In Cosenza schien sich übrigens wider Erwarten alles ganz gut zu gestalten, die Garnison war mit den Einwohnern ziemlich zufrieden, besonders mit dem weiblichen Teil derselben; alle jetzt einlaufenden Nachrichten schienen günstig, nur in den unzugänglichen Bergschluchten trieben die Brigantenhaufen noch ihr Wesen und verließen ihre Schlupfwinkel nur selten und mit der äußersten Vorsicht, wo sie dann kleine Detachements und vereinzelte Soldaten überfielen. Wir versprachen uns in Cosenza ein weit angenehmeres, wenigstens nicht so fatiguantes Leben wie in Neapel und bedauerten nur, keinen Feind zu sehen; aber diese anscheinende Ruhe sollte schnell ein Ende nehmen, denn schon den dritten Tag nach unserer Ankunft kam ein Kurier, von dem in Kalabrien kommandierenden General Regnier abgesandt, der die Order überbrachte, daß alle in und um Cosenza stehenden Truppen bis auf tausend Mann, die in der Stadt selbst bleiben sollten, sofort, hinlänglich mit Munition versehen, sich über Rogliano und Scigliano in Eilmärschen nach Nicastro begeben sollten. Die englische Flotte war in dem Golf von Eufemia angekommen und machte Miene, Truppen ans Land zu setzen. Noch vor Sonnenuntergang waren wir auf dem Marsch, den wir trotz der großen Hitze, aber teilweise auf Wagen und Karren, rastlos bis Nicastro fortsetzten, wo wir gegen den folgenden Abend ankamen und uns auf dem schönen Marktplatz dieser Stadt, die schon mit Truppen aller Waffengattungen, welche Regnier eiligst an sich gezogen hatte, angefüllt war, aufstellten. Hier erfuhren wir, daß der englische General Stuart mit einer bedeutenden Heeresmacht, aus englischen und sizilianischen Regimentern bestehend, die etwa sieben- bis achttausend Mann betrage, schon seit sechsunddreißig Stunden in dem Golf von Eufemia gelandet sei und sich stündlich durch den Zulauf der Kalabresen und Briganten verstärke, deren man schon drei- bis viertausend zähle.
Noch in derselben Nacht, wir hatten kaum sechs Stunden geruht, erhielten wir nebst den übrigen Truppen Befehl zum Aufbruch und wurden sämtlich gegen die Höhen des Dorfes Maida dirigiert, wo wir zwei Stunden nach Mitternacht ankamen und bis Sonnenaufgang biwakierten. Hier erblickten wir das in der Ebene längs der Küste in der Nähe der englischen Schiffe kampierende feindliche Heer. Regnier erteilte an alle Korpskommandanten Befehl, sich schlagfertig zu halten. Dies war am 4. Juli 1806. Die ersten Strahlen der Morgensonne beleuchteten die Truppenmassen, Fahnen, Schiffe und Flaggen der Feinde, und Düret, vor der Front unseres Bataillons hersprengend, rief uns zu: „Heute wird das Regiment die Feuertaufe in offener Schlacht erhalten!“ Wir antworteten durch freudiges Zujauchzen. Ich muß gestehen, daß mir in diesem Augenblick auch die Möglichkeit, hier mein Leben zu enden und Eltern und Heimat in diesem Leben nie mehr wieder zu sehen, ins Gedächtnis kam, aber lange hatte ich keine Zeit, solchen Gedanken Raum zu geben; das ungefähr siebentausend Mann starke Heer wurde in Schlachtordnung gestellt, die Position, die wir genommen hatten, war sehr günstig, denn wir lehnten uns an eine waldige Anhöhe, hatten aber nur vier Kanonen und ungefähr vierhundert Mann Reiterei. Die Engländer und Sizilianer dagegen waren wenigstens zwölftausend Mann stark, hatten eine furchtbare Artillerie ausgeschifft und konnten noch obendrein durch das Feuer ihrer kleineren Schiffe, die auf Kartätschenschußweite von dem Ufer vor Anker lagen, unterstützt werden. Regnier hoffte, daß der Feind durch seine Übermacht und seine Artillerie sich würde verleiten lassen, uns in unserer vorteilhaften Stellung anzugreifen, dieser hielt es aber vorerst für ratsam, sich nicht zu weit von seinen Schiffen zu entfernen, würde es jedoch vielleicht später gewagt haben, aber Regnier verlor die Geduld, er wußte, daß die Engländer schon im Besitz des Kastells St. Amantea waren, fürchtete auch, wegen der von allen Seiten einlaufenden drohenden Nachrichten, daß eine allgemeine Insurrektion ausbrechen und sich schnell über ganz Kalabrien und hinter unserem Rücken verbreiten könne; er sah, wie jeden Augenblick neue Haufen Kalabresen, die alle rote Kokarden aufgesteckt hatten, zu dem Heer des Generals Stuart stießen, und hoffte durch einen raschen Angriff und Sieg diesem allem vorzukommen, entschloß sich deshalb, nach acht Uhr des Morgens seine vortreffliche defensive Stellung zu verlassen, um den Feind anzugreifen.
