Zwischen Franz und Sankt Oswald steht rechts am Berge eine Pyramide mit einem Postament von schwarzem Marmor, auf dem die Unterwerfungsakte der Krainer an Karl den Sechsten eingegraben ist: Se substraverunt, heißt es mit klassisch diplomatischer Demuth. Eine Viertelstunde weiterhin ist links ein anderes neueres Monument, wie es mir schien, zur Ehre eines Ministers, der den Weg hatte machen lassen. Es war sehr kalt; die Schrift war schon ganz unleserlich und der Weg war auch wieder in übeln Umständen, obgleich beides höchstens nur von Karl dem Sechsten.

Abends kam ich mit vieler Anstrengung in Sankt Oswald an, ob ich gleich recht gut zu Mittag gegessen hatte; denn der Zufall mochte mich doch etwas geschwächt haben. Der Wirth, zu dem man mich hier wies, war ein Muster von Grobheit und hat die Ehre, der Einzige seiner Art auf meiner ganzen Reise zu seyn; denn alle übrigen waren leidlich artig. Ich trat ein und legte meinen Tornister ab. Es war Zweidunkel, zwischen Hund und Wolf. „Was will der Herr?“ fragte mich ein ziemlich dicker, handfester Kerl, der bei dem Präsidenten der italienischen Kanzlei in Wien Kammerdiener gewesen zu seyn schien, so ganz sprach er seine Sprache und seinen Dialekt. Du weißt, daß sehr oft ein Minister das Talent hat, durch sein wirksames Beispiel die Grobheit durch die ganze Provinz zu verbreiten. „Was will der Herr?“ Ich trat ihm etwas näher und sagte: „Essen, trinken und schlafen.“ — „Das erste kann er, das zweite nicht.“ — „Warum nicht? Ist hier nicht ein Wirthshaus?“ — „Nicht für Ihn.“ — „Für wen denn sonst?“ — „Für andere ehrliche Leute.“ — „Ich bin hoffentlich doch auch ein ehrlicher Mann.“ — „Geht mich nichts an.“ — „Aber es ist Abend, ich kann nicht weiter und werde also wohl hier bleiben müssen,“ sagte ich etwas bestimmt, hier gerieth der dicke Mann in Zorn, ballte seine beiden Fäuste mit einer solchen Heftigkeit, als ob er mit jeder auf einmal ein halbes Dutzend solcher Knotenstöcke zerbrechen wollte, wie ich trug. „Mach der Herr nur kein Federlesens, und pack Er sich, oder ich rufe meine Knechte, da soll die Geschichte bald zu Ende seyn.“ Er deutete grimmig auf die Thür und ging selbst hinaus. Ich wandte mich, als er hinaus war, an einen jungen Menschen, welcher der Sohn vom Hause zu seyn schien, und fragte ihn ganz sanft um die Ursache einer solchen Behandlung. Er antwortete mir nicht. Ich sagte, wenn man mir nicht trauete, so möchte man meine Sachen in Verwahrung nehmen, und Börse und Uhr und Paß und Taschenbuch dazu. Nun sagte er mir ängstlich, der Herr wäre aufgebracht, und es würde wohl bei dem bleiben, was er gesagt hätte. Hier kam der dicke Herr selbst wieder. „Ist der Herr noch nicht fort?“ — „Aber, Lieber, es ist ja ganz Nacht; ich bin sehr müde und es ist sehr kalt.“ — „Geht mich nichts an.“ — „Es ist kein anderes Wirthshaus in der Nähe.“ — „Wird schon eins finden.“ — „Auch wieder ein solches?“ — „Nur nicht räsonnirt und Marsch fort!“ — „Hier ist mein Paß aus der Wiener Staatskanzlei.“ — „Ei, was!“ rief er grimmig wüthend, und ohne mit Respekt zu sagen, „ich sch.... auf den Quark!“ Was war zu thun? Zur Bataille durfte ich es nicht wohl kommen lassen; denn da hätte ich, trotz meinem schwerbezwingten Knotenstock, Schläge bekommen für die Humanität, quantum satis, und noch etwas mehr. Der Mensch schien Kaiser und Papst in Sankt Oswald in einer Person zu seyn. Ich nahm ganz leise meinen Reisesack und ging zur Thür hinaus. War das nicht ein erbaulicher, ästhetischer Dialog?

