Es war gegen Ende des Jahres 324 und in den Bergen lag bereits tiefer Schnee, als Alexander mit seinem Heere aus Ekbatana aufbrach, um durch die Berge der Kossäer gen Babylon zu ziehen; er wählte diese Jahreszeit, weil die räuberischen Stämme im Gebirge jetzt nicht aus ihren Tälern auf die schneebedeckten Berghöhen flüchten konnten. Mit dem leichteren Teil seiner Truppen ging er, während die übrigen auf der großen Straße vorauszogen, südwärts, denn in dieser Richtung bis zu den ihnen verwandten Oxiern hin, wohnten und wanderten diese Hirtenstämme. In zwei Kolonnen, die eine unter des Königs, die andere unter des Lagiden Ptolemaios Befehl, wurden die Bergtäler durchstreift, die meist kleinen Horden, die sich stets auf das kühnste zur Wehr setzten, einzeln überwältigt, ihre Raubtürme erbrochen, viele Tausende erschlagen und zu Gefangenen gemacht, die anderen zur Unterwerfung gezwungen, ihnen vor allem feste Ansiedlung und das Bebauen des Feldes zur Pflicht gemacht. Nach Verlauf von vierzig Tagen war das unabhängige Bergvolk in dem Gebirgslande der Passagen wie früher die Uxier, Kadusier, Mardier und Paraitakenen, zum Gehorsam gebracht und wenigstens der erste Anfang zur Zivilisation gemacht.

Dann zog Alexander in kleinen Tagesmärschen, um die einzelnen Truppenabteilungen aus den Bergtälern an sich zu ziehen, nach Babylonien hinab. In Babylon wollte er seine gesamten Kräfte zu neuen Unternehmungen vereinigen, Babylon sollte der Mittelpunkt des Reiches und die königliche Residenz werden. Die Stadt war durch ihre Größe, ihren alten Ruhm, ihre Lage besonders dazu geeignet; sie war der Stapelplatz für den Südhandel, für die Gewürze Indiens, die Spezereien Arabiens; sie lag in der Mitte zwischen den Völkern des Abend- und Morgenlandes; sie war dem Westen näher, auf den sich nach der Bewältigung des Ostens Alexanders unternehmender Blick wenden mußte. Gen Westen lag jenes Italien, wo seiner Schwester Gemahl, der Epeirotenkönig, Ehre und Leben eingebüßt hatte, lag das silberreiche Iberien, das Land der phönikischen Kolonien, deren Mutterstädte jetzt zum neuen Reiche gehörten, lag jenes Karthago, das seit den ersten Perserkriegen und dem damaligen Bunde mit Persien nicht aufgehört hatte, gegen die Hellenen in Libyen und Sizilien zu kämpfen. Die großen Veränderungen in der Ostwelt hatten Alexanders Ruhm bis zu den fernsten Völkern getragen, die teils mit Hoffnung, teils mit Besorgnis auf diese Riesenmacht blicken mochten; sie mußten die Notwendigkeit erkennen, sich mit dieser Macht, in deren Hand das Schicksal der Welt lag, in Beziehung zu setzen und ihr entgegenkommend der eigenen Zukunft die Wege zu ebnen.

So geschah es, daß Gesandte auch ferner Völker in das Lager kamen, teils um Huldigungen und Geschenke zu überbringen, teils um über Streitigkeiten mit Nachbarvölkern des Könige schiedsrichterliche Entscheidung einzuholen; und erst jetzt, sagt Arrian, schien es dem Könige und seiner Umgebung, daß er Herr über Land und Meer sei. Alexander ließ sich das Verzeichnis der Landschaften geben, um die Reihenfolge ihrer Audienzen zu bestimmen; den Vortritt hatten die mit heiligen Dingen Beauftragten, namentlich die Gesandten von Elis, von Ammonion, vom delphischen Tempel, von Korinth, Epidauros usw., nach Maßgabe der Bedeutung der Stelle, von der sie kamen; dann folgten die, welche Geschenke überbrachten, welche über Streitigkeiten mit Nachbarvölkern verhandeln wollten, die mit inneren und Privatsachen Beauftragten, zuletzt die hellenischen Abgeordneten, welche Vorstellungen gegen die Zurückführung der Verbannten machen sollten.

