Harpalos hatte sich, aus Athen flüchtend, nach dem Tänaron begeben, hatte sich von dort mit seinen Söldnern und seinen Schätzen — denn auf die Schilderhebung in Hellas schien keine Hoffnung mehr zu sein — nach Kreta begeben, war dort von seinem Freunde, dem Spartaner Thibron, ermordet worden, der dann mit den Söldnern und den Schätzen nach Cyrene flüchtete. Des Ermordeten vertrautester Sklave, der ihm die Rechnung geführt hatte, flüchtete nach Rhodos und wurde dem Philoxenos ausgeliefert. Er bekannte, was er von dem Gelde des Harpalos wußte.

So konnte Philoxenos die Liste der verwendeten Summen und die Namen derer, die davon empfangen, nach Athen senden. Demosthenes' Name war nicht unter diesen. Nach sechs Monaten hatte der Areopag seine Nachforschungen und Haussuchungen beendet und übergab nun die Sache dem Gericht. Es begann jene merkwürdige Reihe der harpalischen Prozesse, in denen die namhaftesten Männer Athens als Kläger oder Verklagte beteiligt waren; unter den Klägern Pytheas, Hypereides, Mnesaichmos, Himeraios, Stratokles, unter den Verklagten auch Demades, der 6000 Stateren empfangen haben sollte, auch Philokles der Strateg, Charikles, des Phokion Schwiegersohn, auch Demosthenes. Er leugnete nicht, daß er 20 Talente von dem Gelde des Harpalos genommen habe, aber nur als vorläufigen Ersatz für die gleiche Summe, die er früher der Theorikenkasse vorgeschossen, wovon er nicht gern habe sprechen wollen; er beschuldigte den Areopag, daß er ihn Alexander zu Gefallen habe beseitigen wollen; er führte seine Kinder vor, um das Mitleid der Geschworenen zu erregen. Alles vergeblich; er wurde verurteilt, das Fünffache dessen, was er erhalten hatte, zu zahlen, und da er die Summe nicht aufzubringen vermochte, ins Gefängnis geworfen, aus dem er Gelegenheit fand oder erhielt, am sechsten Tage zu entweichen.

Dieser Ausgang der harpalischen Prozesse war für Athen verhängnisvoll; die Geschworenen der Heliaia, der unmittelbare Ausdruck der öffentlichen Meinung, hatten allerdings das Wort der Ankläger gar wohl beachtet, daß sie über die Angeklagten, ein anderer aber über sie urteilen werde, und daß sie es sich selber schuldig seien, auch noch so berühmte Männer zu strafen; einmal unter so schiefen Prämissen, wie sie durch die in dem harpalischen Handel so unsicher geführte attische Politik gestellt waren, hatten sie nach politischen Rücksichten, nicht ohne übereilte Strenge gegen die einen, mit noch unverdienterer Nachsicht gegen andere entschieden. Freigesprochen wurde Aristogeiton, der nach der Anzeige des Areopag zwanzig Talente empfangen hatte, der frechste und verächtlichste unter den Führern des Volkes. Vielleicht noch andere. Dagegen mußte der große Gegner der makedonischen Monarchie die Heimat meiden; mit ihm sank die Stütze der altdemokratischen Partei und ihrer Traditionen. In Philokles verlor der Staat einen Feldherrn, der wenigstens oft genug zu diesem wichtigen Amte vom Volke erwählt worden war. Demades blieb trotz seiner Verurteilung und sein Einfluß herrschte um so sicherer, je unbedeutender, besorglicher und gewissenloser die Männer waren, die nach jenen Prozessen an der Leitung des Volkes teilnahmen; die Politik Athens wurde noch mehr als früher schwankend und bald unterwürfig. Man hatte den Verbannten die Heimkehr geweigert, man fürchtete fort und fort, daß sie von Megara aus und gestützt auf des Königs Amnestie die attische Grenze überschreiten würden; dennoch geschah zum Schutz der Stadt nichts, als daß eine Theorengesandtschaft an den König dekretiert wurde, die ihn um die Erlaubnis, die Verbannten nicht aufzunehmen, bitten sollte, eine Maßregel, die wenigstens im Interesse der attischen Freiheit vollkommen ungeschickt war, da der Staat einerseits seine Willensmeinung, bei der Bestimmung des Korinthischen Bundes zu bleiben, bereits kundgegeben hatte, anderseits des Königs abschlägige Antwort nur zu gewiß vorauszusehen war.

