Seit jenem merkwürdigen Ausspruch des Herakleitos, seit dem Äschyleischen »in vielen Namen eine Gestalt«, haben die Dichter und Denker der hellenischen Welt nicht aufgehört, in den vielen Göttergestalten und deren Mythen, die ihrem Volke Religion waren, den tieferen Sinn zu suchen und in ihm die Rechtfertigung ihres Glaubens zu finden. Man weiß, bis zu welchen Punkten Aristoteles diese Fragen vertieft hat. Alexander wird nicht bloß dessen populären Dialog gelesen haben, in dem er schildert, wie ein Blick in die Herrlichkeit der Welt und die ewige Bewegung der Gestirne dem, der sie zum erstenmal sehe, die Überzeugung geben würde, »daß wirklich Götter seien, daß so Staunenswürdiges ihr Wirken und Werk sei«. Aus des großen Denkers Vorträgen mag auch er die Überzeugung gewonnen haben, daß die frühe Vorzeit den Himmel und die Gestirne, die sich in ewigen Sphären an ihm bewegen, als Gottheiten angeschaut, deren Tun und Wirken »in mythischer Gestalt« ausgesprochen habe, daß »zur Überredung der vielen sowie um der Gesetze und des Gebrauches willen« diese Mythen beibehalten, auch weiterausgeführt und Wunderliches hinzugefügt worden sei, daß aber die wahre Gottheit, das »Unbewegt-Bewegende«, das »nicht durch andere Ursache als sich selbst Gewordene«, ohne Stoff, ohne Teile, ohne Vielheit sei, reine Form, reiner Geist, sich selbst denkend, bewegend ohne zu handeln und zu bilden, zu dem sich alles »aus Sehnsucht« bewegt als dem ewig Guten, dem höchsten Zweck.
Wie nun, wenn Alexander im Ammonion einer Gotteslehre, einer Symbolik begegnete, die, in ähnlichen Spekulationen sich vertiefend, zugleich die Gewißheit des Jenseits, seines Gerichtes und seiner Verklärungen, die Pflichten und die Ordnung des Lebens hienieden, das darauf Vorbereitung sei, das Wesen des Priestertums und des Königtums zu einem großen und in sich geschlossenen System zu verbinden verstanden hatte? Schon Monumente aus der alten Pharaonenzeit sprechen von »dem Gott, der sich selbst zum Gott gemacht hat, der durch sich selbst besteht, dem einzigen nicht erzeugten Erzeuger im Himmel und auf Erden, dem Herrn der seienden und nicht seienden Wesen«. Und daß diese Gedanken in voller Lebendigkeit bewahrt und vielleicht weitergeführt worden sind, lehrt eine denkwürdige Inschrift aus Dareios' II. Zeit und zu seinen Ehren; da ist Ammon-Ra der Gott, der sich selbst erzeugte, der sich offenbart in allem, was da ist, der von Anbeginn war und das Bleibende ist in allem, was da ist; die anderen Götter sind wie Prädikate für ihn, wie Tätigkeiten von ihm: »Es sind die Götter in deinen Händen und die Menschen zu deinen Füßen; du bist der Himmel, du bist die Tiefe; die Menschen preisen dich als den Unermüdlichen in der Sorge für sie; dir sind ihre Werke geheiligt.« Dann folgt das Gebet für den König: »Laß glücklich sein deinen Sohn, der da sitzet auf deinem Thron, mach' ihn dir ähnlich, laß als König ihn herrschen in deinen Würden; und wie deine Gestalt ist segenspendend, wenn du dich erhebest als Ra, so ist das Wirken deines Sohnes nach deinem Wunsch, Dareios, der ewig lebe; die Furcht vor ihm, die Achtung vor ihm, seines Ruhmes Glanz, sie seien im Herzen aller Menschen in jedem Lande, wie die Furcht vor dir, die Achtung vor dir im Herzen der Götter und Menschen weilt.«
Wenn die Priester des Ammonion Alexander als Sohn des Ammon-Ra, als Zeus-Helios begrüßt haben, so taten sie es in der vollen Wahrhaftigkeit ihrer religiösen Überzeugung und der tieferen Symbolik, in der sie ihre Gotteslehre faßten. Alexander, so wird erzählt, habe die Darlegungen des Priesters Psammon, des »Philosophen«, mit Aufmerksamkeit angehört, namentlich: daß jeder Mensch von einem Gott regiert werde (βασιλεύονται ὑπὸ θεοῦ), denn das in jedem Herrschende und Mächtige sei göttlich; dem habe Alexander entgegnet: allerdings sei der gemeinsame Vater aller Menschen Gott ( τὸν θεόν), aber die Besten wähle er sich zu besonderer Kindschaft.
