Es hat sich ein freundschaftlicher Zirkel von Officiren gebildet, in den man mich unvermerkt fast unzertrennlich hinein zog, und mit vieler Herzlichkeit behandelte. Münchhausen war stillschweigend durch seine Mischung von Ernst, Bonhommie und heiterer Laune darin die Hauptperson. Jeder trug das Seinige dazu bei, die Unterhaltung und die Menage zu würzen. Die meisten jungen Herrn waren tüchtige Nimrode; und so fehlte es uns selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die Lieferungsartikel, ausgenommen das Brot, welches vortrefflich war, waren nicht viel besser, als auf dem Schiffe. Die Lieblingsneigung eines jungen Mannes, welcher Buttlar hieß, zur Konditorei, machte besonders unsere Deserte sehr reich und köstlich, da es uns an Ingredienzen nicht fehlte; und ich erinnere mich selten besseres Backwerk genossen zu haben, als aus seiner Officin. Es war keine uninteressante Gruppe, wenn einer eine wilde Ente spickte, der andere Madeira brachte, der dritte das Gewehr putzte, der vierte Dienstaudienz gab, der fünfte mit Schürze und Geschirr vor dem Kamine Pastetchen schuf, der sechste den possirlichen Ansteher machte, und der siebente im Julius Cäsar las, aber mehr auf die Ente und die Pasteten, als auf den Text sahe. Der Dominus Konditor hatte eine paradiesische Freude und ein ganz verklärtes Antlitz, wenn wir seinem Machwerk durch heroisches Essen und kräftige Lobsprüche Ehre erwiesen; denn er genoß selten etwas davon. Nun gab es aber undankbare Schäker, die zuweilen nach dem Genuß eine bittere Kritik darüber anfingen: und dann gerieth nicht selten der junge Künstler in so heftiges Feuer, daß er Pfannen, Kasserolle, Kuchenformen und alle Geräthschaften zornentflammt durch einander warf und dreimal heilig schwur, er wolle für uns undankbare Gesellen keine Schürze mehr umbinden; welches er dann nach ächter Dilettantenart gewöhnlich drei Tage hielt, wo ihn die Naturschwachheit und Gutmüthigkeit wieder besiegte. Es gelang den Herren nicht, mich zum Jäger zu machen, ob ich gleich zuweilen aus Gefälligkeit mitzog, oder auch wohl allein mit dem Gewehr am Wasser herumstreifte: woran vorzüglich mein kurzes Auge Schuld haben mochte. Denn von Jugend auf konnte ich nur auf eine kleine Entfernung bestimmt sehen, ob ich gleich in der Nähe sehr scharf sahe und die kleinste Schrift bei Mondschein las; welches noch jetzt ziemlich unverändert eben so ist. In der alten Welt habe ich nie gefischt, außer zuweilen als Knabe mit meinem Vater in der Gippach, welche herrliche Schmerlen enthielt: in Amerika verführte mich der Reichthum des Fischzugs nicht selten zu diesem Vergnügen, wo ich in einer Stunde manchmal mehr Hummer und black salmon, eine Art kleinere, schwarzbraune Lachse fing, als ich nach Hause zu bringen im Stande war. Da beide Arten nicht zu meinem Geschmack gehörten, schenkte ich sie gewöhnlich dem ersten, der sie haben wollte. Für Hummer wählte ich kleinere zartere Krebse; und von den Fischen waren Aale, Makrelen, Kabeliaus und einige Schollenarten meine Lieblinge, die alle sehr reichlich und sehr wohlfeil dort zu haben waren: denn für einen englischen Stüber wurde ein Kabeliau gekauft, der mit dem Kopf auf der Schulter lag und mit dem Schwanze nicht selten die Erde berührte. Die Fische waren zwar im Lager als Fieber erzeugend verboten; aber ich ließ mich nicht abhalten meiner Liebhaberei zu folgen, und mußte selbst einmal dafür auf der Brandwache sitzen. Sie haben mir nie geschadet; vielleicht weil ich sie sehr einfach und meistens gebraten aß. Das war besonders der Fall mit einer sehr großen Sorte Häringe, die zum Einsalzen, wenigstens für die dortige Kunst, zu mächtig waren, aber einen herrlichen Bratfisch gaben. Ich bin nicht Naturhistoriker; aber es macht mir oft ein eigenes Vergnügen das Geschlecht der Häringe nach meiner Meinung durchzugehen, von dem großen ellenlangen, Amerikanischen Häringe herab bis zu der athenischen Aphye, die nur das Feuer zu riechen brauchte, um gekocht zu seyn, und die auch mit zu den Häringen zu gehören scheint. Dazwischen liegen der englische, der holländische, der schwedische, der dänische Häring; die Strömlinge und Killoströmlinge, vorzüglich aus der Peipussee; die Sprotten, die Anchovie, die Sardelle, die mit der Aphye fast eins zu seyn scheint: und weiß der Himmel, wie viele Arten noch in den indischen Meeren leben, mit denen ich unbekannt bin.