Unsere Quellen für die Geschichte Alexanders haben es nicht der Mühe wert geachtet, alle diese Gesandtschaften zu nennen; sie führen nur diejenigen an, welche in irgendeiner Beziehung denkwürdig waren, und nur aus den anderweitig geschichtlichen Verhältnissen der genannten Völker läßt sich über die näheren Absichten ihrer Sendung einiger Aufschluß finden. Daß Gesandte der Brettier, Lukaner, Etrusker gekommen seien, hat Arrian ohne weiteres Bedenken angegeben, ob auch römische[19], wie von manchen Schriftstellern gesagt sei, bezweifelt er. Aus der Lage der Verhältnisse in Italien muß sich ergeben, ob Anlaß dazu war.

Die Brettier und Lukaner hatten seit dem Kriege mit dem Molosser Alexandros Grund genug, vor der Macht seines Schwagers, des Siegers über Asien, des natürlichen Beschirmers der hellenischen Welt, in Sorge zu sein. Gegen sie war der Molosser von dem reichen Handelsstaat Tarent zu Hilfe gerufen worden; er hatte sie und die ihnen verbündeten Samniten in einer großen Schlacht bei Pästum geschlagen, er hatte an der Ostküste der Halbinsel die Messapier, die Daunier zu Paaren getrieben; er war von Meer zu Meer mächtig, und die Römer traten mit ihm in ein Bündnis zum gemeinsamen Angriff auf die Samniten, deren Kämpfe im Süden sie benutzt hatten, ihr Gebiet bis Kampanien hinein auszudehnen und mit römischen Ansiedlungen zu befestigen. Aber die wachsende Macht des Epeiroten, vielleicht die Besorgnis, daß er sich zum Herrn Großgriechenlands machen wolle, veranlaßte die Tarentiner, sich denen zuzuwenden, gegen die sie ihn gerufen hatten; ein lukanischer Flüchtling ermordete den König; damit hatten die Samniten freie Hand sich gegen die Römer zu wenden, die schon auch Kyme, die älteste hellenische Stadt an diesen Küsten, auch Kapua in Besitz genommen hatten. Mit ihrem Versuch, sich auch in Neapolis und Palaiopolis festzusetzen, begann (328) der große Samnitenkrieg, der nach wechselnden Erfolgen her und hin demnächst in den kaudinischen Pässen und dem Unterwerfungsvertrag der Römer einen ersten Abschluß finden sollte. Daß die Griechenstädte Italiens, statt die Gunst dieser Jahre zu benutzen, ungeeint und ohne Tatkraft, wie sie waren, auf den Eroberer Asiens ihre Hoffnung setzten, war ebenso natürlich, wie die Besorgnis der Italiker, daß er kommen und ihnen die reichen Küstenstädte, die sie endlich gewonnen hatten, aus der Hand reißen werde; hatte er doch den Krotoniaten Beutestücke des Sieges von Gaugamela gesandt, weil einst gegen Xerxes einer der Ihrigen bei Salamis mitgekämpft hatte. Mag es Zufall sein, daß unter den Gesandtschaften keine der Samniten genannt wird, oder mag von ihnen keine gekommen sein, das kluge und weiterblickende patrizische Regiment in Rom, das in dem schweren Kampf gegen die Samniten die Völker hinter ihnen, die Lukaner, Apulier usw. zu gewinnen verstanden, sich mit dem Molosser verbündet hatte, konnte sich sehr wohl veranlaßt sehen, in dem Moment, wo es die Griechenstädte Kampaniens zu unterwerfen gedachte, sich der Gunst dessen zu versichern, dessen Einspruch zu fürchten war. Aus einer anderweitigen Nachricht ergibt sich, daß Alexander den Römern in betreff der ihnen untertänig gewordenen Antiaten, die fortfuhren mit den Etruskern vereint Seeräuberei zu treiben, Mahnungen habe zukommen lassen.

Eine Gesandtschaft der Etrusker erklärt sich aus den mannigfachen Konflikten, die ihnen aus ihren Seeräubereien mit den hellenischen Staaten erwuchsen; war doch eben jetzt von den Athenern eine Expedition ausgerüstet, um am Ausgang des Adriatischen Meeres eine Kolonie zu gründen, die ihnen in den dortigen Gewässern einen festen Handels- und Stapelplatz sichern und ihre Kauffahrtei dort schützen sollte.