Und nun zurück zu dem Zusammenhang der historischen Ereignisse, deren mit dem Frühling 331 eine neue bedeutsame Reihe beginnen sollte.
Nach Memphis zurückgekehrt, fand Alexander zahlreiche Gesandtschaften aus den hellenischen Landen, deren keine ohne geneigtes Gehör und möglichste Erfüllung ihrer Anträge in die Heimat zurückkehrte. Mit ihnen zugleich waren neue Truppen angekommen, namentlich vierhundert Mann hellenische Söldner unter Menidas und fünfhundert thrakische Reiter unter Asklepiodoros, und wie es scheint noch einige tausend Mann Fußvolk, die sofort in das Heer eingereiht wurden, welches schon in den Rüstungen zum Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung des ägyptischen Landes mit besonderer Vorsicht, namentlich darauf bedacht, durch Zerlegung der amtlichen Befugnisse die Vereinigung zu großer Macht in einer Hand zu vermeiden, die bei der militärischen Bedeutung dieser großen Satrapie und den reichen Machtelementen in ihr nicht ohne Gefahr gewesen wäre. Peukestas, des Makartatos Sohn, und Balakros, des Amyntas Sohn, erhielten die Strategie des Landes und den Befehl über die dort zurückbleibenden Truppen mit Einschluß der Besatzungen von Pelusion und Memphis, im ganzen etwa viertausend Mann, den Befehl über die Flotte von dreißig Trieren der Nauarch Polemon; die in Ägypten ansässigen oder einwandernden Griechen wurden unter eine besondere Behörde gestellt; die ägyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten Nomarchen, mit der Bestimmung, an diese nach der früheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die Oberaufsicht über die sämtlichen rein ägyptischen Kreise wurde anfangs zwei, dann einem Ägypter, sowie die über die libyschen Kreise einem griechischen Manne übertragen; der Verwalter der arabischen Kreise, Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in Ägypten, die Sprache und Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den Nomarchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, sowie ihm auch insbesondere die Sorge für den Bau der Stadt Alexandreia übertragen wurde.
Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Beförderungen in der Armee, nach neuen Festlichkeiten in Memphis und einem feierlichen Opfer, das Zeus dem Könige dargebracht wurde, brach Alexander mit dem Frühling 331 nach Phönikien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von Tyrus ein. Die kurze Zeit, die der König hier verweilte, verging unter großen und prächtigen Festlichkeiten nach hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im Heraklestempel gefeiert wurden, hielt das Heer Wettkämpfe aller Art; die berühmtesten Schauspieler der hellenischen Städte waren berufen, diese Tage zu verherrlichen, und die kyprischen Könige, die nach griechischer Sitte die Chöre stellten und schmückten, wetteiferten an Pracht und Geschmack miteinander. Dann lief die attische Tetrere Paralia, die stets nur in heiligen oder besonders wichtigen Angelegenheiten gesendet wurde, in den Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen, dem Könige Glück zu wünschen und die unverbrüchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am Granikos gefangenen Athener erwiderte.
