Es folgen höchst merkwürdige Ereignisse, von denen uns freilich nur einzelne zerstreute Notizen überliefert sind, deren Zusammenhang, ja deren zeitliche Folge nicht mehr festgestellt werden kann.

Es ist neuester Zeit die obere Hälfte eines attischen Inschriftsteines[11] gefunden worden, mit einem Relief geschmückt, von dem noch die Reste von zwei Pferden, ein Mann im Himation, der in der Rechten eine Schale zum Spenden hält, eine Athena, die die Hand, wie es scheint, zu ihm hinstreckt, zu erkennen ist; darunter »Rhebulas, des Seuthes Sohn, des Kotys Bruder...« Folgt dann ein Volksbeschluß, von dem nur die Datierung übrig ist, die etwa dem 10. Juni 330 entspricht. Was konnte den Sohn des Seuthes nach Athen geführt haben, daß ihn die Athener mit einem so geschmückten Ehrendekret auszeichneten?

Arrian freilich berichtet über die Vorgänge dieses Jahres in Hellas, Makedonien, Thrakien nichts, aber die auf Kleitarchos zurückführenden Überlieferungen geben einiges. Diodor sagt: »Memnon, der makedonische Strateg in Thrakien, der Truppen hatte und voll Ehrgeiz war, regte die Barbaren auf und griff, als er sich stark genug sah, selbst zu den Waffen, weshalb Antipatros seine Kriegsmacht aufbot, nach Thrakien eilte, wider ihn kämpfte.« Noch weitere Momente bietet Justin; nachdem er das Ende des Dareios berichtet hat, fährt er fort: »Während dies geschah, empfing Alexander Briefe des Antipatros aus Makedonien, in denen von dem Kriege des Spartanerkönigs Agis in Griechenland, von des Molosserkönigs Krieg in Italien, von dem Kriege seines Strategen Zopyrion in Skythien berichtet war«; und weiterhin: »Zopyrion, der von Alexander als Strateg des Pontos bestellt war, in der Meinung, lässig zu sein, wenn er nicht auch etwas unternehme, ging mit einem Heere von dreißigtausend Mann gegen die Skythen und fand mit seiner ganzen Macht den Untergang.«

Freilich Curtius, der doch im wesentlichen auf dieselbe Quelle zurückführt, berichtet von Zopyrion und dem thrakischen Aufstande so, daß man glauben muß, diese Dinge wären volle vier Jahre später geschehen; aber es sind unzweifelhaft die gleichen Vorgänge: »Alexander habe, aus Indien nach Persien zurückgekehrt, Berichte über das, was während seiner Abwesenheit in Asien und Europa geschehen, empfangen; daß Zopyrion, als er einen Krieg gegen die Geten unternahm, durch plötzlich entstandenen Sturm mit seinem ganzen Heere untergegangen sei, daß auf die Nachricht von dieser Niederlage Seuthes die Odryser, seine Landsleute, zum Abfall veranlaßt habe, daß da Thrakien fast verloren gewesen sei, nicht einmal Griechenland...« da beginnt eine längere Lücke im Text des Curtius.

Also nach der Auffassung des Curtius hat die schwere Niederlage des Zopyrion dem thrakischen Fürsten Seuthes den Entschluß zur Empörung gegeben; nach Diodor ist Memnon, der Strateg im makedonischen Thrakien, der Anstifter dieses Abfalls; nach einer anderen Nachricht, die aus dem Kreise derselben kleitarchischen Überlieferung zu stammen scheint, ist zugleich das Gerücht vom Tode Alexanders verbreitet; nach einer anderen gleichen Ursprungs hat Antipatros gegen die »Vierländer«, die am Hämos und bis zur Rhodope hinüber wohnen, ausziehen müssen und sie durch eine Kriegslist zur Heimkehr veranlaßt.

Man sieht ungefähr, wie hier die Dinge zusammenhängen. Alexander hatte im Spätherbst 331 von Susa aus Menes mit 3000 Talenten nach der Küste gesandt mit der Weisung, an Antipatros so viel zu übermachen, wie derselbe zum Kriege gegen Agis brauchen werde. Mag Zopyrion, der Strateg am Pontos, gewiß ohne Weisung Alexanders, gewiß ohne Gutheißung des Antipatros, sein Unternehmen gegen die Skythen etwa im Herbst 331 begonnen haben, seines Heeres Untergang war eine so schwere Schwächung der makedonischen Macht, daß Memnon, der Strateg in Thrakien, den Versuch, sich unabhängig zu machen, wagen konnte; und der odrysische Fürst Seuthes war mit Freuden zum Abfall bereit, die thrakischen Völker im Gebirge, jene Besser, unter den Räubern als Räuber berüchtigt, rückten ins Feld; über das ganze Gebiet im Norden und Süden des Hämos verbreitete sich der Aufstand.