Ich zählte damals noch keine siebzehn Jahre und hatte noch sehr wenig, fast keine Kriegserfahrungen gemacht, als uns aber die Order zum Herabmarschieren in die Ebene zukam, sagte ich zu meinem Kapitän, dem Hauptmann Leclerc: „Wir sind verloren!“ Dieser antwortete mir: „Ich bin Ihrer Meinung, aber was können wir machen!“ und setzten uns in geschlossenen Reihen in Marsch. Dazu kam noch, daß unsere Leute durch die gehabten harten Strapazen noch sehr ermüdet waren, ja Regnier war so eilig, daß er mehreren, soeben erst zu uns gestoßenen Bataillonen nicht einen Augenblick Ruhe gönnte, sich durch etwas Speise und Trank zu stärken. Wir rückten jetzt in zwei Treffen vor, wobei er die Truppen sich wie auf einem Exerzierplatz durch Fahnen und Hauptführer richten und so das Gewehr im Arm in Geschwindschritt vorwärts marschieren ließ und nicht einmal abwartete, bis die Reiterei den linken Flügel des Feindes, gegen den sie beordert war, angegriffen hatte; die Voltigeurs hatten kaum mit den feindlichen Schützen geplänkelt, als ihnen das Signal zum Rückzug gegeben wurde, und nachdem die Infanterie mehrmals abgefeuert hatte, erhielt sie Order, im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett gegen den Feind vorzurücken und denselben anzugreifen; dieser aber, ein gut gerichtetes Feuer unterhaltend, streckte viele der Unsrigen zu Boden. Bald hatte sich der Kampf mit blanker Waffe auf dem linken Flügel entsponnen, die Engländer und Sizilianer umgingen ihn, nahmen uns in die Flanken und brachten einen Teil des Heeres zum Weichen, namentlich die Polen, von denen ein Bataillon, etwa sechshundert Mann stark, dabei war, während das Bataillon der Schweizer noch lange wie eine Mauer stand. Der rechte Flügel, von dem auch unser Bataillon einen Teil ausmachte, leistete langen und tapferen Widerstand, gegen eine große Übermacht kämpfend, obgleich ihn das zahlreiche englische Geschütz verhinderte, vollständig deployieren zu können. Unsere Reiterei war unterdessen in vollem Galopp dem linken Flügel zu Hilfe geeilt und hieb in die sizilianischen Bataillone wacker ein; aber jetzt rückte ein soeben noch gelandetes englisches Regiment aus einem Hinterhalt hervor und wurde so trefflich von dem Geschütz souteniert, daß bald darauf unsere Kavallerie geworfen wurde. Jetzt machten die englischen Batterien ein so mörderisches Feuer von allen Seiten, daß bald das Schlachtfeld mit unseren Toten bedeckt war und wir den Rückzug antreten mußten, der sich in wenigen Augenblicken in eine vollständig unordentliche Flucht auflöste. Unser Bataillon, das auf dem rechten Flügel gestanden, war eines der letzten, welche die Retirade antraten, die die plänkelnden Voltigeurs noch eine kurze Zeit zu decken suchten, bis endlich auch hier die allgemeine Unordnung einriß und sich die Massen teilten. Nahe an zweitausend Tote und Verwundete mußten wir auf dem Schlachtfeld zurücklassen, unter den letzteren war auch der General Compère und viele Stabs- und andere Offiziere, die in englische Gefangenschaft gerieten.
