Eine solche zunächst überflüssige, sodann in ihren Folgen auch schädliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser da ist, soll nun gar nicht existiren; es müssten daher die Universitäten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermöchten, sofort abgeschafft, und die Lehrbedürftigen an das Studium der vorhandenen Schriften gewiesen werden. Auch könnte es diesen Instituten zu keinem Schutze gereichen, dass sie den soeben berührten edleren Bestandtheil für sich anführten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner gegebenen Universität) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wäre, doch immer der schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen werden müsste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch macht, seyn und leisten muss, was nichts ausser ihm zu seyn und zu leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine unvergängliche Fortdauer verbürgend: so muss dies auch die Universität, oder wie wir vorläufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die Akademie, oder sie muss vergehen.
§. 5.
Was, im Sinne dieser höheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie seyn könne, und, falls sie seyn soll, seyn müsse, geht sogleich hervor, wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben betrachtet.
Man studirt ja nicht, um lebenslänglich und stets dem Examen bereit das Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die vorkommenden Fälle des Lebens anzuwenden, und so es in Werke zu verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich und Uebung der Beurtheilungsfähigkeit der Fälle der Anwendung, und es ist demnach von ihr zunächst nicht die Rede. Wohl aber gehört hierher die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf anderem Wege zu erkennende, Leben möglich werde?
Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem Bewusstseyn, dass wir es thätig erlernen, und dem Bewusstseyn der Regeln dieser erlernenden Thätigkeit, auffassen: das wird, zufolge dieser eigenen Thätigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein eigenthümlicher Bestandtheil unserer Persönlichkeit, und unseres frei und beliebig zu entwickelnden Lebens.
Die freie Thätigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst erwähnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet, sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thätigkeit des Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfährt, um etwas aufzufassen, wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben werden, so wird dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im Erlernen. Eine kunstmässige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise des Erlernens — im Erlernen irgend eines Gegebenen — würde somit, unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunächst nicht auf das Lernen, sondern auf die Bildung des Vermögens zum Lernen ausgehen. Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu seinem grossen Vortheile; denn man weiss gründlich und unvergesslich nur das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des Erlernens überhaupt gelernt und geübt wird, die Fertigkeit entwickelt, ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu lernen; und es entstehen Künstler im Lernen. Endlich wird dadurch alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen, womit er nach Belieben schalten könne, und es ist somit die erste und ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der Wissenschaft im Leben herbeigeführt und erfüllet. Eine Anstalt, in welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst geübt würde, wäre, was folgende Benennung ausspricht: eine Schule der Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches.
Ohnerachtet auf den bisherigen Universitäten von ohngefähr zuweilen geistreiche Männer aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in einem besonderen Fache des Wissens Schüler gezogen, so hat doch sehr viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgeführt worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glücke und blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Händen sie unter die Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des erwähnten Begriffes gebracht werden könnte. Und so ist es die Ausführung dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in ihrer Existenz angegriffene Akademie würde wohlthun, diese Ausführung zu übernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht länger das Recht hat, dazuseyn.
§. 6.
Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit über ihr wahres Wesen klar geworden, wird anführen, dass sie, bis auf die Zeiten der neueren verseichtenden Pädagogik, weit besser und vorzüglicher eine solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen, denn irgend eine Universität. Somit wird die Akademie zuvörderst mit dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen müssen.
Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstübung des allgemeinen Instrumentes aller Verständigung, der Sprache, und von dem wissenschaftlichen Gebäude das allgemeine Gerüst und Geripp des vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die höhere Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom Falschen, des Nützlichen vom Unnützen, und das Unterordnen des minder Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermögens oder Gedächtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als Beurtheilungsvermögens, würde.