Das wird die große Botschaft gewesen sein, die im Frühling 330 Rhebulas, des Seuthes Sohn, nach Athen brachte, gewiß mit dem Antrage, die Bündnisse, die Athen mit so vielen seiner Vorfahren, namentlich mit Ketriporis, mit Kersobleptes gegen König Philipp geschlossen hatte, gegen Alexander zu erneuern.

Schon hatte im Peloponnes der Kampf begonnen. König Agis hatte makedonische Söldner unter Korragos angegriffen und völlig vernichtet. Von Sparta aus ergingen Aufrufe an die Hellenen, für die Freiheit mit der Stadt Lykurgs gemeinsame Sache zu machen. Die Elier, alle Arkader außer Megalopolis, alle Achäer außer Pellene erhoben sich; Agis eilte, Megalopolis zu belagern, das ihm den Weg nach dem Norden sperrte: »Mit jedem Tage erwartete man den Fall der Stadt; Alexander stand jenseits der Grenzen der Welt, Antipatros zog erst sein Heer zusammen; wie der Ausgang sein werde, war ungewiß«, so sagt Äschines einige Wochen später.

Schon zündete die Flamme des Aufruhrs auch im mittleren Hellas, auch jenseits der Thermopylen; die Ätoler überfielen die akarnanische Stadt Oiniadai, zerstörten sie; die Thessaler, die Perrhaiber standen auf. Wenn Athen jetzt mit seiner bedeutenden Macht der Bewegung beitrat, so schien alles erreichbar.

Noch aus den dürftigen Spuren, die uns übrig sind, erkennt man, wie heftig in Athen debattiert sein muß. Aus einer Inschrift erfährt man von einem platäischen Mann, der eine bedeutende Summe »für den Krieg« darbrachte, und das Ehrendekret zum Dank dafür hat der ehrwürdige Lykurgos beantragt. Derselbe zog den Leokrates, einen der Reichen, der nach der Niederlage von Chäronea geflüchtet war und in Rhodus, dann in Megara große Geschäfte gemacht hatte, wegen Verrats vor Gericht, da er nach Athen zurückzukehren gewagt hatte; aber der Verklagte fand bei vielen Angesehenen und Reichen Fürsprache, und in dem Gericht waren die Stimmen für und wider ihn gleich geteilt. Wie zum Gegenschlag brachte Äschines die alte Klage gegen Ktesiphon, die seit 337 geruht hatte, wieder in Gang; es galt, dessen damaligen Antrag auf einen Ehrenkranz für Demosthenes als ungesetzlich strafen zu lassen; zur Entscheidung kam der Prozeß einige Wochen später, als schon alles entschieden war; in der Rede, die Äschines damals hielt, führt er an, wie Demosthenes große Worte gemacht habe, als werde die Stadt von gewissen Personen »gekappt, ausgekernt, die Muskeln ihrer Kraft durchschnitten«; daß er auf der Rednerbühne gesagt habe: »Ich bekenne mich dazu, die Politik Spartas unterstützt, die Thessalier und Perrhaiber zum Abfall veranlaßt zu haben«. Also Demosthenes hatte — etwa im Frühling 330 — seine Verdienste um die Schürung des Aufstandes öffentlich rühmen können. So lebhaft Äschines, Demades, Phokion entgegenarbeiten mochten, sichtlich trieb die Stimmung der Stadt dem Kriege zu; es wurde der Antrag gestellt, die Flotte auszurüsten und denen, die von Alexander abgefallen seien, zu Hilfe zu senden. Da ergriff, so wird erzählt, Demades, der damals die Kasse der Festgelder verwaltete, das letzte Mittel; allerdings erklärte er, seien die Mittel für die vorgeschlagene Expedition vorhanden; er habe dafür gesorgt, daß in der Theorikenkasse genug sei, um für das nächste Fest der Choen jedem Bürger eine halbe Mine zu zahlen; er stelle den Athenern anheim, ob sie das ihnen zukommende Geld lieber für Rüstung und Krieg verwenden wollten. Wenn die Athener gegen die Rüstung entschieden, so war es vielleicht nicht um der Festfeier willen; im Frühling 331 hatte Amphoteros 100 kyprische und phönikische Schiffe Verstärkung erhalten; wenn er mit seiner Flotte zwischen Ägina und Sunion kreuzte, so konnte er das Aussegeln der attischen unmöglich machen.