Sicher hatte Regnier einen großen Fehler begangen, seine günstige Stellung aufzugeben und sich dem Feinde gewissermaßen ohne Not in die Arme zu werfen; denn wir waren durch Waldung, den Fluß Amato und dessen morastige Ufer geschützt, hatten auch an Lebensmitteln keinen Mangel, und vierundzwanzig Stunden später würden noch einige tausend Mann mehr zu uns gestoßen sein, die noch nicht eingetroffen waren, wie Stuart fälschlich in seinem Schlachtbericht angibt, auch wären die Engländer, in der Ebene unter der Julisonne Kalabriens nur erst einige Tage kampierend, schon allein durch die schlechte Luft, die in dieser Jahreszeit in dem Tal von Eufemia herrscht und die bösartigsten Fieber erzeugt, zum Wiedereinschiffen gezwungen worden, wollten sie nicht dezimiert werden; und griffen sie uns in unserer guten Stellung an, wo ihr Geschütz wenig oder gar nicht wirken konnte, so waren sie verloren. Auch eine persönliche Rücksicht bewog den sonst behutsamen und erfahrenen General Regnier zu diesem fast tollkühnen Angriff; derselbe Stuart hatte nämlich schon in dem ägyptischen Feldzug diesem französischen General eine Schlappe beigebracht; er wollte sich deshalb an ihm rächen und hoffte die Engländer gefangen zu nehmen. – Als Napoleon diese Niederlage erfuhr, rief er aus: „Regnier ist immer unglücklich!“ Diese verlorene Schlacht in dem kaum eroberten Reich hatte äußerst nachteilige Folgen für uns und gab dem Nimbus der französischen Unüberwindlichkeit eine arge Blöße. Auf der anderen Seite ist in Erwägung zu ziehen, daß jeden Augenblick ein allgemeiner Aufstand in unserem Rücken zu befürchten war, wo wir dann zwischen zwei Feuern standen. Der Rückzug wurde gegen Catanzano zu genommen und wäre sicher völlig mißglückt, wenn die Engländer ihren Sieg gehörig zu benutzen verstanden und die Flüchtigen sogleich verfolgt hätten; aber sie blieben in bequemer Untätigkeit nach der Schlacht und überließen die Verfolgung den ganz undisziplinierten Insurgentenkorps, die sich ihrerseits wieder mit der Plünderung der Toten und so weiter verweilten. Regnier gelang es, mit einigen Trümmern des Heeres die Küsten des Golfs von Tarent zu erreichen, er wurde aber auf diesem Rückzug beständig beunruhigt, verlor fortwährend viele Leute, welche, sowie mehrere von dem Gros getrennte kleine Abteilungen, meistens den Insurgenten in die Hände fielen und denen dann ein schreckliches Los ward. Die durch die Briganten verübten Grausamkeiten gingen so weit, daß sich Stuart selbst veranlaßt fand, die Kalabresen in einer Proklamation zu mehr Menschlichkeit zu ermahnen; dies half aber wenig; weit mehr nützte es, daß er für jeden ihm lebendig abgelieferten gemeinen französischen Soldaten fünf und für jeden Offizier fünfzig Ducati versprach. Diese Insurgenten nagelten gewöhnlich die ihnen in die Hände fallenden Franzosen lebendig an Bäume oder Pfähle, durchstachen ihnen die Augen mit glühenden Eisen, rissen ihnen die Zunge aus dem Halse, schnitten ihnen Nase und Ohren, ja die Schamteile ab, die sie ihnen sodann unter den rohesten Scherzen in den Mund steckten, brachen ihnen auch öfters alle Zähne, einen nach dem anderen aus, gossen siedendes Pech oder geschmolzenes Blei in die Wunden der ganz entkleideten Körper und verübten noch namenlose andere Greuel an den unglücklichen, oft schon ganz verstümmelten Schlachtopfern ihrer Wut, die sie selbst dann noch fortsetzten, wenn der schrecklich Gemarterte schon längst seinen Geist aufgegeben hatte. Und nicht nur Männer waren es, die solche Untaten verübten und sich mit Lust an dem gräßlichen Schauspiel weideten, sondern auch Frauen hatten fast noch mehr ihre satanische Freude daran und halfen mit Rat und Tat neue Qualen erfinden und vollziehen. Ein gleiches Schicksal hatten selbst diejenigen ihrer Landsleute, welche als Anhänger der Franzosen bekannt waren. Prinzen und Bischöfen, Weibern und Mädchen, Greisen und Kindern, auch wenn nur deren Verwandte für Freunde der Franzosen galten, wurde gleiche, den Mädchen und Frauen noch schrecklichere Schmach und Behandlung, wenn sie ihnen in die Hände fielen. Ganze Dörfer und Städte, die man für französisch gesinnt hielt, wurden unter dem Ruf: „Viva Ferdinando quarto, la morte ai Francesi!“ niedergebrannt und der Erde gleichgemacht. Diese fanatische Wut war durch die Mönche erzeugt worden, die kein Mittel verabscheuten, das Volk dazu zu bringen.