Nun ist in ganz Sankt Oswald, so viel ich sah, weiter nichts, als dieses ziemlich ansehnliche Wirthshaus, die Post, ich glaube die Pfarre und einige kleine Tagelöhnerhütten. Zu der Postnation habe ich durch ganz Deutschland nicht das beste Zutrauen in Rücksicht der Humanität und Höflichkeit: das ist ein Resultat meiner Erfahrung, als ich mit Extrapost reis’te; nun denke Dir, wenn ein Kerl mit dem Habersack käme! Er möchte noch so viel Dukaten in der Tasche haben, und zehren wie ein reicher Erbe — das wäre wider Polizei und die Ehre des Hauses. Zu dem Pfarrer hätte ich wohl gehen sollen, wie ich nachher überlegte, um meine Schuldigkeit ganz gethan zu haben. Aber das Unwesen wurmte mich zu sehr; ich gab dem Heiligen im Geiste drei tüchtige Nasenstüber, daß er seine Leute so schlecht in der Zucht hielt, und schritt ganz trotzig an dem Berge durch die Schlucht hinunter in die Nacht hinein. Die tiefe Dämmerung, wo man aber doch im Zimmer noch nicht Licht hatte, und mein halb polnischer Anzug mochten mir auch wohl einen Streich gespielt haben: denn ich glaube fast, wenn wir einander hätten hell ins Gesicht sehen können, es wäre etwas glimpflicher gegangen. Die Gegend war nun voll Räuber und Wölfe, wie man mir erzählt hatte, ich marschirte also auf gutes Glück geradezu. Ungefähr eine halbe Stunde von dem Heiligen der schlechten Gastfreundschaft traf ich wieder ein Wirthshaus das klein und erbärmlich genug im Mondschein dort stand. Sehr ermüdet und etwas durchfroren trat ich wieder ein, und legte wieder ab. Da saßen drei Mädchen, von denen aber keine eine Sylbe deutsch sprach, und sangen, bei einem kleinen Lichtchen, ihrer kleinen Schwester ein gar liebliches krainisches Wiegentrio vor, um sie einzuschläfern. Endlich kam der Wirth, der etwas deutsch radbrechte: dieser gab mir freundlich Brot, Wurst und Wein, und ein Kopfkissen auf das Stroh. Ich war sehr froh, daß man mir kein Bett anbot; denn mein Lager war unstreitig das beste im ganzen Hause. Es war mir lieb bei dieser Gelegenheit eine gewöhnliche krainische Wirthschaft zu sehen, die dem Ansehen nach noch nicht die schlechteste war, und die doch nicht viel besser schien, als man sie bei den Letten und Esthen in Kurland und Liefland findet. Gleiche Ursachen bringen gleiche Wirkungen.

Bei Popetsch steht rechts von der Post, oben auf der Anhöhe, ein stattliches Haus, und hinter demselben zieht sich am Berge eine herrliche Partie von Eichbäumen hin. Es waren die ersten schönen Bäume dieser Art, die ich seit meinem letzten Spaziergange in dem Leipziger Rosenthale sah. Im Prater in Wien sind sie nicht zahlreich; dort in der Donaugegend sind die Pappeln und Weiden vorzüglich.

Nicht weit von Laybach fallen die Save und Laybach zusammen; und über die Save ist eine große hölzerne Brücke. Die Lage des Laybacher Schlosses hat von fern viel Aehnlichkeit mit dem Grätzer; und auch die Stadt liegt hier ziemlich angenehm an beiden Seiten des Flusses, eben so wie Grätz an der Murr. Die Brücken machen hier, wie in Grätz, die besten Marktplätze, da sie sehr bequem auf beiden Seiten mit Kaufmannsläden besetzt sind; eine große Annehmlichkeit für Fremde! Das Komödienhaus ist zwar nicht so gut, als in Grätz, aber doch immer sehr anständig; und auch hier sind am Eingange links und rechts Kaffee- und Billardzimmer.

