Herrn Fichte
durch Güte.
Den am 13. September erfolgten Tod des am 7. August 1737 gebornen, also über 75 Jahre alten Vaters meldet ein Brief Gottlob's, dessen Schluß fehlt. –
44.
Elstra, d. 14. Sept. 12.
Lieber Bruder
Unser guter Vater hat nun alle seine Leiden überstanden, er beschloß sein Leben gestern Abends halb 7 Uhr. Seine Krankheit war sehr hart, die Angst und Schmertz Gefühle verfolgten ihn bis an die letzte Minute des Todtes, er mußte alle schmertzhafte Zufälle empfinden, welche der Gewöhnliche Gang der Geschwulst mit sich bringt; noch 4 Tage vor seinem Ende zeigte sich durch Blut und Materie Auswurf, daß er ein LungenGeschwüre gehabt hatte, welche den sehr schweren und kurtzen Athem (von welchen ich Dir schon geschrieben) verursacht hatte; denn außer diesen würde er diese Angst nicht empfunden haben. Zu Deiner und der Deinigen Beruhigung muß ich Dich damit trösten, daß wir zu seiner Erquikung und Erleichterung alle nur mögliche Mühe angewendet und keine Kosten gesparet haben, wir haben D. Bentsche in Bischofswerda, den in unserer Gegend berühmtesten Arzt gebraucht, der hat ihn von Zeit zu Zeit selbst besuchet und ihn unter der Menge seiner übrigen Patienten am vorzüglichsten behandelt. Ich habe seit 6 Wochen, anfänglich die mehresten Nächte, späterhin die mehresten Tage und Nächte und seit 8 Tagen alle Tage und Nächte bei ihm zugebracht, und Verrichtungen wo nur Liebe und Pflicht Gefühl allen Ekel unterdrücken müssen welches man umsonst von fremden Leuten verlangen würde (das heißt bey uns zu Lande) selbst übernommen.
Auch Schwester Hanne hat sich seiner die letzten 8 Tage und Nächte treulich angenommen, sie hat ihn helfen pflegen, tragen, heben bey seinen sehr starken Durchfall ihn zu jeder Minute Reinlichkeit verschaffen helfen, die Aufgesprungenen geschwollenen Glieder geschmiert und Umschläge gemacht, dem Waßer welches durch den geschwollenen Weg von selbst nicht mehr ging geholfen, und alle mögliche Verrichtungen zu seiner Linderung übernommen.
Verzeihe mir diese Gründliche Erzählung, es geschieht aus keiner neben Absicht, es fühle bloß an mir selbst, daß einen Kinde Deiner Art mit dieser Ausführlichkeit gedienet seyn muß.
Den 16. d. zu Mittage in der 2 Stunde wird sein erblaßter Körper zur Ruhe befördert, nach hiesiger Landessitte mit Predigt und Paredation, zum Leichentext habe ich gewählet: Mache dich auf, werde Licht, den dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir, Dieser scheint mir auf des seel. Vaters denkenten forschenten Geist mehr zu paßen alle sonst gewöhnliche, und ich glaube den H. Pfarre damit volle Arbeit zu geben.
Der H. Pfarr hat sich des seel. Vaters treulich angenommen, ihn fleißig besuchet und mit Trostgründen aus der Religion welche vernünftig und den Kenntnißen des Vaters angemeßen waren, unterstüzt. Wer durch diese Veränderung am meisten verlohren hat, ist = die gute alte Mutter, sie hatt ihren besten Freund, ihren Begleiter im Alter verlohren, das tröstet und richtet sie noch etwas auf, daß Du und Deine liebe Frau ihr kräftigen Beystand versprochen habet, was meine Lage und Kräffte thun können, werde ich auch thun, daran zweifelst Du gewiß nicht.