Sehr gefährlich waren die Retiraden durch die Dörfer und Städte, wo Weiber und Kinder an der Ehre teilnahmen, dem fliehenden Feinde zu schaden; Abteilungen von zwei- bis dreihundert Mann wurden nach der Schlacht bei Maida in den Orten, durch die sie kamen, angefallen, und unter den heftigsten Verwünschungen und Flüchen goß man auf die durcheilenden Truppen siedendes Wasser oder warf Steine von den Dächern und aus den Fenstern auf sie herab, und von den Insurgenten verfolgt, wurde man jenseits des Ortes oft von einem anderen Haufen, durch den man sich schlagen mußte, erwartet, konnte also nicht daran denken, sich in den Straßen der Dörfer gegen die Unbilden wehren zu wollen. Die Briganten, die jeden Weg, jeden Schlupfwinkel kannten, verloren die Fliehenden nie aus den Augen, umgaben sie beständig unsichtbar von allen Seiten, kamen ihnen oft zuvor und mehrten sich mit jedem Schritt vorwärts, unendlichen Schaden zufügend. In den meisten Orten war man von der Ankunft der fliehenden Franzosen und ihrer Niederlage schon unterrichtet und empfing sie mit dem Wutgeschrei: „Ah cani francesi!“ Dabei hatten die Fliehenden nicht selten noch mit dem äußersten Mangel und Hunger zu kämpfen.
Auch mich hätte um ein Haar breit beinahe das Schrecklichste getroffen, und nur durch ein halbes Wunder entging ich dem martervollsten Tod. Ich war einer mit von den letzten, die das Schlachtfeld verließen, und hatte versucht, wenigstens die Bagage unseres Bataillons zu retten, aber vergeblich. Alles fiel in der Feinde Hände, also auch mein Gepäck, dessen Verlust ich indessen gerne verschmerzt hätte, wenn sich nicht mein Klavierauszug des Don Juan, Schillers Fiesko, Don Carlos und Cramers Adolph der Kühne, Raugraf von Dassel, dabei befunden hätten, ein für jetzt nicht zu ersetzender Verlust; Haarlocken und einige Billette mehrerer meiner Schönen aber trug ich bei mir in einem Portefeuille in meiner Brusttasche. Da ich mich endlich auch auf die Flucht begeben mußte, wenn ich den Engländern nicht in die Hände fallen wollte, so raffte ich noch einige sechzig Mann von unserem Regiment, größtenteils Voltigeure, zusammen, die sich noch vorfanden, und warf mich mit diesen in die nahe Waldung und die Gebirge, kam glücklich zu Nicastro an, brach aber, da es hier mit jeder Minute unsicherer zu werden begann, noch in der Nacht weiter auf und wieder in die Gebirge, denn in diesen Wildnissen glaubte ich mich weit sicherer als auf den Landstraßen und in den Ebenen, wo mein kleines Detachement jeden Augenblick aufgehoben werden konnte. Ich irrte mit meinen Leuten auf das Geratewohl, ohne Munition und Lebensmittel, ohne Wegweiser, ohne Karten, ohne die geringste Kenntnis des Landes in dem Waldgebirge umher, jeden Augenblick fürchtend, dem Feinde in die Hände zu fallen. Wir begegneten endlich einem Bauer, der aus dem Städtchen Taverna kam, das in der Nähe lag, den ich sogleich festhielt und durch Drohung des augenblicklichen Niederstechens, wenn er mir die geringste Unwahrheit sage, von ihm herausbrachte, daß vor ein paar Stunden eine Abteilung Insurgenten aus demselben abgezogen sei, um zu den Sizilianern zu stoßen, daß man aber zu Taverna noch nichts von unserer Niederlage wisse. Ich traute dem Bauer dennoch nicht, da wir aber beinahe vor Hunger umfielen und auch keine uns so notwendige Munition mehr hatten, so beschloß ich nach kurzer Überlegung, einen gewagten