Fritz stand allein; die Magd der benachbarten Lehenfrau, die ihm Essen und Kaffee brachte, machte ihm gegen ein bestimmtes Trinkgeld auch das Zimmer. Er zog es vor, es etwas unbequemer zu haben, lieber als in Kosthäusern das unerquickliche Zusammenleben mit Unbekannten zu genießen, wo das trauliche Gefühl des Daheimseins unter dem Getreibe einer Art von Gastgebern verloren geht. Ein rechtes Kosthaus, gleichsam ein Familienhaus mit einer Art von traulichem Familienleben bleibt noch immer ein frommer Wunsch, dessen Erfüllung manchen Segen stiften würde.
Die für's Morgentrinken angefangene Sitte wurde auch Mittags und Abends festgehalten; denn das Gefühl vom Kirchlein, das den Heiri bei der Hausschau durchschauert hatte, gewann bei Allen die Oberhand. Sie fühlten etwas Festtägliches an jedem Tage; es war, als ob der Sonntag durch jeden Werktag hindurchgedrungen wäre und ihn geheiligt hätte, während in der Stadt in dumpfer, düsterer Stube auch der Sonntag etwas Werktägliches angenommen hatte, werktäglich durch den Lärm und das Gekarre in den Gassen unten, durch das Geklopfe nebenan, durch die Negligetrachten gegenüber. Weder Heiri noch Liese hatten Heimweh nach der Stadt; die Stille und Ruhe des Friedens um sie her, das immer voller und schwellender und wärmer sprossende Grün auf Matten und an Baumgruppen, der freie, offene Himmel, die frische reine Luft die trockene, gesunde, helle Wohnung boten ihnen kaum geahnte Genüsse und sie ließen den äußern Frieden und das äußere Glück in ihr Herz strömen und thauten auf in erneuter gegenseitiger Liebe. Heiri's Wangen bräunten sich in der Kraft der Sonnenstrahlen, Liese ward wieder jung wie ein Adler, und Liseli blühte wie eine Blume des Feldes.
Nie klagte Heiri über die große Entfernung, nie über Regen, schlechten Weg oder Hitze. Bei der meist ruhig stehenden Lebensweise im Arbeitersaal bekam ihm der täglich viermalige Gang recht wohl, und er spürte nichts mehr von Beschwerden des Unterleibes, wie früher. Bei einer ruhigen, sitzenden oder stehenden Lebensart ist nichts der Gesundheit so zuträglich, wie regelmäßige tägliche Bewegung. Das wissen die Contorherren gar wohl, die manchmal im Sommer in der Morgenkühle ihr Luftbad auf der Rheinbrücke nehmen, und dabei 4 oder 5 Mal darüber hin und herwandeln.
Manche Bekannte Heiri's hatten ihm allerlei prophezeit, und dem Fritz am Hause allerlei getadelt. Dem Heiri, er werde den Verleider bekommen am langen Wege und seine Leute werden die liebe Noth haben, ein Gemüse zu bekommen, weil es so abgelegen sei. Dem Fritz, er sei ein rechter Sonderling, sich so weit von der Stadt und dazu an so abgelegenem Ort, wo einen kein Mensch erfragen kann, anzusiedeln. Jahr aus Jahr ein sei's schrecklich langweilig und öde. Warum er auch die Hinterseite gegen den Weg, und die Wohnstube gegen das Feld gewendet habe; das Haus sei ja ganz verdreht und um zur Hausthüre zu kommen, müsse man ja ums ganze Haus herumgehen. Da habe doch der Nachbar die gescheitere Nase gehabt, der die Seite gegen den neuen Centralbahnhof gewählt habe. Das sei halt auch so ein halber Physigucker, der Fritz, an dem's auch wahr werde: wie gelehrter, wie verkehrter. – Aber weder Heiri noch Fritz ließen sich dadurch ihr Paradies verleiden. Der Eine hatte zum Voraus überlegt und der Andere hintendrein erfahren, was das bessere Theil sei und keiner noch das Geringste bereut. Der Heiri bekam den Verleider nicht am langen Weg und mit den Gemüsen ging's eben auch; was der Garten nicht trug, das gab um billiges Geld die Lehenfrau, und der Milchkarren brachte ihnen Fleisch und Brod aus der Stadt mit; und wenn das nicht gewesen wäre, so hätte sich weder Fritz noch Heiri gescheut, es selber heimzutragen. Aber der Garten war fruchtbar, als ob ein besonderer Segen darauf ruhe.
Und ja, es ruhte ein großer Segen darauf, mehr als man gleich anfangs merkte. Wenn man so den Binnetsch und den Salat wachsen sah und das Jörgenkraut, und wenn man's abschnitt und es auf der linnengedeckten Tischplatte wie eine Zierde aufgestellt war, da meinte man nicht, es sei mit Zinsen für's Land und mit Arbeit erkauft, sondern wie ein ganz besonderes Geschenk vom lieben Gott kam's einem vor, auf das man keinen Anspruch hatte, und man fühlte den Dank aus dem Herzen heraufsteigen bis in den Mund, daß es manchmal ein wenig überlief. Da gehe man nur auf den Markt und kaufe. Bis man da und dort verlesen und gehandelt und mit Markten noch fünf Centimes abgedrückt und dann mit gutem baarem Geld aus dem eigenen Beutel bezahlt hat, da glaubt man auch nicht mehr, daß man deshalb gebetet habe: Gib uns heute unser täglich Brod. Man freut sich etwa des billigen Einkaufs, den man seiner Pfiffigkeit und Zähigkeit verdankt, aber an den, der zum Wachsen Regen und Gedeihen gab, erinnert man sich nicht.
8.
