Es wird für die Leser dieses Buches von Interesse sein, daß während des Weltkrieges deutscher Forschung im fernen Asien eine nicht unwichtige Bereicherung unserer Kenntnis der Alexander-Zeit gelungen ist: Die Expedition Hentig, die 1915 in Afghanistan weilte, hat — wie kürzlich mitgeteilt wurde — die Lage der von Alexander in diesem Lande gegründeten Griechenstädte zum ersten Male einwandfrei festgestellt.
Zum ersten Buch
Über die makedonische Verfassung ist wenig bekannt. Außer den im Text angeführten Einzelheiten sind noch folgende Punkte bemerkenswert.
Wenn sich das makedonische Königshaus dorischen Ursprungs rühmt, so findet sich doch von dorischen Phylen im Volk und Adel des Landes keine Spur. Dagegen tritt die Teilung nach Landschaften merklich hervor. Das makedonische Königshaus ist, wie sich aus den S. 69 angeführten Worten des Aristoteles ergibt, nicht beschränkt wie in Sparta und Epeiros; es regiert βασιλικῶς, οὐ τυραννικῶς, Isokr. Phil. 175, wie denn Kallisthenes (bei Arr. IV, 11, 6) von den Königen sagt: οὐ βίᾳ, ἀλλὰ νόμῳ Μακεδόνων νων ἄρχοντες διετέλεσαν. Noch Polybios führt ein Beispiel an, wie frei sich die Makedonen ihren Königen gegenüber verhielten, und fügt hinzu (V. 27, 6): εἶχον γὰρ ἀεὶ τὴν τοιαύτην ἰσηγορίαν Μακεδόνες πρὸς τοὺς βασιλεῖς. Die Könige nahmen in die Zahl der Hetären auch Fremde auf (Arr. I, 15, 6) und Theopomp. Fr. 249 sagt von König Philipp II: οἱ ἑταῖροι αὐτοῦ ἐκ πολλῶν τόπων συνεῤῥυηκότες—οἱ μὲν γὰρ ἐξ αὐτῆς τῆς χώρας, οἱ δὲ ἐκ Θετταλίας, οἱ δὲ ἐκ τῆς ἄλλης Ἑλλάδος, οὐκ ἀριστίνδον ἐξειλεγμένοι. Nach demselben besaßen die 800 Hetären Philipps so viel Land wie 10 000 Hellenen; also Makedonien hatte noch große Güter in Menge, die es in der hellenischen Welt, wenigstens der innerhalb der Thermopylen, nicht mehr gab.
Olympias ist die Tochter des Neoptolemos, der schon in der Urkunde des attischen Seebundes von 377 mit seinem Vater Alketas genannt wird. Nach Alketas' Tod teilte Neoptolemos mit seinem Bruder Arybbas nach kurzer gemeinsamer Regierung das Königtum der Molosser, und als Neoptolemos starb, übernahm Arybbas die Vormundschaft für dessen Kinder Olympias und Alexandros. Olympias wurde 357 Philipps Gemahlin, bald war auch Alexandros am Hofe zu Pella. Schon 352 fand Philipp Anlaß zum Kriege gegen Arybbas; dann als Alexandros zwanzig Jahre alt war, veranlaßte er ihn, die Waffen gegen ihn zu erheben, während Arybbas nach Athen geflüchtet den Befehl an die attischen Strategen erwirkte, ihn und seine Kinder wieder in den Besitz der Herrschaft zu setzen. Damals eroberte Philipp auch die Städte in der Kassopia am ambrakischen Meerbusen und übergab sie dem Alexandros. Arybbas scheint bald gestorben zu sein; von seinen Söhnen Alketas und Aiakides ist die nächsten fünfzehn Jahre nicht die Rede. — Nach den »Gesch. des Hell.« II2 2, S. 354 gegebenen Nachweisen ist Alexander Olympias' Sohn 356 nach dem 24. September und vor Mitte Dezember geboren. Daß Philipp mit der Nachricht von dieser Geburt zugleich die von drei Siegen, dem in den Olympien, dem über die Dardaner und dem über Poteidaia, das sich ergeben mußte, erhalten, ist wenigstens in betreff des ersten sicher aus dem Stegreif erfunden, da die Olympien um den ersten Vollmond nach der Sommersonnenwende, also spätestens Ende Juli gefeiert wurden. — Für die ehelichen Verhältnisse Philipps ist die einzig eingehende Angabe die des Satyros bei Athen. XII, 557; wenigstens ergibt sich aus dessen Worten, daß Olympias für seine rechte und eigentliche Gemahlin galt; von den anderen nennt Satyros vor ihr die Illyrierin Audata, die (Elymiotin) Phila, die beiden Thessalerinnen Nikasipolis und Philinna; er nennt nach ihr die »Thrakerin« Meda und des Artalos Nichte Kleopatra, beide mit der Bezeichnung ἐπεισήγαγε τῇ Ὀλυμπιάδι. Philinna, des Arrhidaios Mutter, galt nicht als rechtmäßige Gemahlin, auch wohl Nikasipolis nicht. Möglich, daß die beiden anderen vor 356 gestorben waren.
Das Fürstentum der Paionen in dieser Zeit ist nicht völlig sicher. Bezeugt ist der Bestand desselben in den ersten Jahren des König Philipps II. durch Diod. XVI, 22 und C. I. A. II, 66, Urkunde des Bündnisses der Athener mit Ketriporis dem Thraker und seinen Brüdern, Grabos dem Illyrier und Lykkeios dem Päonen (Lykpeios heißt er auf seinen Münzen, obschon auch solche mit ΛΥΚΚΕΙΟΥ vorzukommen scheinen); von diesen drei Fürsten sagt Diodor, daß Philipp sie besiegt habe καὶ ἠνάγκασε προςθέσθαι τοῖς Μακεδόσι. Ob das Fürstentum im päonischen Lande damit aufhörte oder weiter bestand, läßt sich nach den bis jetzt bekannten Materialien nicht entscheiden. Dann wird 310 wieder ein König der Päonen erwähnt (Diod. XX, 19), Audoleon, der Sohn des Patraos; von Audoleon gibt es Tetradrachmen mit Αὐδολέοντος βασιλέως ganz mit dem Gepräge der von Alexander und nach dessen Münzfuß; andere Münzen von ihm (ohne βασιλέως) sowie von seinem Vater folgen nicht dem makedonischen Münzfuß, ein sicherer Beweis für ihr loses Verhältnis zum Reich. Daß Audoleons Sohn, dem Lysimachos um 282 sein Fürstentum entriß, Ariston hieß wie der Führer der päonischen Reiter in Alexanders Heer, legt die Vermutung nahe, daß dieser zum Fürstenhause gehörte, das Fürstentum also wohl auch in Alexanders Zeit bestand (Arr. I, 5, 1). Doch hat H. Droysen darauf aufmerksam gemacht, daß auf den schönen Didrachmen des Patraos der von dem päonischen Reiter niedergestoßene Feind durch seinen Hut und Schild als Makedone bezeichnet ist.
Zum zweiten Buch