Mehr als die äußere Wirkung dieser Vorgänge bedeutete die moralische Niederlage derjenigen Prinzipien, als deren Vertreter und Vorbild Athen angesehen wurde und sich selbst ansah. Einst hatte jener Kleon, der dem Demos seiner Zeit für den schärfsten Demokraten galt, demselben Demos gesagt: »Die Demokratie sei unfähig über andere zu herrschen«; wenn jetzt sich Athen der monarchischen Autorität, wie das hellenistische Königtum Alexanders sie geltend machte, fügen mußte, so war der letzte Anhalt dahin, den die Kleinstaaterei und die Selbstüberschätzung des Partikularismus noch gehabt hatte, die immer nicht hatte begreifen wollen, daß ein »spannelanges Fahrzeug gar kein Fahrzeug sei«; und die begonnene neue Gestaltung wirklicher Macht lagerte sich ruhig und mächtig auch über die hellenische Welt, freilich von ihr ein großes Opfer fordernd, aber ein Opfer, das Alexander selbst von sich und von seinen Makedonen forderte, mit dem er rechtfertigte und sühnte, was er vollbrachte.

Ein berühmter Forscher hat Alexander den genialsten Staatsmann seiner Zeit genannt. Er war als Staatsmann, was Aristoteles als Denker. Der Denker konnte in der Stille und Abgezogenheit seines Geistes seinem philosophischen Systeme die ganze Geschlossenheit und Vollendung geben, die nur in der Welt der Gedanken möglich ist. Wenn das staatsmännische Werk Alexanders vorerst nur skizzenhaft und nicht ohne mannigfache Fehlgriffe im einzelnen, wenn die Art, wie er schuf, als persönliche Leidenschaft und Willkür oder vom Zufall bestimmt erscheint, so darf man nicht vergessen, daß es die ersten, aus der Friktion riesenhafter Verhältnisse hervorspringenden Gedanken sind, die ihm sofort und wie im Fluge zu Normen, Organisationen, Bedingungen weiteren Tuns werden, noch weniger verkennen, wie jeder dieser Gedankenblitze immer weitere Gesichtskreise erschloß und erhellte, immer heißere Friktionen schuf, immer drängendere Aufgaben stellte.

Die Armseligkeit der auf uns gekommenen Überlieferungen versagt uns jeden Einblick in die Werkstatt dieser Tätigkeit, in die hochgespannte intellektuelle und moralische Arbeit dessen, der sich so unermeßliche Aufgaben stellte und sie löste. Kaum, daß das, was uns noch vorliegt, das Äußerlichste von dem, was durch ihn geschehen, was zur Ausführung und Wirkung gelangt ist, fragmentarisch erkennen läßt. Fast nur in dem räumlichen Umfang dieser Geschehnisse geben sie uns ein Maß für die Kraft, die solche Wirkungen erzeugte, für den Willen, der sie leitete, für den Gedanken, dem sie entsprangen, eine Vorstellung von der Größe Alexanders.

Mag der nächste Impuls seines Tuns gewesen sein, den großen Kampf hinausführend, den sein Vater vorbereitet hatte, dem Reich, das er sich eroberte, Sicherheit und Dauer zu geben — mit dem glücklichen Radikalismus der Jugend ergriff oder erfand er sich zu diesem Zweck Mittel, die seine Kriegszüge an Kühnheit, seine Schlachten an Siegesgewalt übertrafen.

Das Kühnste war, was ihm die Moralisten bis auf den heutigen Tag zum schwersten Vorwurf machen, er zerbrach das Werkzeug, mit dem er seine Arbeit begonnen hatte, oder will man lieber, er warf das Banner, unter dem er ausgezogen war, das, den stolzen Haß der Hellenen gegen die Barbaren zu sättigen, in den Abgrund, den seine Siege schließen sollten.