Streich auszuführen, der, wenn er glückte, uns aus der Not helfen und mich für den Augenblick aus dieser fatalen Lage ziehen mußte; mißglückte er, so waren wir nicht viel schlimmer daran wie jetzt auch. Ich marschierte nun, von dem Bauer geführt, gerade nach Taverna, ließ aber den Führer unter strenger Bewachung zweier Korporale vor demselben zurück, mit dem Befehl, ihn niederzumachen, wenn sie Unrat merkten und er uns hintergangen habe. In das etwa fünfzehnhundert Seelen zählende Städtchen eingerückt, ließ ich mich durch den ersten Einwohner, dem ich begegnete, zu dem Sindico führen und kündigte diesem an, daß ich die Avantgarde eines mir folgenden Regiments kommandiere, das noch heute von Neapel eintreffe, befahl ihm, mir sofort die Krämer anzuzeigen, die mit Pulver und Blei handelten, vorgebend, die strengste Order zu haben, mir dieses abliefern zu lassen, bei Strafe des Erschießens desjenigen, der dessen Besitz verheimliche. Dies hatte die gewünschte Wirkung, und in weniger als einer halben Stunde erhielt ich über achtzig Pfund Pulver und noch dreimal soviel Blei und Schrot, hierauf requirierte ich Brot und Wein und mehrere Pferde, die erhaltenen Lebensmittel zu transportieren, gab über alles gehörig Empfangscheine und verließ hierauf das Städtchen, dem gefälligen Herrn Sindico anbefehlend, ja bestens für die Quartiere der demnächst ankommenden Truppen zu sorgen, damit er keine Unannehmlichkeiten zu gewärtigen habe, was mir der gute Mann versprach; ich entfernte mich nun, vorgebend, dem Regiment entgegenmarschieren zu müssen, um dem Oberst desselben über alles gehörig Rapport zu erstatten, nahm vor dem Städtchen den noch verhafteten Bauer wieder mit, der mir den nach Cosenza einzuschlagenden Weg zeigen mußte, worauf ich ihn mit einigen Carlini für seine gehabte Mühe und ausgestandene Angst entließ. – Es war hohe Zeit, daß ich Taverna verlassen hatte, denn eine Stunde darauf rückte ein Streifkorps von fünfhundert Insurgenten daselbst ein, die sich jedoch wieder zurückzogen, als sie hörten, daß man ein französisches Regiment erwarte, das bereits angesagt und im Anmarsch sei. Zur rechten Zeit hatten wir auch den Vorrat von Munition erhalten, denn nachdem wir einen großen Teil der Nacht im Wald biwakiert hatten, wurden wir den anderen Morgen von einem an hundertfünfzig Mann starken Insurgentenhaufen angegriffen, durch den ich mich mit einem Verlust von drei Mann schlagen mußte, ihn aber in die Flucht trieb und dann weiter retirierte, da sich der Haufen durch herbeieilende Bauern vermehrte. So schlug ich mich, ohne einen anderen Wegweiser zu haben als bisweilen einen aufgefangenen Kalabresen, noch mehrmals von Insurgenten angegriffen, alle Ortschaften meidend, ohne andere Lebensmittel als hier und da weggenommene Ziegen und Pferde, die schnell getötet und am Feuer gebraten wurden, unter tausend Gefahren bis nach Palenza durch, wo ich nach sieben Tagen, noch sechsundfünfzig Mann stark, in einem bejammernswerten Zustand ankam und die erste Unterstützung und das erste Brot wieder erhielt, da bis hierher noch keine Insurgenten gekommen waren. Während dieser Zeit hatten wir unter keinem Dach geschlafen, sondern biwakierten, wo wir ruhten. Die eine Hälfte der Mannschaft bewachte die andere, wenn sie schlief, und wurde dann von dieser abgelöst. Aber noch einmal gerieten wir, und ich ganz besonders, in die furchtbarste Lage.