Münchhausen munterte mich beständig auf zur Arbeit, das hieß zum Dichten, wozu ich aber weder viel Zeit noch Lust hatte. Auch kann ich mich nur weniger Kleinigkeiten erinnern, die ich damals geschrieben hätte, und keiner einzigen, die verdient hätte aufbewahrt zu werden, wäre es auch nur als Beleg der Bildungsgeschichte; Alles war höchst mittelmäßig. Dafür lief ich, wenn ich Zeit hatte, mit Horaz oder Virgil in der Hand, oder auch wohl mit einem Homer, in den Wäldern herum, lagerte mich in einer Grotte oder alten Baumgruppe und vergaß nicht selten über meinen Lieblingsstellen den Sonnenuntergang, so daß ich sehr spät in das Lager oder die Kasernen zurückkam. Daneben war ein alter Hagedorn und ein Exemplar von Hölty, die ich irgendwo aufgetrieben hatte, meine Begleiter. Das Beste von Hölty wußte ich damals auswendig, wozu noch jetzt bei mir seine berühmten Traumbilder nicht gehören. Die Elegie am Grabe eines Dorfmädchens und am Grabe seines Vaters sind für mich noch jetzt die lieblichste Wehmuth, die ich in der Literatur kenne. Ich zeigte Münchhausen die Schönheiten und ihre Gründe, welches mir bei ihm sehr leicht ward; denn ich habe selten eine Seele für wahre Schönheit empfänglicher und enthusiastischer gefunden, als die seinige. Er bedauerte, daß er mir in den Klassikern nicht folgen konnte: aber was ich ihm daraus übersetzte, so wenig meisterhaft auch die Uebersetzung sein mochte, bewies ihm doch, daß meine Vorliebe für sie kein Vorurtheil war, und weckte ganz leise die Neigung, die bald Entschluß und Ausführung ward, selbst bekannt zu werden mit diesen reichen Schätzen ächter Kunst. Er überraschte mich einige Jahre nachher mit einer Kenntniß, die in Erstaunen setzte. In manchem Alten, vorzüglich im Flakkus, den er etwas hyperbolisch verehrte, hatte er mich zurückgelassen.

