In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben niemals vermocht hätte, erhält nun dieses es von ihnen zurück, und vermittelst dieses Durchgangs allein wird eine Fortbildung des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine Vereinigung der beiden Haupthälften und ein regelmäßiger Fortfluß der menschlichen Entwicklung möglich. In dieser neuen Ordnung der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern im Kleinsten wie im Größten wird es immer bekennen müssen, daß es durch irgendeinen Wink des Auslandes angeregt worden, welches Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einführen, was dort nur obenhin und flüchtig entworfen wurde. An treffenden und tiefgreifenden Beispielen dieses Verhältnis darzulegen, ist, wie schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns vor auf die künftige Rede.
Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins, und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein Pfropfreis auf dem Stamme der altertümlichen Bildung, welche letztere außerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein und die Menschheit ihren Wert von vorn wieder angefangen haben würde. In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen am Ziele zusammenlaufenden Bestimmungen müssen nun beide Teile, jeder sich selbst und den andern, erkennen, und denselben gemäß einander benutzen; besonders aber jeder den andern zu erhalten und in seiner Eigentümlichkeit unverfälscht zu lassen sich bequemen; wenn es mit allseitiger und vollständiger Bildung des Ganzen einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt, so dürfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunächst der Sinn für die Tiefe verliehen ist, ausgehen müssen. Wenn aber in seiner Blindheit für solche Verhältnisse und fortgerissen von oberflächlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen sollte, sein Mutterland der Selbständigkeit zu berauben, und es dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich: so würde dasselbe, wenn ihm dieser Vorsatz gelänge, dadurch für sich selbst die letzte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing mit der Natur und dem Leben, und es würde gänzlich anheimfallen dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten immer sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wäre der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers Geschlechts in der Tat beschlossen, und die Barbarei müßte wieder beginnen und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis wir insgesamt wieder in Höhlen lebten, wie die wilden Tiere, und gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich also sei, und notwendig also erfolgen müsse, kann freilich nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch; dem Ausländer, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegrenztes Feld hat, sich in der seinigen zu bewundern, muß es, und mag es immer erscheinen als eine abgeschmackte Lästerung der schlecht unterrichteten Unwissenheit.
Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dünste sich absondern und sich emporheben zu den Wolken und durch welche auch noch die in den Tartarus verwiesenen alten Götter zusammenhängen mit dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umgebende ewige Himmel, an welchem die leichten Dünste sich verdichten zu Wolken, die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl geschwängert, herabfallen, als befeuchtender Regen, der Himmel und Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem Schoße der letztern entkeimen läßt. Wollen neue Titanen abermals den Himmel erstürmen? Er wird für sie nicht Himmel sein, denn sie sind Erdgeborne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des Himmels entrückt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere und unfruchtbare Behausung ihnen zurückbleiben. Aber was vermöchte, sagt ein römischer Dichter, was vermöchte ein Typhoeus, oder der gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhötus, oder der kühne Schleuderer ausgerissener Baumstämme, Enceladus, wenn sie sich stürzen gegen Pallas' tönenden Schild. Dieser selbige Schild ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen, uns unter seinen Schutz zu begeben.
Sechste Rede.
Darlegung der deutschen Grundzüge in der Geschichte.
Welche Hauptunterschiede sein würden zwischen einem Volke, das in seiner ursprünglichen Sprache sich fortbildet, und einem solchen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei dieser Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung überlassen, ob in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich einträten, die zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten müßten; was aber die Deutschen betrifft, machten wir uns anheischig darzulegen, daß diese sich wirklich also geäußert, wie unsern Behauptungen zufolge das Volk einer Ursprache sich äußern müsse. Wir gehen heute an die Erfüllung unsres Versprechens, und zwar legen wir das zu Erweisende zunächst dar an der letzten großen und in gewissem Sinne vollendeten Welttat des deutschen Volkes, an der kirchlichen Reformation.
Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben predigende Christentum war schon für die Römer etwas Fremdartiges und Ausländisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrungen und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht aneinander passende Hälften; wobei jedoch die Anfügung des fremden Teils durch den angestammten schwermütigen Aberglauben vermittelt wurde. An den eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zöglinge, in denen keine frühere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch kein angestammter Aberglaube sie begünstigte und so wurde sie denn an dieselben gebracht, als ein zum Römer, das sie nun einmal sein wollten, eben auch gehöriges Stück, ohne sonderlichen Einfluß auf ihr Leben. Daß diese christlichen Erzieher von der altrömischen Bildung und dem Sprachverständnisse, als dem Behälter derselben, nicht mehr an diese Neubekehrten kommen ließen, als mit ihren Absichten sich vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund des Verfalls und der Ertötung der römischen Sprache in ihrem Munde. Als späterhin die echten und unverfälschten Denkmale der alten Bildung in die Hände dieser Völker fielen und dadurch der Trieb, selbsttätig zu denken und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde: so mußte, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war, teils kein angestammtes Erschrecken vor den Göttern ihm das Gegengewicht hielt, der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge, welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenständen desselben geworden waren, dieselben weit härter treffen, denn sogar die Römer, als an diese zuerst das Christentum kam. Einleuchten des vollkommenen Widerspruchs aus demjenigen, woran man bisher treuherzig geglaubt hat, erregt Lachen; die, welche das Rätsel gelöst hatten, lachten und spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelöst hatten, lachten mit, gesichert dadurch, daß nur sehr wenigen der Zugang zur altertümlichen Bildung, als dem Lösungsmittel des Zaubers, offen stehe. Ich deute hiermit vorzüglich auf Italien, als den damaligen Hauptsitz der neurömischen Bildung, hinter welchem die übrigen neurömischen Stämme in jeder Rücksicht noch sehr weit zurück waren.
Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den er erbittert hätte; sie wurden durch diesen ausschließenden Besitz einer ungemeinen Erkenntnis um so sicherer ein vornehmer und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, daß der große Haufe, für den sie kein Gemüt hatten, dem Truge ferner preisgegeben und so auch für ihre Zwecke folgsamer erhalten bliebe. Also nur, daß das Volk betrogen werde, der Vornehmere den Betrug nütze und sein lache, konnte es fortbestehen; und es würde wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen wäre, außer Neurömern, also fortbestanden haben bis ans Ende der Tage.
Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was früher über die Fortsetzung der alten Bildung durch die neue und über den Anteil, den die Neurömer daran zu haben vermögen, gesagt wurde. Die neue Klarheit ging aus von den Alten, sie fiel zuerst in den Mittelpunkt der neurömischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen und anders zu gestalten.
Nicht länger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf das Leben herab religiöses Gemüt fiel, und, wenn dieses Gemüt von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Häupter fand, welche auf sein entschiedenes Bedürfnis etwas gaben. So tief auch das Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer in ihm ein Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist und der ein Leben, das nur wirkliches und selbständiges Leben ist, sicher anregt; die Frage: was sollen wir tun, damit wir selig werden? War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo es entweder überhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas wie Seligkeit im Ernste möglich sei, oder, wenn auch das erste angenommen worden wäre, dennoch gar kein fester und entschiedener Wille, selbst auch selig zu werden, vorhanden war, so hatte auf diesem Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender und blasser Schatten im Gedächtnisse und in der Einbildungskraft behangen geblieben; und so mußten natürlich auch alle ferneren Aufklärungen über den Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe gleichfalls ohne Einfluß auf das Leben bleiben. War hingegen jene Frage in einen ursprünglich lebendigen Boden gefallen, so daß im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit und der feste Wille da war, selig zu werden und die von der bisherigen Religion angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und redlichem Ernste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so mußte, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen dem Lichte über die Beschaffenheit dieser Mittel sich länger verschloß, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein gräßliches Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andre Weise zu retten und was als in ewiges Verderben stürzend erschien, konnte nicht scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der einzelne, den zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegs zufrieden sein, etwa nur seine eigne Seele zu retten, gleichgültig über das Wohl aller übrigen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet hätte: sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fühlte, mußte er ringen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge zu öffnen über die verdammliche Täuschung.