Nur noch wenige Meilen von Cosenza entfernt, ohne es jedoch genau zu wissen, hatten wir uns in einer Vertiefung des Waldgebirges Sila gelagert, um neue Kräfte zum Weitermarschieren zu sammeln und endlich in der Hauptstadt des diesseitigen Kalabriens das Ziel unserer unsäglichen Leiden zu finden. Noch unentschlossen, welchen Weg ich einschlagen solle, um dieses Ziel baldmöglichst zu erreichen, ritt ich ganz allein (ich hatte mich durch ein requiriertes Pferd beritten gemacht) auf eine mit niedrigem Gesträuch bewachsene Anhöhe, um von dieser aus die Umgegend überschauen und rekognoszieren zu können. Jenseits des Hügels aber, den ich eine Strecke hinabreiten wollte, um noch eine andere Anhöhe zu erreichen, fing der Boden an sumpfig zu werden, worauf ich anfänglich nicht achtete, aber mit jedem Schritt vorwärts wurde er seichter, und plötzlich sank zwischen dichtem Gesträuch das Pferd bis beinahe an den Bauch in die Brüche; ich stieg nun ab und geriet selbst bis an die Knie in den Sumpf, und da ich weder mir noch dem Pferd helfen konnte, so schoß ich eine Pistole ab, in der Hoffnung, daß es vielleicht meine Leute hören und mir zu Hilfe kommen würden. Aber in demselben Augenblick fielen zwei Schüsse, von denen mir der eine am linken Ohr vorüberpfiff, der andere aber mitten durch meinen Tschako fuhr. Gleich darauf sprangen sieben bewaffnete Banditen aus dem Gebüsch, packten mich von hinten beim Kragen, rissen mir die Epauletten von den Schultern, die Uniform vom Leibe und entwaffneten mich, ehe es mir möglich gewesen, in meiner Lage nur die Hand an den Degen zu legen, um mich zu verteidigen. Sie schickten sich an, mich auf kannibalische Art zu schlachten, indem sie schrien: „Ah cane francese, sei fritto!“ Da ich wußte, wie diese Unmenschen mit den Gefangenen umzugehen pflegten, so schwebten mir in diesem Augenblick alle diese gräßlichen Martern vor Augen; man kann sich denken, in welchem Gemütszustand ich mich befand. Als die Briganten im Begriff waren, mir auch das Hemd vom Leibe zu reißen, da machte plötzlich der, welcher gerade vor mir stand, das Zeichen des Kreuzes und rief: „Santissima Madonna!“ Auch die anderen bekreuzigten sich, und einige unter ihnen sprachen: „Ah é buon Christiano é di buona fede, lasciamolo.“ Dies hatte die Reliquie bewirkt, die ich zu Loretto mitgenommen und noch immer auf der bloßen Brust trug, ohne daran zu denken, und welche die Räuber erblickt hatten und sehr gut erkannten. Einige wollten sie mir abnehmen, die anderen aber stritten dagegen, und es entspann sich ein ziemlich heftiger Wortwechsel zwischen ihnen, von dem ich nur soviel verstand, daß die einen meinten, der Himmel würde sie sogleich strafen, wenn sie jetzt noch Hand an mich legten, andere aber meinten, das habe nichts zu sagen. Während sie noch so um mich und mein Leben stritten, fielen mehrere Schüsse, durch welche einer der Briganten in den Arm getroffen wurde, und gleich darauf sprangen Karabiniers und Voltigeurs von meinen Leuten aus dem Gebüsch und befreiten mich aus den Händen meiner Henker, die mit Hinterlassung eines Teils ihrer Waffen die Flucht ergriffen. Die Soldaten halfen mir und meinem Pferd aus dem Morast, und ich dankte der Vorsehung und der Madonna von Loretto für meine wunderbare Rettung, nahm mir aber vor, nie mehr allein in Kalabrien auf Rekognoszierung in die Büsche zu reiten. Ich war zwar gerettet, allein wir waren noch lange nicht über die Berge, obgleich wir mit Hilfe eines aufgefangenen Bauern ohne weiteren Unfall glücklich Cosenza erreichten, wo sich der General Verdier mit ein paar tausend Mann befand.
