§. 59.
Da aber das wirkliche, in unmittelbarer Ausübung befindliche Leben der wissenschaftlichen Kunst fortschreitet von jeder errungenen Entwickelung zu einer neuen, jede dieser Entwickelungen aber, als die feste Grundlage der auf sie folgenden neuen, niedergelegt werden soll im Buche: so folgt daraus, dass dieses Buch selbst ein fortschreitendes, ein periodisches Werk seyn werde. Es sind Jahrbücher der Fortschritte der wissenschaftlichen Kunst an der Kunstschule; welche Jahrbücher, wie ein solcher Fortschritt erfolgt ist, ihn bestimmt bezeichnet niederlegen für die nächste und alle folgende Zeit, und welche, wenn die wissenschaftliche Kunst nicht unendlich wäre, einst nach Vollendung derselben begründen würden eine Geschichte dieser — sodann vollendeten Kunst.
§. 60.
Die Kunst schreitet fort auf zwiefache Weise: theils überhaupt, wie alles Leben, dass sie eben lebendig bleibe, und niemals erstarre oder versteine; theils dass dieses überhaupt also fortgehende Leben auch fortschreite zu höherer Kraft und Entwickelung. Dies Letztere geschieht wiederum auf doppelte Weise: nemlich zuerst in ihm selber und intensive, in Absicht des Grades, sodann nach aussen hin und extensive, indem es immer mehr des ihm angemessenen Stoffes in sich aufnimmt, und ihn mit sich ihn durchdringend organisirt, also in Absicht der Ausdehnung. — Todt ist ein wissenschaftlicher Stoff, so lange er einzeln und ohne sichtbares Band mit einem Ganzen des Wissens dasteht, und lediglich dem Gedächtnisse, in Hoffnung eines künftigen Gebrauches, anheimgegeben wird. Belebt und organisirt wird er, wenn er mit einem andern verknüpft, und so zu einem unentbehrlichen Theile eines entdeckten grösseren Ganzen wird; und jetzt erst ist er der Kunst anheimgefallen. Wird dieses schon entdeckte und in den Jahrbüchern vorliegende Ganze mit einem klaren Begriffe durchdrungen (die Klarheit ist aber ein ins Unendliche zu steigerndes), dass die Theile sich noch enger an einander anschliessen und durch einander verwachsen: so hat die Kunst intensiv gewonnen; greift der vorhandene Einheitsbegriff weiter, und erfasst ein bis jetzt noch einzeln dastehendes Glied, so gewinnt sie extensive. Beide Arten des Fortschrittes unterstützen sich wechselseitig, und arbeiten einander vor. Die Erweiterung des Begriffes macht seine Verklärung, seine Verklärung seine Erweiterung leichter.
In Absicht der zuerst erwähnten periodischen Anfrischung des wissenschaftlichen Lebens aber, die an sich kein Fortschreiten ist weder intensiv noch extensiv, verhält es sich also: — Unabhängig in Absicht der Materie von der besonnenen und kunstmässigen Entwickelung, und gerade um so mehr, in je höherem Grade die letztere vorhanden ist, schreitet das geistige Leben des Menschengeschlechtes durch sich selber, wie nach einem unbewussten Naturgesetze fort. Die Sprache concentrirt, die Phantasie erhöht sich, die Schnelligkeit des Fassungsvermögens steigt, der Geschmack wird zarter; und so ersterben in einem späteren Zeitalter Formen, die der wahrhafte Ausdruck des Lebens eines früheren waren, und so muss oft das, dem in keiner Weise eine höhere innere Vollkommenheit sich geben liesse, dennoch aus der erstorbenen äusseren Form in die des dermaligen Menschengeschlechtes aufgenommen werden. (Wir machen an folgendem Beispiele unseren Gedanken klarer. — Selber die Philosophie, als die reinste, stoffloseste Form, die auch im mündlichen Vortrage immer also, als reines Entwickelungsmittel der Kunst des Philosophirens, sich behandelt, geht dennoch in Beziehung auf stätigen Fortschritt der Wissenschaft auf ein Buch aus, welches die durchgeführte richtige Anwendung der Denkgesetze, als festes und stehendes Resultat, absetze. Fürs erste nun, was nicht unmittelbar dasjenige ist, was wir sagen wollen, sondern wodurch wir uns vorbereiten: — wäre nun ein solches Buch vorhanden, so würde bis ans Ende der Tage jedwedes Individuum, das ein Philosoph seyn wollte, vielleicht jenes Buch als Leitfaden brauchend, dennoch jene Anwendung der Denkgesetze selbst und in eigener Person durchführen müssen, und von dieser Arbeit jenes Buch ihn auf keine Weise entbinden. Dagegen hätte er davon