Fünfte Rede.
Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit.

Zum Behuf einer Schilderung der Eigentümlichkeit der Deutschen ist der Grundunterschied zwischen diesen und den andern Völkern germanischer Abkunft angegeben worden, daß die ersteren in dem ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich fortentwickelnden Sprache geblieben, die letztern aber eine ihnen fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertötet worden. Wir haben zu Ende der vorigen Rede andre Erscheinungen an diesen also verschiedenen Volksstämmen angegeben, welche aus jenem Grundunterschiede notwendig erfolgen mußten; und werden heute diese Erscheinungen weiter entwickeln und fester auf ihrem gemeinsamen Boden begründen.

Eine Untersuchung, die sich der Gründlichkeit befleißet, kann manches Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht sich überheben. Wie wir ehemals in der Untersuchung, von der die gegenwärtige die Fortsetzung ist, taten, so werden wir auch hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen, daß diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden, will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter überlassen. Zwar werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er unsrer Ableitung zufolge sein mußte. Was aber die germanischen Ausländer betrifft, so werde ich nichts dagegen haben, wenn einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt, daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetzten Zügen völlig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zügen keineswegs in das Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht denn ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und dieses so ehrbar ausdrücken, als es mit der Wahrheit bestehen kann.

Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige Bildung und Leben jedes für sich seinen Gang fort. Es wird nützlich sein, zuvörderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu erklären. Zuvörderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu verstehen das ursprüngliche Leben und sein Fortfluß aus dem Quell alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen Verhältnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der bloßen Erhaltung jener Verhältnisse auf der Stufe, wo sie schon stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurückgeblieben. Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter zu allererst die Philosophie — wie wir dies mit dem ausländischen Namen bezeichnen müssen, da die Deutschen sich den vorlängst vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen — die Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen; denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens wissenschaftlich erfaßt. Von dieser und von aller auf sie gegründeten Wissenschaft wird nun gerühmt, daß beim Volke der lebendigen Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schöne Kunst und dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und daß es Herabwürdigung derselben sei, sie nach ihrer Nützlichkeit in diesem Dienste zu schätzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrücke näher zu bestimmen und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind wahr in folgendem doppelten aber beschränkten Sinne: zuvörderst, daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht müsse dienen wollen; sodann daß ein einzelner zufolge seiner persönlichen Abgeschiedenheit vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des allgemeinen göttlichen Lebens völlig aufgehen könne, ohne eines außer ihnen liegenden Antriebes zu bedürfen; und volle Befriedigung in ihnen finden könne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger Bedeutung; denn es ist ebenso unmöglich, daß es mehrere Selbstzwecke gebe, als es unmöglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einzige Selbstzweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das geistige Leben. Dieses äußert sich nur zum Teil und erscheint als ein ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Tätigkeit. Diese Tätigkeit erhält ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft, die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der Kunst; und insoweit könnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst da seien als Mittel für das tätige Leben, als den Zweck. Nun aber ist in dieser Form der Tätigkeit das Leben selber niemals vollendet und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche. Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein, so muß es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfällt, und in dem letztern, dem Tun, niemals vollständig ausgedrückt werden kann. Beide demnach, der Gedanke, sowie die Tätigkeit, sind nur in der Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber sind sie, eine wie die andre, dasselbe eine absolute Leben; und man kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um des Gedankens willen sei und also sei, sondern daß beides schlechthin sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung. Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbständiges Leben. — Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknüpfen. Was hilft alles Wissen, hört man zuweilen sagen, wenn nicht danach gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel für das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen. Man könnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das Gute zu kennen? und es würde in diesem Ausspruche das Wissen als das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprüche aber sind einseitig; und das Wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernünftigen Lebens sind.

In sich selbstbeständiges Leben aber, wie wir soeben uns ausdrückten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß er, ohne besondere Mühe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe aufs Handeln einfließt, nach ihm ebenso notwendig handelt. Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und vollständig er auch als ein solcher bloß möglicher Gedanke begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken möge, wie etwa jemand also denken könne. In diesem letztern Falle liegt zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen Denken ein großes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte wir nicht vollziehen mögen; und so bleibt jenes gedachte Denken von uns abstehend, und ein bloß mögliches und ein von uns frei gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese also entstandene Wirklichkeit des Gedankens für uns geht unsre Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Daß nun das letztere also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen, sondern es muß eben sich selbst machen, und der Gedanke selber muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden.

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befördert, ja, wenn das Denken nur von der gehörigen Tiefe und Stärke ist, sogar notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Fluß desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine fremde Denkart hineinversetzen. Wie überschwenglich wohl müßte der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt auf dem Felde dieser bescheiden sich begnügte. So eines Besitzers der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht gedacht, sondern nur geschwärmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache niedergelegten Begriffe sorgfältig entwickelt; er hat nur das nicht getan, was, falls es ihm gelänge, einem Wunder gleich zu achten wäre.

Es erhellt im Vorbeigehen, daß beim Volke einer toten Sprache im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug ist, der Trieb des Denkens noch am kräftigsten walten und die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; daß aber dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den Fesseln derselben immermehr ersterben müsse, so daß zuletzt die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtsein sich bescheiden wird, daß sie nur eine Erklärung des Wörterbuchs, oder wie undeutscher Geist unter uns dies hochtönender ausgedrückt hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, daß ein solches Volk etwa ein mittelmäßiges Lehrgedicht über die Heuchelei in Komödienform für ihr größtes philosophisches Werk anerkennen wird.

In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bildung, und hier insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben, sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf andres Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes Denken Leben ist, wird es gefühlt von seinem Besitzer mit innigem Wohlgefallen in seiner belebenden, verklärenden und befreienden Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern, will notwendig, daß allen andern dasselbe Heil widerfahre, und er ist so getrieben und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der ihm sein Wohlsein aufging, auch über andre sich verbreite. Anders derjenige, der bloß ein fremdes Denken als ein mögliches begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch Wehe gibt, sondern es nur seine Muße angenehm beschäftigt und unterhält, so kann er auch nicht glauben, daß es einem andern wohl oder wehe machen könne, und hält es zuletzt für einerlei, woran jemand seinen Scharfsinn übe, und womit er seine müßigen Stunden ausfülle.