Dennoch glaub ich muß die Probe gemacht werden. Gesezt, es geht nicht, so kann es nicht schaden, daß Du wenigstens mit einigen Seiten der höhern Stände bekannt werdest, und eine solche Bekanntschaft kann Dir in mancher Art nüzlich werden. Hierbei also kommt es auf die Frage an: ob Du Dir Seelenstärke genug zutraust, um, wie es seyn muß, ohne Beklemmung in Deinen jetzigen Stand wieder zurük zu treten? Ich stelle mir, bei gehöriger Seelen Größe, einen solchen Zustand, als sehr angenehm vor. Man kennt dann die Unannehmlichkeiten der höhern Stände aus Erfahrung, und ist in dem seinigen desto zufriedener.

Komm also zu mir; denn ob ich gleich dadurch, daß ich Dich spreche, kaum in irgend etwas näher von Deinem Zustande werde belehrt werden, als ich es schon jezt bin, so freue ich mich doch theils darauf, Dich zu sehen; theils erwarte ich von Dir einige Winke, wohin ich Dich zuerst thun müße. Das allererste muß seyn, Deinen Körper, und Deine Sitten zu bilden ([Zusatz am Rande:] ehe dieses geschehen ist, kann ich Dich auch nicht einmal bei mir haben, weil dadurch auf einer Universität, bei Studenten, auf mich selbst ein übles Licht fallen würde): und nebenbei zu versuchen, ob das Gedächtniß, und die Zunge die Sprachen faßt. Dies kann ein paar Jahre dauren. Und Du brauchst vor der Hand weniger einen Lehrer, als eine Erzieherin. Um einem jungen Menschen Sitten beizubringen, ist das weibliche Geschlecht schlechthin unentbehrlich. Ferner muß das in einer Stadt, und zwar in einer schon etwas großen Stadt geschehen, und da kenne ich denn weder Stadt, noch Haus, in die ich Dich thun könnte. Hier in der Nähe wünschte ich es nicht: sonst wäre allenfals Weimar der Ort. Tanzen lernen müstest Du vor allen Dingen. Wenn Du dann so gebildet wärest, daß Du ohne Anstoß in Gesellschaft erscheinen könntest, so nähme ich Dich in mein Haus: und dann wollten wir wohl sehen. – Aber ob es dahin je kommen werde, das ist eben die Frage.

Was Du mir über den Aufwand schreibst, den mir dieses verursachen könnte, das muß ich Dir beantworten. – Du irrst, wenn Du glaubst, daß er gering seyn werde; weil Du die Sache nur einseitig; nur von der Seite des Lernens ansiehst; und auch über diesen Punkt nicht weißt, wie viel zu lernen ist, wovon Du noch gar keinen Begriff hast. Aber es ist überhaupt am Wenigsten vom Lernen; es ist von ganzer sittlicher Bildung die Rede; und diese kostet um so mehr Zeit, und Geld, wenn man schon so lange her verbildet ist. Du wirst aus dem, was ich oben über diese erste Vorbereitung gesagt habe, ohngefähr einen Schluß machen können. Aber das thut nichts zur Sache. Was ich mir vornehme, das muß seyn; und dazu muß das Geld mir werden; das wißt ihr ja aus vielfältiger Erfahrung. Ueberhaupt erheitern sich meine Aussichten über diesen Punkt: ich werde eine gute Einnahme, aber freilich auch eine starke Ausgabe haben; denn das geht hier zu Jena stets mit einander, und ist nicht zu trennen. – Aber arbeiten muß ich schon jezt, und werde ich müßen, wie noch nicht leicht ein Mensch gearbeitet hat.

Vom wiedergeben an mich, wovon Du auch redest, kann nie die Frage seyn: und ich will Dir im Fall der Möglichkeit sogleich jetzo feierlich eine Anweisung geben. Ich würde auf jeden Fall für unsere Eltern etwas gethan, gesorgt haben, ihnen ein bequemeres, freudenvolleres Alter zu verschaffen – besonders unserm guten Vater, der in seinem mühevollen Leben ein frohes Alter gar wohl verdient hätte. An diesen gieb zurük, wenn Dir Dein Plan gelingt; ich will unsern Eltern in Dir noch einen Sohn geben, der für sie thue, was ich vor der Hand nicht thun kann.

Ich erwarte Dich. Tritt nicht im Gasthofe ab, sondern komm gerade zu mir: auf der Bachgaße, in der Spachmeisterin [so steht, ziemlich deutlich, geschrieben; es soll wohl Sprachmeisterin heißen] Dyrr Hause wohne ich. Ich weiß nicht, ob ich Dich die Nacht werde logiren können, da ich jezt mir ein eigenes Hauswesen einrichte, ein paar Profeßoren den Tisch bei mir haben, und ich vor jetzt nur zwei Stuben inne habe. Aber wir werden ja sehen! – Ich bin von 7. Uhr früh Morgens Vormittags immer zu Hause, und ich werde sorgen, daß ich gegen den 7. Jul. nicht ..... [dringende?] Arbeit habe. Ich habe diese zwar immer; aber ich muß voraus arbeiten wenn ich kann. – Ferner wünschte ich nicht, daß Du weder auf dem Wege hierher, noch in der Stadt, noch in meinem Hause verbreitest, in welcher Beziehung Du mit mir stehst. Ich habe dazu meine Ursachen. Wenn Du bei mir bist, so wird sich dann alles finden. Wenn Du aber als mein Bruder erscheinst, so verlangen die Häuser, mit denen ich näher bekannt bin, und es sind deren viele, daß ich Dich mit ihnen bekannt mache: und das könnte weder Dir, noch ihnen, noch mir angenehm seyn. –

Der Brief hat keine Unterschrift, vielleicht ist noch ein Blatt angefügt gewesen.

In Bezug auf Fichte's Hauswesen, welches in dem Briefe berührt wird, mag daran erinnert werden, daß seine Gattin nebst seinem Schwiegervater erst im Laufe des Sommers (nicht vor Ende Juli) ihm nach Jena nachfolgte, und daß er unterdeß sich eine Köchin hielt, mit der er ziemlich zufrieden war (I, 217). Daher kommt es auch, daß, wie die späteren Briefe zeigen, Fichte's Frau seinen Bruder noch nicht kannte, obschon dieser jedenfalls im Juli bei ihm in Jena gewesen ist.

Die Schlußbemerkungen, wie auch die Randnotiz in der Mitte des Schreibens, zeigen, wie überaus sorgfältig, fast ängstlich, Fichte auf seinen gesellschaftlichen Ruf bedacht war. Bei ihm, der nicht blos Vorlesungen halten, sondern auf das ganze Wesen und Leben der Studirenden einwirken und sie aus der damals herrschenden studentischen Rohheit und Zügellosigkeit auch sittlich heben wollte, bei ihm versteht sich von selbst, daß er nicht in leerer Eitelkeit sich seines ungebildeten Bruders schämte, sondern höhere Rücksichten nahm.

9.

Meinem Bruder Gotthelf.