In einer denkwürdigen Stelle bezeichnet Aristoteles als die Aufgabe seiner »Politik«, diejenige Staatsform zu finden, welche nicht die an sich vollkommenste, aber die brauchbarste sei: »Welche also ist die beste Verfassung und das beste Leben für die meisten Staaten und die meisten Menschen, wenn man an Tugend nicht mehr verlangt als das Maß der Durchschnittsmenschen, noch an Bildung mehr als ohne besondere Begünstigung der Natur und der Umstände möglich ist, noch eine Verfassung, wie sie nur im Reiche der Ideale liegen kann, sondern ein Leben, das mitzuleben, eine Verfassung, in der sich zu bewegen den meisten Menschen möglich ist?« Er sagt: darauf komme es an, eine solche Staatsordnung zu finden, welche aus den gegebenen Bedingungen sich entwickelnd leicht Eingang und Teilnahme gewinnen wird; »denn es ist kein geringeres Werk, eine Staatsordnung zu verbessern, als eine von Grund aus neue zu schaffen, wie ja auch das Umlernen ebenso schwer ist als das Erlernen«. So weit geht der Philosoph in seinem Realismus; aber wenn er von den meisten Menschen, den meisten Staaten spricht, denkt er nur an die hellenische Welt, denn die Barbaren sind ja wie Tiere und Pflanzen.

Auch Alexander denkt völlig realistisch; aber er bleibt nicht vor den »gegebenen Bedingungen« stehen, oder vielmehr seine Siege haben deren neue geschaffen; der Bereich, für den er sein politisches System einzurichten hat, umfaßt die Völker Asiens bis zum Indus und Jaxartes. Und er hat gesehen, daß diese Barbaren nicht wie Tiere und Pflanzen sind, sondern auch sie Menschen mit ihren Bedürfnissen, Begabungen, Tugenden, auch ihre Art zu sein voll gesunder Elemente, solcher zum Teil, die denen, welche in ihnen Barbaren verachtet haben, schon verlorengegangen sind. Waren die Makedonen vortreffliche Soldaten, so hatte König Philipp sie dazu erzogen, und Alexander gedachte, so wie er schon die Thraker, Agrianer und Odryser ihnen ebenbürtig gemacht hatte, ebenso die Asiaten zu gleicher Tüchtigkeit und Zucht zu gewöhnen; der Feldzug in Indien zeigte, in welchem Maße es ihm damit gelang. Von hellenischer Bildung aber hatten die makedonischen Bauern und Hirten und Kohlenbrenner auch nicht mehr als ihre barbarischen Nachbarn jenseits des Rhodope und des Haimos; und die Doloper, Ätoler, Änianen, Malier, die Bauern von Amphissa sind in den hellenischen Landen nicht eben anders angesehen worden. Diese hellenische Bildung selbst aber, wie überschwenglich reich immer an Kunst und Wissenschaft, wie unvergleichlich, intellektuelle Gewandtheit und die Virtuosität persönlicher Strebsamkeiten zu entwickeln, — sie hatte die Menschen klüger, nicht besser gemacht; die ethischen Kräfte, auf die das Leben der Familie, des bürgerlichen, des staatlichen Gemeinwesens sich gründen muß, hatte sie in dem Maße, als sie sich steigerte, geschwächt und zersetzt, wie von den Trauben, wenn der Wein daraus gekeltert ist, nur die Trebern bleiben. Hätte Alexander nur den Hellenen und Makedonen Asien erobern, ihnen die Asiaten zu Sklaven geben wollen, sie wären nur um so schneller zu Asiaten, aber im schlimmsten Sinne zu Asiaten geworden. War es Herrschaft und Verknechtung, was seit Jahrhunderten der hellenischen Welt in immer neuen Kolonien immer weitere Ausdehnung, immer frische, lebensvolle Schößlinge gebracht hatte? War hellenisches Leben bis zu den Libyern an der Syrte, den Skythen am mäotischen See, den keltischen Stämmen zwischen den Alpen und Pyrenäen nicht in derselben Weise hinausgezogen, wie sie nun Alexander über die weite Feste Asiens auszubreiten gedachte? War nicht das hellenische Söldnertum, das so lange und in immer größeren Scharen in aller Welt umher und nur zu oft gegen die hellenische Heimat selbst seine Kräfte vergeudet hatte, ein Beweis, daß die hellenische Heimat nicht mehr Raum genug hatte für die Fülle von Kräften, die sie erzeugte? Hatte sich nicht die Macht der Barbaren, die den Hellenen als geborene Sklaven galten, seit einem Jahrhundert fast nur noch durch die Streitkräfte, die Hellas ihnen verkaufte, aufrechterhalten?