folgenden Vortheil: führte sein Denken ihn auf ein anderes Resultat, als in jenem Buche vorliegt, so müsste er entweder deutlich und bestimmt nachweisen können, welcher Fehler in Anwendung der Denkgesetze im Buche begangen worden, der dieses von dem seinigen verschiedene Resultat hervorgebracht hätte; oder er wüsste, so lange er dies nicht könnte, sicher, dass er mit seinem eigenen Denken noch nicht im Klaren sey, er müsste annehmen, dass sein Resultat ebensowohl irrig seyn könnte, als das im Buche vorliegende, und hätte kein Recht, seinen Satz, der möglicherweise irrig seyn könnte, an die Stelle eines andern, der freilich auch irrig seyn kann, in dem allgemeinen Buchwesen zu setzen. Möchte er höchstens diesen seinen Satz, ausdrücklich als nicht sattsam begründet, für die weitere Untersuchung eines künftigen klareren Denkers aufbewahren. Und dies wäre denn in dem ersten, wie in dem zweiten Falle der Erfolg des vorhandenen Buches für die Wissenschaft, dort sichere Erweiterung, hier Verwahrung vor blindem Herumtappen und dem Eigendünkel, der da will, dass seine unbewiesenen Behauptungen mehr seyen, als anderer vielleicht bewiesene Behauptungen, indem er nur unfähig ist, den Beweis zu fassen. Hiervon reden wir nun zunächst nicht, sondern davon. Ob nun wohl auch jenes niedergelegte philosophische Buch also beschaffen wäre, dass es weder in seinem Inhalte, noch im Grade der Klarheit überhaupt eine Verbesserung erhalten könnte, so möchte es doch immer einer Erfrischung durch das neue Leben der Zeit bedürfen.)
§. 61.
Das bisher beschriebene gäbe nun das Kunstbuch der Schule. Nun zeigt sich diese Kunst, und ihr Leben schreitet fort, in Organisation eines Stoffes. Inwiefern dieser Stoff wirklich schon organisirt ist, ist er aufgenommen in die Kunst und in derselben Buch, und es bedarf für ihn keines besonderen Buches; inwiefern er aber noch nicht durchdrungen ist, und er also die weitere Aufgabe für die Kunstschule enthält, muss diese Aufgabe irgendwo in fester Gestalt niedergelegt seyn, und die Schule bedarf, ausser ihrem Kunstbuche, auch eines Stoffbuches. Dies ist nun zum Theil schon vorhanden an dem ganzen vorliegenden Buchwesen, und muss nur die Schule dieses kennen. Die dahin gehörigen Einrichtungen sind schon im vorigen Abschnitte angegeben, und es lässt in dieser Kenntniss ein Fortschritt nur so sich denken, dass diese Kenntniss des vorhandenen Buchwesens vervollständiget, und das allgemeine Repertorium desselben besser geordnet und einer leichteren Uebersicht im Ganzen zugänglicher gemacht werde, auf welchen Zweck auch unsere Schule in alle Wege anzuweisen ist. Jenes auf diese Weise schon vorhandene grosse Stoffbuch selber soll nun fortschreiten: zuvörderst, indem es seiner äusseren Form nach erfrischt und erneuert wird, sodann, indem in Absicht des Inhaltes es theils berichtigt und von den darin vorhandenen Fehlern gereinigt, theils immerfort ergänzt und erweitert wird. Das Letzte geschieht durch neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Geschichte und der Naturkunde; welche Entdeckungen immerhin bei ihrer ersten Erscheinung zur Aufnahme in die Einheit sich nicht qualificiren mögen, dennoch aber, bis ein Mehreres zu ihnen hinzukommt, aufbehalten werden müssen. Durch diese neuen Entdeckungen verlängert sich wiederum das Stoffbuch nach der Peripherie hin, das nach der Seite seines Centrums immer mehr verkürzt und von dem Kunstbuche aufgenommen wird.
Dieser Fortschritt, des Stoffbuches sowohl wie auch des Kunstbuches, kann sich nun begeben entweder bei uns, oder bei anderen; wo wir im letztern Falle die Ausbeute in unsere Schule und unser Buch aufzunehmen haben, damit das gesammte Buch des Menschengeschlechtes und sein wissenschaftlicher Fortschritt Einheit behalte.
Zum Fortschritte dieses gesammten Buches gehören auch diejenigen Bestrebungen, dasselbe zu verbessern, die nur noch Versuche und noch nicht zu der Festigkeit gediehen sind, dass man sie in einem Buche niederlegen könne. Auch diese Versuche, wenn sie bei anderen angestellt werden, kennen zu lernen, wenn wir sie anstellen, uns dabei der Beobachtung anderer nicht zu entziehen, müssen wir Anstalt treffen.