Schantroch, der hiesige Entrepreneur, der abwechselnd hier, in Görz, in Klagenfurt, und auch zuweilen in Triest ist, gab Kotzebues Bayard. Er selbst spielte in einem ziemlich schlechten Dialekt, und seine ganze Gesellschaft hält keine Vergleichung mit der Domaratiussischen in Grätz aus. Man sprach hier von einem Stück in Knittelversen, das Alles, was Schiller und Lessing geschrieben haben, hinter sich lassen soll. Herr Schantroch, der mit mir an der nämlichen Wirthstafel speis’te, schien ein eben so seichter Kritiker zu seyn, als er ein mittelmäßiger Schauspieler ist. Doch ist seine Gesellschaft nicht ganz ohne Verdienst und hat einige Subjekte, die auch ihren Dialekt ziemlich überwunden haben: und Schantroch soll als Principal Alles thun, was in seinen Kräften ist, sie gut zu halten. Die Tagesordnung des Stadtgesprächs waren Balltrakasserien, wo sich vorzüglich ein Officier durch sein unanständiges, brüskes Betragen ausgezeichnet haben sollte: und dieser war, nach seinem Familiennamen zu urtheilen, leider unser Landsmann. Die Kaffeehäuser sind in Grätz und hier weit besser als in Wien; und das hiesige Schweizerkaffeehaus ist weit artiger und verhältnißmäßig anständiger, als das berühmte Milanosche in der Residenz, wo man sitzt, als ob man zur Finsterniß verdammt wäre. Du siehst, daß man für das letzte Zipfelchen unsers deutschen Vaterlandes hier ganz komfortabel lebt und uns noch Ehre genug macht.

Einige Barone aus der Provinz, die in meinem Gasthofe speis’ten, sprachen von den hiesigen Rechtsverhältnissen zwischen Obrigkeiten und Unterthanen; oder vielmehr zwischen Erbherren und Leibeigenen; denn das erstere ist nur ein Euphemismus: und da ergab sich denn für mich, den stillen Zuhörer, daß Alles noch ein großes, grobes, verworrenes Chaos ist, eine Mischung von rechtlicher Unterdrückung und alter Sklaverei.

Was Küttner von dem bösen Betragen der Franzosen in einigen andern Grenzgegenden gesagt hat, muß wohl hier nicht der Fall gewesen seyn. Alle Eingeborne, mit denen ich gesprochen habe, reden mit Achtung von ihnen, und sagen, sie haben weit von ihren eigenen Leuten gelitten. Aber auch diese verdienen mehr Entschuldigung, als man ihnen vielleicht gönnen will. Die Armee war gesprengt. Stelle Dir die fürchterliche Lage solcher Leute vor, wenn sie zumal in kleine Parteien geworfen werden. Der Feind sitzt im Rücken oder auch schon in den Seiten; sie wissen nicht, wo ihre Oberanführer sind, haben keine Kasse, keinen Mundvorrath mehr: nun kämpfen sie ums Leben überall, wo sie Vorrath treffen. Gutwillig giebt man ihnen nichts oder wenig: und die Bedürfnisse vieler sind groß. Natürlich sind die Halbgebildeten nicht immer im Stande, sich in den Grenzen der Besonnenheit zu halten. Die Einen wollen nichts geben, die Andern nehmen mehr, als sie brauchen. Daß dieses so ziemlich der Fall war, beweist der Erfolg. Es wurden hier einige Hunderte eingefangen und auf das Schloß zu Laybach gesetzt. Nun waren sie ordentlich und ruhig und sagten: „Wir wollen weiter nichts, als Essen; wir konnten doch nicht verhungern.“

Das Erdbeben, von dem man in Gräz fürchterliche Dinge erzählte, und sagte, es habe Laybach ganz zu Grunde gerichtet, ist nicht sehr merklich gewesen und hat nur einige alte Mauern eingestürzt. In Fiume, Triest und Görz soll man es stärker gespürt haben: doch hat es auch dort sehr wenig Schaden gethan. Der Verkehr ist hier ziemlich lebhaft; die Transporte kommen auf der Save von Ungern herauf in die Gegend der Stadt und werden zu Lande weiter geschafft. Vorzüglich gehen die Bedürfnisse jetzt ins Venetianische, für die dort stehenden Truppen, und auch nach Tyrol, das sich von dem Kriege noch nicht wieder erholt hat.

Zwischen der Save und der Laybach, wo beide Flüsse sich vereinigen, soll in den Berggegenden ein großer Strich Marschland liegen, an den die Regierung schon große Summen ohne Erfolg gewendet hat. Eine Anzahl Holländer denen man in Unternehmungen dieser Art wohl am meisten trauen darf, hat sich erboten, das Wasser zu bändigen und die Gegend brauchbar zu machen, mit der Bedingung, eine gewisse Zeit frei von Abgaben zu bleiben. Aber die Regierung ist bis jetzt nicht zu bewegen; aus welchen Gründen, kann man nicht wohl begreifen: und so bleibt der Landstrich öde und leer, und das Wasser thut immer mehr Schaden.