Von der Verfassung und Verwaltung Makedoniens[1] ist zu wenig überliefert, als daß man sagen könnte, wie weit sich des Königs Macht erstreckt habe. Wenn König Archelaos im letzten Jahrzehnt des Peloponnesischen Krieges eine Fülle neuer Einrichtungen schaffen, wenn Philipp II. das Münzwesen seines Landes, das bis dahin höchst ungleichartig gewesen war, neugestalten, wenn er ein völlig neues Heerwesen schaffen konnte, so muß das Königtum eine sehr weitgehende Befugnis regelnder Verordnung gehabt haben. Aber gewiß bestimmte, was Recht sei, die Gewohnheit und das Herkommen, ergänzte den Mangel der Verfassung. Man wird wohl sagen dürfen, daß das Königtum ebenso weit von asiatischer Despotie, wie das Volk von Leibeigenschaft und sklavischer Unterwürfigkeit entfernt war; »die Makedonen sind freie Männer«, sagt ein alter Schriftsteller, nicht Penesten, wie die Masse des Volkes in Thessalien, nicht Heloten, wie im spartanischen Lande, sondern ein Bauernvolk, gewiß nicht ohne freien und erblichen Besitz, gewiß nicht ohne Gemeindeverfassung mit Ortsversammlung und Ortsgericht, alle zu den Waffen pflichtig, wenn der König das Land aufruft. Noch in später Zeit gilt das Heer als versammeltes Volk, wird zur Volksversammlung berufen zu Beratung und Gericht.
In diesem Heere tritt deutlich ein zahlreicher Adel hervor unter dem Namen der »Hetairen«, der Kriegsgesellen, wie ihn schon die homerischen Gesänge kennen. Diesen Adel wird man kaum als Herrenstand bezeichnen dürfen; was ihn auszeichnete, war wohl nur größeres Besitztum, die Erinnerung edler Abstammung, nähere Beziehung zur Person des Königs, der treue Dienste mit Ehren und Geschenken belohnte. Selbst die Familien von fürstlichem Adel, die früher in den oberen Landschaften selbständige Herrschaft gehabt und, nachdem sie von dem mächtigeren Königtum Makedoniens abhängig geworden, doch den Besitz ihres Territoriums behalten hatten, traten wohl mit ihrem Volk in die Verhältnisse ein, welche für das Königsland galten. Größere Städte in hellenischem Sinne gab es in diesem Bauern- und Adelslande nicht; die an der Küste liegenden waren hellenische Kolonien, selbständige Gemeinwesen, im bewußten Gegensatz gegen das Binnenland.
Gegen die Zeit der Perserkriege, namentlich unter dem ersten Alexandros, »dem Philhellenen«, wie Pindar ihn nennt, begannen lebhaftere Beziehungen Makedoniens zum Griechentum. Schon dessen Vater hatte dem aus Athen geflüchteten Hippias, Peisistratos' Sohn, Zuflucht und Besitz in seinem Lande angeboten. Alexandros selbst, der dem Heere der Perser nach Hellas folgen mußte, tat, was er konnte — man erinnere sich der Schlacht bei Platää —, den Hellenen hilfreich zu sein; ihm wurde auf Grund seiner nachgewiesenen Abstammung von den Temeniden von Argos die Zulassung zu den olympischen Wettkämpfen gewährt, als Anerkennung, daß er Hellene sei.
Wie er, so waren seine nächsten Nachfolger, mit mehr oder minder Geschick und Kraft darauf gewandt, ihr Land in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verkehr, dem politischen Leben und der Bildung der Hellenen zu bringen. Die Nähe der reichen und handelskundigen Kolonien in Chalkidike, die durch sie veranlaßten vielfachen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um deren Besitz kämpften und den Einfluß Makedoniens suchten oder fürchteten, die fast ununterbrochenen Kämpfe in Hellas selbst, welche manchen berühmten Namen die Heimat zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu suchen veranlaßten, das alles begünstigte die Fortschritte Makedoniens.
Vor allem wichtig und erfolgreich war die Zeit des Königs Archelaos; während das übrige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und zerrissen wurde, schritt unter seiner umsichtigen Leitung Makedonien rasch vorwärts; er baute feste Plätze, deren bisher das Land entbehrt hatte; er legte Straßen an; er entwickelte die begonnene Ordnung des Heerwesens; »er tat in allem«, sagt Thukydides, »mehr für Makedonien als die acht Könige vor ihm«. Er stiftete Festspiele nach Art der hellenischen, die bei Dion, unfern dem Grabe des Orpheus, dem olympischen Zeus und den Musen gefeiert wurden, gymnische und musische. Sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künstlern aller Art und der Vereinigungspunkt des makedonischen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und dessen fortschreitende Entwicklung; Archelaos selbst galt den Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten Menschen der Welt.
Nach ihm begann schwerer als zuvor innerer Hader, vielleicht von einer Reaktion gegen die Neuerungen der sich sammelnden Königsmacht veranlaßt oder geschürt, gerichtet zugleich gegen die neue Bildung und Sitte, für die das Königtum eingetreten war; Tendenzen, die der Lage der Sache nach in den Fürstengeschlechtern und einem Teil der Hetairen ihre Träger fanden und von der Politik der leitenden Staaten in Hellas bestens gefördert wurden, während die Masse des Volkes, so scheint es, dabei gleichgültig blieb.