Nicht minder erklärlich sind die Sendungen der Karthager, Libyer, Iberier. Alexanders Besitznahme von Phönikien mußte sowohl Karthago wie die übrigen punischen Kolonien in Nordafrika und Iberien, welche mit dem Mutterlande noch immer in naher Verbindung standen, veranlassen, dem Herrscher des mächtigen Reiches, von dem sie wohl mehr als Rivalität im Handel zu fürchten hatten, ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen; namentlich die Karthager werden beachtet haben, was nach ihren früheren Beziehungen zu der hellenischen Welt und nach dem Charakter des kriegsgewaltigen Königs für sie in Aussicht stand; und die Grenzstreitigkeiten mit den Hellenen Siziliens, die seit Timoleons Siegen nicht aufgehört hatten, boten Anlaß vollauf zu einer Einmischung, die für die punische Republik nur zu bedenkliche Folgen haben konnte. Um so natürlicher war es, daß sie die Freundschaft des mächtigen Königs suchten. Wenn angeführt wird, daß die libyschen Gesandten mit Kränzen und Glückwünschen wegen der Eroberung Asiens gekommen seien, so sind damit die Stämme im Süden Kyrenes gemeint.

Unter den übrigen Gesandtschaften werden namentlich die der europäischen Skythen, der Kelten, der Äthiopen genannt, letztere dem Könige vielleicht um so wichtiger, je mehr ihn jetzt der Plan, Arabien zu umschiffen und die Seestraße, die bereits den Indus und Euphrat verband, bis in das Rote Meer und zur ägyptischen Ostküste fortzusetzen, beschäftigte.

Denn schon war der Befehl nach Phönikien gesandt, Matrosen auszuheben, Schiffe zu bauen, sie zerlegt über Land nach dem Euphrat zu schaffen. Nearch war beauftragt, die Flotte den Euphrat hinauf nach Babylon zu führen; bald nach der Ankunft des Königs in Babylon sollte der Zug gegen die Araber eröffnet werden. Zu gleicher Zeit ward Herakleides, des Argaios Sohn, mit einer Schar Schiffszimmerleute nach dem Strande des Kaspischen Meeres abgesandt, mit dem Auftrage, in den Waldungen der hyrkanischen Gebirge Schiffsbauholz zu fällen und Kriegsschiffe sowohl mit als ohne Deck nach hellenischer Art zu zimmern. Auch diese Expedition hatte den Zweck, zunächst zu untersuchen, ob das Kaspische Meer eine nördliche Durchfahrt darbiete und ob es mit dem maiotischen See oder dem offenen Meer im Norden und durch dasselbe mit den indischen Gewässern in Verbindung stehe. Alexander mochte hoffen, mit dieser Expedition jenen Skythenfeldzug, den er vor fünf Jahren mit dem Chorasmierkönig besprochen hatte, in Ausführung zu bringen. Ebenso waren für die Landmacht neue und sehr bedeutende Verstärkungen angeworben, welche im Laufe des Frühlings in Babylon eintreffen sollten. Es war offenbar, daß Alexander Großes vorhatte; es schien, als ob zu gleicher Zeit Feldzüge gegen Norden, Süden und Westen unternommen werden sollten; vielleicht daß er sie einzelnen Feldherren zu übertragen gedachte, während er vorerst das Ganze von Babylon, der Residenz seines Reiches, aus zu leiten sich vorbehielt.

Die Truppen und ihre Führer werden voll ungeduldiger Spannung, neue Feldzüge fürchtend oder hoffend, gen Babylon hinabgezogen sein. Sie wußten nicht, wie tief ihr König seit des Freundes Tod gebeugt, wie er umsonst mit kühnen und kühneren Plänen den Gram seines Herzens zu übertäuben bemüht war; sie wußten nicht, wie ihm die Freude des Lebens zerstört, wie seine Seele trüber Ahnungen voll war; mit Hephaistion war ihm seine Jugend zu Grabe getragen, und kaum an der Schwelle der männlichen Jahre begann er zu altern; der Gedanke des Todes schlich sich in seine Seele.