mir Sch. Nachricht von Deiner Besserung bringt. Aber ganz ruhig werde ich nicht eher, als bis ich Dich wieder einmal selbst sehe, und urtheile, daß Du gesund und wohl bist. Denn Deiner Versicherung über Deine Gesundheit glaube ich auch nicht; Du hast mich so oft getäuscht. Du glaubst, liebes Mädchen, hier ist die Täuschung wohlthätig und besser als Wahrheit. Das spricht Deine Liebe; aber das kann meine Liebe nicht glauben. Als ich Dich das letzte Mal in meinen Armen hielt, liebes Mädchen, wie gut und zärtlich warst Du da! wie liebevoll hingst Du an meinem Halse und athmetest an meinem Herzen. Aber Du warst krank, Du warst schon recht krank, armes Mädchen. Mir war’s, als ob Deine Küsse doppelte Zärtlichkeit hätten; es ist etwas Unaussprechliches in einem solchen Blicke, einem solchen Kusse. Wehe dem Menschen, den ein solcher Kuß nicht ganz zum reinen Geweihten seiner Liebe macht. Es liegt Wehmuth darin, unbeschreibliche Wehmuth, theuerstes Mädchen, ich glaube, ich fange jetzt erst recht an, Dich zu lieben, wie ich soll, und werde Dich an Zärtlichkeit übertreffen, wenn ein Mann je ein Mädchen an Zärtlichkeit übertreffen kann. Siehst Du, Liebe, ich lasse Dir und Deinem Geschlecht Gerechtigkeit wiederfahren; ich gestehe, ihr mögt zärtlicher lieben, aber liebt ihr auch treuer und standhafter und unverbrüchlicher? Das ist eine Frage, die ich nicht entscheiden mag. Mich däucht, Du mußt ein Muster aller dieser Tugenden seyn, weil Du mich wählen konntest. Das klingt stolz, Liebe, aber es ist wahr; und mit diesem Stolze wirst Du wohl zufrieden seyn. Du konntest wohl glauben, daß ein Mann, wie Du Dir meinen Charakter vorstellen mußtest, vorzüglich in so ernsten Dingen sehr ernst denkt, und doppelt ernst handelt: und doch eiltest Du in meine Arme. Du bist ein Engel für mich; ich weiß gar nicht, Mädchen, wie ich Dich ganz verdienen werde: aber verdienen will ich Dich, das Zeugniß sollst Du mir einst noch geben. Ich glaube, im ganzen Vaterlande ist kein Mädchen, das so gut und liebevoll wäre, als Du bist, M..... Mädchen, ich fühle Deinen Werth in mancher ganz kleinen Nüance, und liebe Dich täglich mehr. Das ist vielleicht eine Formel; denn ich glaube, ich kann Dich nicht mehr lieben, als gestern und ehegestern; und doch kommt mir’s jedesmal so vor, wenn ich Dich in meinen Armen halte. Aber weißt Du, Liebe, daß ich Dich jetzt als meine theuerste Geliebte doch noch nicht so liebe, als ich Dich lieben werde, wenn Du einst mein Weib seyn wirst: das fühle ich, das lieget in der Natur und ich wollte es philosophisch beweisen. Die Geliebte ist dem Liebhaber freilich das höchste, glühendste Ziel aller seiner Wünsche und Hoffnungen, aber das Weib muß dem Manne durchaus Alles, Alles, der ganze Zirkel seines Wesens seyn. Der Mann ist ein Verräther, dem sein Weib das nicht ist; und wehe dem Weibe, welches dieses alles dem guten Manne nicht seyn kann. Vergieb mir, liebe M....., Du weißt, ich bin kein Ueberzärtlicher, vergieb mir meine süße Schwärmerei: das denke ich mir durchaus als die seligste Periode der ganzen Erdenexistenz, wenn Du mir einen Knaben oder ein liebliches Mädchen entgegen tragen wirst. Da Du mich kennst, wirst Du mich deswegen nicht tadeln; da ich Dich kenne, darf ich wohl in den hohen Empfindungen meines Herzens ein Wort dieser Art zu Dir sprechen. Wenn ich so oft unter einer glücklichen Familie saß, und mich an den reinen Gesichtern der kleinen, fröhlichen Kinder weidete, stieg oft eine unbekannte Sehnsucht in mir auf. Ich dachte nie an die Hoffnung, selbst einst so glücklich zu werden, und ließ die kleinen, krauslockigen Jungen mich in den Haaren zausen und am Barte rupfen. Die Leute sagten immer, trotz meiner Wildheit, sähen sie daraus, daß ich ein guter Mann sei. Du, M....., hast mir diese neue Hoffnung geschaffen, und ich danke Dir dafür wärmer, als für alle Deine Küsse. Werde nicht eifersüchtig über meine sonderbare Philosophie. Du bist mir doch, bleibst mir doch Alles, der ganze Inbegriff des Segens, den ich mir vom Himmel erbitte. Mädchen werde nur wieder gesund: denkst Du etwa, das sei so ganz egoistisch? und daß Du so blos meinetwegen gesund werden sollst? Glaube das nicht, Liebe, ich wollte gern für Dich leiden und dulden, wenn ich Dir nur Deinen Schmerz abnehmen könnte. Seit ich Dich so herzlich liebe, bin ich, so wahr ich lebe, ein anderer Mann; ich habe das Leben selbst weit lieber, und mich däucht, es sei nun doch des Wunsches werth zu leben. Ehemals nahm ich mir wahrlich kaum die Mühe, das Leben zu wünschen.
Sonst sah’ ich manchen Frühling blühn,
Und sahe manchen Sommer fliehn,
Und bückte an des Beetes Saum
Mich nach der schönsten Blume kaum.