Schon gegen König Archelaos hatte sich der Lynkestierfürst Arrhabaios in Verbindung mit dem elymiotischen Sirrhas in Waffen erhoben, vielleicht unter dem Vorwand, die Beseitigung des echten Erbfolgers zu rächen, vielleicht für Amyntas, des Arrhidaios Sohn, Enkel des Amyntas, den Perdikkas zur Seite geschoben hatte, den Nächstberechtigten aus dem königlichen Hause. Archelaos hatte den Frieden damit erkauft, daß er seine Töchter, die ältere dem Sirrhas von Elymiotis, die jüngere dem Amyntas vermählte. Dann wurde er, wie es heißt, durch Zufall auf der Jagd getötet. Ihm folgte sein unmündiger Sohn Orestes unter Vormundschaft des Äropos, aber der Vormund ermordete ihn, wurde selbst König. Äropos ist gewiß der Sohn jenes Arrhabaios, aus dem bakchiadischen Fürstengeschlecht der Lynkestis an der Grenze der Illyrier, mit deren Hilfe seine Vorfahren so oft gegen die Könige von Makedonien gekämpft hatten; was Äropos, seine Söhne und Enkel in den folgenden sechzig Jahren getan, bezeichnet sie als die steten Gegner der neuen monarchischen Tendenzen des Königshauses, als Vertreter des althergebrachten loseren Zustandes. Immer neue Empörungen und Thronwechsel, die folgen, sind der Beweis für das Ringen des Königsgeschlechtes und der partikularistischen Richtungen.
Äropos verstand das Königtum zu behaupten; aber als er 392 starb, bemächtigte sich Amyntas der Kleine der Gewalt; ihn ermordete Derdas 391, und des Äropos Sohn Pausanias wurde König. Wieder diesen verdrängte jener Amyntas, des Arrhidaios Sohn (390-369); die älteste Linie des Königshauses trat mit ihm wieder in ihr Recht.
Die Jahre seiner Regierung sind voller Wirren, die das zerrüttete Makedonien zur leichten Beute jedes Überfalles zu machen schienen. Vielleicht von den Lynkestiern herbeigerufen, brachen die Illyrier verheerend in das Land, besiegten des Königs Heer, zwangen ihn selbst zur Flucht über die Grenzen. Zwei Jahre lang hatte Argaios das Königtum inne, ob aus dem Königshause, ob ein Bruder des Pausanias, ob ein Lynkestier, muß dahingestellt bleiben. Aber mit thessalischer Hilfe kam Amyntas zurück, gewann das Königtum wieder, freilich in elendem Zustande; die Städte, die Landschaften an der Küste waren in der Gewalt der Olynthier, selbst Pella schloß dem Könige die Tore. Daß er sich mit Eurydike vermählte, die beiden Fürstenhäusern, dem von Elymais und von Lynkestis, angehörte, mag geschehen sein, um endlich Versöhnung zu schaffen.
Es folgten die Wirkungen des Antalkidischen Friedens, der Zug der Spartaner gegen Olynthos; Amyntas schloß sich dem Zuge an, auch Derdas, der Fürst der Elymiotis, folgte mit 400 Reitern. Aber man kam nicht so bald zum Ziel; Derdas wurde gefangen. Und nachdem endlich (380) Olynth gebrochen war, erhob sich Theben, es folgten Spartas Niederlagen bei Naxos, bei Leuktra; Olynth erneuerte den Chalkidischen Bund; Jason von Pherai vereinte die Macht Thessaliens, nötigte wie Alketas von Epiros, so Amyntas III. in seinen Bund zu treten; an der Schwelle großer Erfolge wurde er ermordet (370). Der schwache Amyntas hätte sich seiner Oberhoheit nicht zu erwehren vermocht. Er starb wenig später: ihm folgte der älteste seiner drei Söhne, Alexandros II.; von seiner Mutter, der Elymiotin, kam ihm ein rasches Verderben. Sie hatte schon lange geheime Buhlschaft mit Ptolemaios, aus unbekanntem Geschlecht, dem Mann ihrer Tochter, gehabt; sie veranlaßte ihn, während Alexandros, von den Thessaliern zu Hilfe gerufen, glücklich kämpfte, die Waffen gegen ihn zu erheben; er behauptete gegen den Heimeilenden das Feld; dann eilte Theben, sich einzumischen, es galt Makedonien zu lähmen, bevor es weitere Erfolge in Thessalien gewann; Pelopidas stiftete einen Vergleich, nach dem Alexandros dreißig Edelknaben als Geiseln stellte, Ptolemaios, so scheint es, ein Teilfürstentum mit der Stadt Aloros — nach dieser wird er genannt — erhielt. Ein Vergleich, der nur gemacht schien, den König sicherer zu verderben; während eines festlichen Tanzes wurde er ermordet: dem Mörder gab die Mutter ihre Hand und, unter dem Namen der Vormundschaft für ihre jüngeren Söhne Perdikkas und Philippos, das Königtum (368-365). Gegen ihn erhob sich, von vielen Makedonen gerufen, von der Chalkidike kommend, Pausanias — er heißt »aus dem Königshause«; von welcher Linie desselben er stammt, ist nicht mehr zu erkennen. Er machte rasche Fortschritte; Eurydike flüchtete mit ihren beiden Kindern zu Iphikrates, der mit attischer Macht in der Nähe war; er schlug den Aufstand nieder. Aber fester stand darum Ptolemaios nicht; die Ermordung Alexanders war ein Bruch des Vertrages mit Theben; an Pelopidas, der mit einem Heere in Theben stand, wandten sich die Freunde des Ermordeten; er kam mit einem rasch geworbenen Heere; aber des Ptolemaios Gold zerrüttete es; Pelopidas begnügte sich, einen neuen Vertrag mit ihm zu schließen; als Pfand seiner Treue stellte Ptolemaios 50 Hetairen und seinen Sohn Philoxenos; vielleicht war es bei diesem Anlaß, daß auch Philippos nach Theben kam.