Was die dem Fritz gemachten Vorwürfe betrifft, so war's zum ersten nicht langweilig. Das fühlten Alle im Hause. Hier draußen im Grünen brachte jeder Tag etwas Neues. Welche Lust zu sehen, wie die erst noch nackten Bäume Triebe und Schoße brachten, wie sie fast in einer Nacht hervorbrachen in tausend und tausend Blüthen, jetzt die Kirschen, jetzt fleischroth Pfirsige, dann Aepfel und Birnen im Schmuck der Lilien- und Rosenfarbe. Und abermal kleidete frisches Grün die noch blühenden Bäume, bis ein sanfter Regen die Blüthenblätter aus den Kelchen wischte und der Wind sie wie Schnee durch die Luft trieb. Und dann wieder wob sich in's Grün der Matten das Gold der Sonnenwirbel und die zarte Lilafarbe der honigschwangern Kleewirtel. Das alles genießt der reiche Städter nicht; er sieht im wenigwochigen Landaufenthalt nur den geringsten Theil dieser reichen, mächtigen Entwicklung, gleichsam den höchsten Glanz des Naturlebens in seiner vollsten Fülle. Und vollends der Arbeiter, der in enger, dunkler Gasse der Stadt wohnt, kaum kommt er am Sonntag dazu, vor's Thor zu gehen, – mit Augen, die nicht sehen, mit Ohren, die nicht hören, weil er verlernt hat zu achten auf die großen Werke des Herrn. (Wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.) Da fahren sie auf der Eisenbahn, um in Muttenz oder Prattelen oder auch in Frenkendorf und Liestal lustig zu sein beim Glase Wein, daß draufgeht, was man vom Zahltag her in der verflossenen Woche nicht gebraucht. Und wenn man genug gejodelt und getobt hat und den Kopf wüste und öde von Alle dem was hinein- und hinausging; dann hat man sich erholt und gestärkt für die Arbeit der künftigen Woche? Dann hat man die freie Gottesnatur genossen?
Aber nicht nur das Betrachten, auch das Arbeiten im Gärtlein verkürzte die Zeit. Pfeilschnell flogen die Tage dahin, und doch war man in kurzer Zeit so an Alles gewöhnt, als obs nicht Monate, sondern Jahre her wäre. Fritz verstand Rosen zu veredeln und okulirte Wildlinge oder pfropfte edle Reiser auf kräftige Gerten. Die Reben am Hause wucherten üppig, wie wenn unerschöpfliche Lebensfülle aus dem Boden in ihre Reiser sich ergöße, so daß den ganzen Sommer über Aberschosse wegzubrechen waren. Und wenn etwa am Mittwoch Abend Heiri die Liese ans Sommerkasino spazieren führte, daß man aus der Ferne oder von der Straße her sich am lustigen wogenden Schall der Musik ergötzen könne; und wenn dann Liseli die Blumen spritzte, die von des Tages Hitze nach Erquickung lechzten, da wurde auch dem Fritz so eigen zu Muthe. Liseli kam ihm vor wie eine traute Bekannte, und doch hatte er noch nie gewagt, ihr nur die Hand zu geben. Was er sprach, war wenig, desto mehr dachte und fühlte er. Und das Alles verkürzte ihm die Zeit ungemein.
Und was den andern Vorwurf betrifft, er hätte das Haus hinterfür gestellt, so kannte er ja zum Voraus den Wahrspruch: Wer da bauen will an der Straßen, muß sich's Meistern g'fallen lassen. Seine Gründe waren wichtig genug und schon älter als das heilige römische Reich. Denn Fritz hatte sein Haus ganz einfach nach der Sonne gerichtet, wie schon die alten Aegypter ihre berühmten Tempel und Pyramiden. Man braucht auch nur durch die Landschaft hinaufzureisen, so fällt es jedem auf, wie in den Dörfern links an der Straße stattliche Häuserfassen stehen, rechts aber eine Reihe Dunghäufen und dahinter Stallthüren und Scheunenthore; und durch die letztern gelangt man durch's Haus hindurch zu den Stuben auf der Feldseite. Das ist aber, weil fast alle Landleute sich nicht nach der Straße, sondern nach der Sonne richten; und 's ist eine alte, ererbte aber vernünftige Ueberlieferung. Das erregende Licht und die belebende Wärme der Sonnenstrahlen war auch dem Fritz wichtiger als der Weg und als das Geschwätz der Leute; war's nach außen nicht prunkend, sein Haus, so war's doch innen wohnlich und freundlich und heimelig.
Im hohen Sommer, wenn die Sonne weit über dem Rhein, im Nordosten, aufging, und nahe am Isteiner Klotz wieder hinunter, da stand sie am Mittag fast senkrecht über dem Hause und beschien nur von 11 bis 1 Uhr das Simsbrett am Fenster; im obern Stock gab überdieß das vorspringende Dach noch Schatten. Um die Hitze zu vermeiden, bog man nur die Läden zusammen über die heiße Tageszeit, während man am frühen Morgen die kühle frische Morgenluft durch Stuben und Haus hatte streichen lassen. Im Winter dagegen ging ja die Sonne stets auf der Sonnenseite auf und unter, und bei jedem hellen Himmel half der tief ins Zimmer dringende Strahl das Zimmer heizen. Das war wohl die Hinter-, aber gewiß nicht die Schattenseite am Haus. Die Küche dagegen und der Abtritt mögen die Wärme nicht vertragen, sonst gerinnt im Kasten die Milch, die Speiseresten werden faul und sauer; und vom Abtritt her hat man einen ungebetenen Wetterprophet, und ist er schlecht, so prophezeit er erst noch bei schönem Wetter ganz falsch. Das hatte Fritz überlegt und beachtet und hatte Küche und Nr. 100 gegen den Weg gesetzt, d. h. auf die kühle Mitternachtsseite.