Ich erstattete diesem General einen treuen Bericht über das Vorgefallene und auf welche Art es mir gelungen war, mich mit meinen Leuten bis nach Cosenza durchzuschlagen; mit Verwunderung hörte er mich an, staunte namentlich über meine wunderbare Rettung aus den Klauen der Briganten und lud mich mehrmals zu Tische ein, wo ich einige interessante Bekanntschaften mit kalabresischen Edelleuten, Anhängern der Franzosen, machte. Aber die Lage von Cosenza wurde mit jedem Tag schwieriger, die Insurrektion immer drohender, der Aufstand wurde allgemein, die Flammen des Aufruhrs loderten um uns her, und bald waren wir von Briganten und Insurgenten umringt, die Bewohner der nächsten Umgegend und selbst die mißvergnügten Einwohner der Stadt fingen an, ihre Häupter drohend zu erheben, der Ruf: ‚maladetti cani francesi‘ wurde immer lauter, und von den einlaufenden Nachrichten war immer eine schlimmer als die andere. Von Sizilien aus wurde das ganze Land mit Proklamationen überschwemmt, in denen man die getreuen Kalabresen zur Bekämpfung und zum Morden der Franzosen aufforderte, ihnen alle möglichen Versprechungen machte und Unterstützungen zusagte, sowie daß Ferdinand IV. sich bald selbst an ihre Spitze stellen würde, auch sandte man fortwährend alles Raubgesindel, Mörder und Diebe Siziliens in Masse nach Kalabrien. – Reggio und das Kastell Scylla waren wieder in Feindes Hände gefallen, und die Schiffe Sidney Schmidts führten Munition und was zum Kriegsbedarf gehörte, in großem Überfluß allen Orten der Küste zu.
Verdier entschloß sich nun, um nicht völlig eingeschlossen zu werden, so lange noch eine Möglichkeit vorhanden war, die Hauptstadt Kalabriens zu räumen. Wir verließen Cosenza in ziemlich guter Ordnung, doch nicht ohne allen Verlust, und zogen uns in der Richtung von Neapel in das Gebirge zurück, wo wir einige Kanonen einbüßten. Lebensmittel wurden in den Dörfern und Ortschaften, in deren Nähe wir kamen, gewaltsam requiriert, wobei es nicht selten zwischen den dahin gesandten Abteilungen und den Bauern zu Tätlichkeiten und zum Blutvergießen kam. Wir biwakierten, wenn wir ruhten, was jedoch nicht häufig der Fall war, unter freiem Himmel, und jeden Tag kam es zu Neckereien mit den Insurgenten. Eine Abteilung von fünfhundert Mann, bei der auch ich mich mit meinem Detachement befand und die nach Ritorto, einem großen Flecken, beordert war, fand sich plötzlich von drei Seiten von zahlreichen bewaffneten Brigantenhaufen, unter denen sich mehrere Kompagnien sizilianischer Infanterie, ein paar Schwadronen Reiterei und sogar einige englische Dragoneroffiziere befanden, umringt. Von allen Seiten gedrängt, blieb uns kein anderer Weg als der nach Cosenza führende offen, wir warfen uns wieder in diese Stadt, wo man uns aber mit einem Hagel von Steinen und dem Ausruf: „Maladetti cani!“ empfing und siedendes Wasser und Öl auf uns goß. Auch die Feinde waren fast zu gleicher Zeit mit eingedrungen, und es entspann sich ein hartnäckiger Kampf in den Straßen selbst, bei dem ich einen tiefen Säbelhieb in den rechten Arm von einem feindlichen Dragoner erhielt, der aber fast in demselben Augenblick von einem französischen Grenadier vom Pferde gestochen wurde. Die Wunde blutete zwar stark, ich ließ mir sie aber durch einen unserer Leute mit dem von dem Hemde eines Toten abgerissenen Ärmel verbinden und schlug mich mit den übrigen durch die Straßen wieder zum Tor hinaus, wo wir retirierend uns fortwährend auf das eifrigste unserer