Der Dienst war, zumal für mich als Unterofficier, beschwerlich genug und ließ nicht viel Zeit übrig. Ueberdieß spannte mich noch dazu der Oberste Hatzfeld in das Joch als Schreibersknecht, so daß ich die noch übrigen Musestunden beim Adjutanten als Adjuvant saß, mir fast die Finger krumm schmierte und weiter nichts erntete, als ein freundliches „Wir bleiben euch in Gnaden gewogen;“ wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr Bischen Geist aufgab. Ich hatte bei dieser Veranlassung einen sehr tragikomischen Auftritt auf meine Unkosten. Niemand bemerkte die Runzeln und den Murrsinn auf meiner Stirne; das hieß Tag aus, Tag ein, schreib, Teufel, schreib; bis ich in meinem verkehrten Sinn auf ein verzweifeltes Mittel gerieth, mich zu befreien. So wie ich von der Wache kam, nahm ich mein Gewehr und ging in den Wald, um nicht zugegen zu sein, wenn, wie ich vermuthete, die Bothschaft zu Schreiberei kommen sollte. Das geschah: meine Entfernung wurde sogleich auch als absichtlich mit ziemlich boshaften Zusätzen durch die gehörigen Instanzen rapportirt. „Du wirst den Teufel auf den Hals bekommen,“ riefen mir meine Kameraden zu, als ich zurückkam; „der Oberste hat zweimal geschickt; du sollst schreiben.“ „So,“ sagte ich; „es ist gut.“ „Ich glaube vielmehr, es ist nicht gut,“ meinte der Feldwebel: „auch kommen Sie morgen wieder auf die Wache; es sind zwei auf Kommando gegangen.“ Den andern Morgen stand ich in der Front der Wachtparade, als der Oberste ziemlich grimmig auf mich zu kam und mir im Eifer einen Knopf vom Rocke drehete. Der Oberste war ein kolossalischer Mann, der auftrat, wie ein Herkules, mit dem Blicke Funken sprühte und eine Stimme sprach, wie eine Quartposaune, übrigens aber noch ziemlich human und wohlwollend war. Er soll zu seiner Zeit, wie man sagte, zu Rinteln mächtig renomirt haben. „Wo ist der Herr gestern gewesen?“ donnerte er mich an. „Auf der Jagd.“ Jedermann wußte, daß ich sonst eben kein Jäger war. „Ich will den Sakrementer jagen,“ fing er an und hielt eine kurze Art von energischer Galgenpredigt, deren Finale war, daß ich aus der Front ohne Säbel sogleich in die Wache befördert wurde. Nach der Parole wurde Exekution mit dem kalten Eisen gehalten, immer unter Fortsetzung des obigen erbaulichen Sermons von Distinktion und Unerkenntlichkeit und Halsstarrigkeit, mit einigen starken Donnerwettern durchschossen, die sein furchtbarer Baß ziemlich gut nachmachte. Sodann ging es wieder in die Wache. Den andern Morgen, als ich freigelassen wurde, oder vielmehr, als man die Kette etwas länger ließ, meldete ich mich ordonnanzmäßig bei den Instanzen, und also auch bei dem Obersten. „Sind wir nicht ein Paar recht dumme deutsche Dorfteufel,“ kam er mir komisch polternd entgegen, „daß wir uns nicht friedlich vertragen können und uns da so zanken und streiten müssen!“ „Ich darf nicht widersprechen, Herr Oberster,“ brummte ich halblaut mürrisch, skoptisch durch den Bart. „Zum Teufel, Herr, sei Er nicht impertinent!“ rief er. Nun fing ich an zu exponiren in aller Ordnung mit Bestimmtheit: daß der Dienst hart und strenge sei, daß ich von Wachen, Visitiren, Kommando’s wenig Nächte frei habe, daß, wenn meine Kameraden ausruheten, ich halb schlaftrunken mich am Schreibetische quälen müsse, daß ich das nicht aushalten könne u. s. w. Der Oberste rieb die Stirne, meinte, dem Dinge könne wohl abgeholfen werden; nur habe ich eine sehr schlechte Methode ergriffen. Da hatte er Recht. Nun frühstückten wir zusammen; er befahl, mich vom gewöhnlichen Dienst zu befreien, außer wenn das Bataillon manövrirte, um nur schreiben zu helfen; und dazu gab er mir monatlich einige spanische Thaler Zulage. Die Ausgleichung war besser, als der Prozeß. Die größte Freude über meinen Unfall hatte wohl das Zöfchen, dem ich auf der Weser auf dem Speiseschiffe im Amtseifer so strenge mitgespielt hatte, und das jetzt recht stattlich bei dem Major, wie man sagte, eine Art von haushälterischer Liebschaft machte. Sie lächelte mich so schadenfreundlich an, als ich mich vom Arrest meldete, als ob sie mir den ganzen Auftritt bei Bremen zurückgeben wollte.

Nun ging es gut: ich schrieb eine lange Zeit viel Regimentslisten, und that übrigens sehr wenig. Die Arbeit war zwar trocken und langweilig genug; da oft wegen eines alten morschen Pfanndeckels, der nicht zwei Pfennige werth war, einige Bogen umkopirt werden mußten: dafür fing aber eben auch damals dort das papierne Jahrhundert recht praktisch an, und hat seit der Zeit gehörige reichliche Früchte getragen. Bei Münchhausen konnte ich nun nicht so oft seyn, als ich wünschte und er zu wünschen schien: und die guten Leute hoben mir manchmal mein Stück wilde Ente und einige Pastetchen auf, bis ich erst spät zur Partie kommen konnte. Ich that abwechselnd Dienste, nach dem Behuf, als Korporal, Sergeant, Fourier und Feldwebel, so daß ich alle Süßigkeiten des kleinen Soldatenlebens recht auskosten konnte. Als Fourier war ich ein reicher Mann, weil bei den Lieferungen immer etwas an Brot, Butter, Fleisch, Rum u. s. w. übrig blieb; nur ein einziges Mal mußte ich über zehen spanische Thaler zusetzen: da hieß es denn: „thut der Herr nicht die Augen auf, so thue er den Beutel auf.“

An eigene Arbeit wurde jetzt wenig gedacht, so sehr mich auch Münchhausen antrieb: einige Kleinigkeiten verdienen nicht Erwähnung. Nur ein einziges Stück, das eine Art von Jagdstück war, wäre vielleicht nicht ganz unwerth als Bildungsanfang mit aufbehalten zu werden, wenn nur noch irgendwo etwas davon zu finden wäre, als in den Winkeln meines Gedächtnisses, wo nicht viel davon übrig ist. Einiger Verse erinnere ich mich; sie lauteten, glaube ich, so:

Laß uns ruhen, Freund, in dieser Höhle,

Auf dem grauen Steine da,

Den vielleicht noch keine Menschenseele

Seit dem ersten Tag der Erde sah.

Ha, wie schauervoll und furchtbar siehet