Es galt, für eine lange Abwesenheit von den westlichen Landen Fürsorge zu treffen. Bis auf Sparta und Kreta war in Hellas alles in Ruhe; nur daß noch zahlreiche Seeräuber, die Nachwirkung der persischen Unternehmungen, die Meere unsicher machten. Amphoteros erhielt Befehl, die Austreibung der spartanischen und persischen Besatzungen aus Kreta zu beschleunigen, dann auf die Seeräuber Jagd zu machen, den Peloponnesiern, die etwa von Sparta aus bedrängt werden könnten, Hilfe und Schutz zu bieten; die Cyprier und Phoinikier wurden angewiesen, ihm hundert Schiffe nach dem Peloponnes nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Veränderungen in der Verwaltung der bisher unterworfenen Länder vorgenommen; es wurde nach Lydien an die Stelle des Satrapen Asandros, der auf Werbung nach Griechenland ging, der Magnesier Menandros von den Hetären gesandt, an dessen Stelle Klearchos den Befehl über die fremden Völker erhielt; es wurde die Satrapie Syriens von Memnon, der nicht mit der gehörigen Sorgfalt für die Bedürfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte, auf den jüngst angekommenen Asklepiodoros übertragen, zugleich diesem der unmittelbare Befehl über das Land des Jordan, dessen bisheriger Befehlshaber Andromachos von den Samaritanern erschlagen worden war, und die Bestrafung der Samaritaner übertragen. Endlich wurde die Finanzverwaltung in der Art geordnet, daß die Generalkasse, die bisher mit der Kriegskasse vereinigt gewesen war, von derselben getrennt und, wie schon für Ägypten geschehen war, so für Syrien und Kleinasien bis zum Tauros je eine besondere Hauptkasse eingerichtet wurde. Für die Satrapien westwärts vom Tauros erhielt dies Amt Philoxenos, für die syrischen Länder mit Einschluß der phönikischen Städte Koiranos, wogegen die Verwaltung der Kriegskasse an den reuigen Harpalos gegeben wurde, dem der König aus alter Freundschaft oder aus politischen Rücksichten verzieh, was er getan hatte.
Dann endlich brach das Heer von Tyros auf und zog die große Heerstraße am Orontes hinab, vielleicht auf dem Marsche durch Zuzüge aus den kleinasiatischen Besatzungen verstärkt, dem Euphrat zu; etwa 40 000 Mann Fußvolk und 7000 Reiter stark, erreichte es um den Anfang August Thapsakos, den gewöhnlichen Übergangsort. Eine Abteilung Makedonen war vorausgesandt worden, zwei Brücken über den Strom zu schlagen; sie waren noch nicht ganz vollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazaios, mit etwa 10 000 Mann zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so daß es für die viel schwächere makedonische Vorhut zu gewagt gewesen wäre, die Brücken bis an das jenseitige Ufer fortzuführen. Beim Anrücken der ganzen Armee zog sich Mazaios eilends zurück; zu schwach, um den Posten gegen Alexanders Übermacht zu behaupten, hätte er, seine Truppen aufopfernd, höchstens das Vorrücken der Feinde in etwas verzögern können, was für den Großkönig, dessen Rüstungen bereits vollendet waren, kein erheblicher Gewinn gewesen wäre.
Alexander ließ sofort den Bau beider Brücken vollenden und sein Heer auf das Ostufer des Euphrat hinüberrücken. Selbst wenn er vermutete, daß das persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte, zum Kampfe und zur Verteidigung der Reichsstadt bereitstand, durfte er nicht, wie siebzig Jahre früher die Zehntausend, den Weg längs des Euphrat, den jene genommen hatten, einschlagen. Die Wüsten, durch welche derselbe führt, wären in der Hitze des Sommers doppelt mühselig gewesen, und die Verpflegung eines so bedeutenden Heeres hätte die größten Schwierigkeiten gehabt. Er wählte die große nördliche Straße, welche nordostwärts über Nisibis durch das kühlere und weidenreiche Hügelland, das die Makedonen später Mygdonien nannten, an den Tigris und dann an der linken Seite des Stromes hinab in die Ebene von Babylon führt.
Da brachte man eines Tages einige der feindlichen Reiter, die in der Gegend umherschwärmten, gefangen vor den König; sie sagten aus: daß Dareios bereits von Babylon aufgebrochen sei und auf dem linken Ufer des Tigris stehe, entschlossen, seinem Gegner mit aller Kraft den Übergang über den Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel größer als die in den issischen Pässen; sie selbst wären auf Kundschaft ausgesandt, damit sich das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Makedonen gegenüber am Tigris aufstellen könne.