Haut wehren mußten; wahrscheinlich würden wir dem uns verfolgenden, bald mehrere tausend Mann starken Feind unterlegen sein, wenn wir nicht glücklicherweise jenseits der Stadt, gegen Montalto zu, auf die Avantgarde eines französischen Linienregiments gestoßen wären, das von Salerno her im Marsch war und die Garnison von Cosenza verstärken sollte. Ein Bataillon dieses Regiments folgte bald seiner Avantgarde, dessen Chef sich nun uns anschloß, und so waren wir instand gesetzt, nicht nur den verfolgenden Feind wieder Face zu machen, sondern auch der angreifende Teil zu werden und ihn zurückzuschlagen. Jetzt ließ ich mir durch den Bataillons-Chirurgus meine Wunde, die zwar nicht gefährlich war, aber doch bis auf den Knochen ging, kunstgerecht verbinden und hatte nahe an drei Wochen zu tun, bevor ich den Arm wieder gehörig brauchen konnte. Noch denselben Abend gelang es, uns wieder mit Verdiers Division zu vereinigen, der sein Hauptquartier in einem großen Flecken, etwa zehn Miglien von Cosenza, das nun mit Insurgenten und feindlichen Truppen überfüllt war, aufgeschlagen hatte. Unsere Lage war indessen immer noch sehr kritisch, besonders da der so gefürchtete Brigantenchef oder eigentlich Räuberhauptmann Fra Diavolo mit seinen zahlreichen Banden rund um uns herum sein Wesen trieb. Wir mußten uns die folgenden Tage mit ansehnlichem Verlust durch Tarsio und Cassano, die sich in vollem Aufstand befanden, schlagen und kamen endlich zu Matera, der Hauptstadt der Basilicata, an, wo uns der daselbst kommandierende General, der noch nicht beunruhigt worden war, alle nötige Hilfe zukommen ließ. Hier erfuhren wir, daß die wichtige Festung Gaëta endlich übergegangen und deren starkes Belagerungsheer bereits unter dem Oberbefehl des Marschall Massena auf dem Marsch nach Kalabrien begriffen sei. Diese Neuigkeit gab uns frischen Mut und Zutrauen und machte zugleich bei den Insurgenten einen für uns so vorteilhaften Eindruck, daß diese es wenigstens nicht mehr wagten, uns in offener Fehde anzugreifen; Gaëtas Fall paralysierte so ziemlich die Wirkung der Niederlage von Maida. Durch frisch angekommene Truppen verstärkt, rückten wir nun wieder vor, bald waren die Insurgenten aus Cosenza und der Umgegend verschwunden, wir besetzten die Stadt neuerdings, in der Verdier abermals sein Hauptquartier aufschlug; die unter seinem Befehl stehenden Truppen waren wieder bis auf sechstausend Mann angewachsen. Cosenza mußte eine sehr bedeutende Kontribution erlegen, und wir ergriffen allenthalben die Offensive.
Bald nach unserer Wiederbesetzung Cosenzas verließ ein Korps von ungefähr dreitausend Mann, bei dem auch mein Detachement, diese Stadt, die Insurgenten zu verfolgen; den dritten Tag nach unserem Ausmarsch trafen wir in der Ebene von Cocozza auf ein bedeutendes Insurgentenkorps, das zu umstellen uns so gelang, daß es nach einer kurzen, aber heftigen Gegenwehr fast gänzlich niedergemacht wurde, nur etwa dreihundert Mann davon entkamen, die nach Amantea flüchteten, wo sie sich in ein Kloster warfen. Als wir aber schnell nach dem erfochtenen Sieg in Amantea einrückten, ergaben sie sich, Pardon erflehend, unter der Bedingung, ihnen das Leben zu schenken, was auch zugestanden wurde, aber auch nichts weiter. Sie wurden sämtlich geschlossen unter guter Eskorte nach Neapel abgeführt, wo man die meisten zur Galeere verurteilte. Das Kastell von Amantea hielt sich aber noch länger und fiel erst nach einer fünfundzwanzigtägigen Belagerung.