Das schlimmste war, daß bei all diesen Entbehrungen und Gefahren auch noch unsere Kleider und Schuhe sich allmählich in Lumpen auflösten und wir bald einem abgerissenen Banditenkorps ähnlicher sahen als Soldaten; längst war an den Gamaschen kein Strupfen mehr, und die Hälfte der Soldaten ging auf bloßen Füßen, hatte wenigstens keinen Schein mehr von einer Sohle unter den zerrissenen Schuhen, die bei jedem Schritt steckenblieben und mit den Händen wieder ausgegraben werden mußten. Den Offizieren, die meistens Suwarowsstiefeln trugen, ging es nicht viel besser, auch sie waren sohlen- und absatzlos. Daher war es immer das beste, wenn wir in einen Ort kamen, Schuhmacher, Schuhe und Leder zu requirieren, und die Kompagnieschuster und Soldaten flickten, so oft halt gemacht wurde; an Wäsche war nicht zu denken, ich hatte seit zwei Monaten dasselbe Hemd auf dem Leibe und verfluchte doch jetzt auch manchmal die gloire militaire und den Soldatenstand, obgleich ich dank meiner mäßigen Lebensweise, wenn auch von Fleisch sehr abgefallen und dürr wie ein Hering, doch noch immer so ziemlich gesund war. Ich trank aber fast nie puren Wein oder Aquavit, sondern beides immer reichlich mit Wasser vermischt, aß, wenn ich deren haben konnte, in Öl gebackene Eier oder Kuchen, deren Teig meistens aus Mais- oder Welschkornmehl geknetet war.

Endlich, nachdem Düret wenigstens schon zehn Berichte nacheinander abgesandt und darin gemeldet hatte, daß sich das bis auf ein Dritteil zusammengeschmolzene Bataillon unmöglich länger in Kalabrien halten könne, ohne gänzlich aufgerieben zu werden, kam die Order zum Rückmarsch nach Neapel, die mich, sowie uns alle, hoch erfreute und neu belebte. Aber bevor wir diesen Hafen, in dem wir das Ende unseres Elends erwarteten, erreichten, sollten wir noch einmal, und zwar indem wir einen Waldbach, der sich unweit Muro in die Sele ergießt und jetzt auch zu einem reißenden Strom angeschwollen war, passierten, arg heimgesucht werden. Das Wasser ging uns wieder bis über die Brust; als sich das erste Peloton mitten im Strom befand, erschien plötzlich auf den Felsenhöhen des Ufers ein Haufen von mehr als hundert Briganten, die von ihrer sichern Stellung aus ein gut unterhaltenes Feuer auf uns gaben, aber durch dasselbe keinen großen Schaden anrichteten, da ihre meisten Kugeln in den schützenden Tornistern, welche die Leute auf den Köpfen hatten, steckenblieben; doch riß Unordnung in den Reihen ein, wodurch mehr als zwanzig Mann in den Wellen umkamen und von dem Strom mit fortgerissen wurden.

Dies war indessen das letzte Ungemach, das wir auf diesem Feldzug erlitten, und wir marschierten nun ungestört über Muro, La Valva, Eboli, Salerno und Nocera nach Neapel, wo unser Bataillon in der Fortezza del Carmine kaserniert wurde; gleich nach unserer Ankunft gaben wir noch einige sechzig Mann in das Lazarett ab.

Unterdessen war aber auch der Haupturheber unserer meisten Mühseligkeiten, der berüchtigte Fra Diavolo selbst, gefangen worden und wurde ein paar Tage nach unserer Ankunft zu Neapel (im November 1806) gehangen. Ich bin imstande, aus den zuverlässigsten Quellen von Offizieren, die ihn bis zu seiner Gefangennehmung verfolgten, diese und das Ende des berüchtigten Brigantenchefs mitzuteilen.

Von Hügos mobilen Kolonnen allenthalben verfolgt, hatte Michel Pezzo seine ganze Bande in zwölf Abteilungen unter zwölf Anführer verteilt und jedem eine Provinz angewiesen, in welcher er auf seine eigene Faust operieren sollte, während er den Kern seiner Leute und die verwegensten Banditen, etwa sieben- bis achthundert Mann, bei sich behalten hatte. Alle Anführer waren, wie ich schon erwähnte, angewiesen, sich für den Fra Diavolo auszugeben, dabei war ihnen gesagt, daß, wenn sie zu sehr ins Gedränge kämen, sie einen kleinen Hafen zu erreichen suchen sollten, um nach Sizilien überschiffen zu können, wo er ihnen Palermo als den allgemeinen Sammelplatz bezeichnete. Hierdurch war es ihm gelungen, noch eine Zeitlang den verschiedenen Kolonnen, die scharf hinter ihm waren, zu entgehen, da diese, durch die von allen Seiten, wo man den Fra Diavolo in der Nähe glaubte, einlaufenden Berichte irregeführt wurden. Endlich aber setzte ihm selbst eine Abteilung des schwarzen Regiments Royal Africain und eine andere von Latour d’Auvergne so zu, daß es in der Gegend von Bojano, der alten Hauptstadt des Samniterlandes, zu einem hitzigen Gefecht mit Fra Diavolos Haufen kam, wobei man wegen der Nässe der Gewehre nicht feuern konnte, sondern sich mit den Kolben und der blanken Waffe schlug. Der Sieg war längere Zeit zweifelhaft, als noch zum rechten Moment zwei Kompagnien eines französischen Linienregiments den kaum vierhundert Mann starken Abteilungen zu Hilfe kamen und rasch den Ausschlag gaben. Das Gemetzel war fürchterlich, und Fra Diavolo entkam mit noch etwa zweihundert Mann nur durch schleunige Flucht. Die übrigen blieben teils auf dem Wahlplatz tot und schwer verwundet, oder wurden zu Gefangenen gemacht und erschossen; von den Fliehenden ertranken außerdem noch viele in dem Biferno, den sie passieren mußten. Bei dieser Flucht wurde Fra Diavolo noch einmal von einer Abteilung der korsischen Jäger erreicht, die noch mehrere Gefangene machte und den Rest seiner Bande vollends sprengte; als er eine kurze Strecke die nach Apuglia führende Straße passieren mußte, sah er einige Eskadronen französischer leichter Reiterei dahergesprengt kommen, die ihn zwar nicht erkannt, aber doch jedenfalls als verdächtig angehalten haben würden, außerdem waren seine Verfolger höchstens auf Kanonenschußweite von ihm entfernt. Hier war weder zum Entfliehen noch zum Verbergen mehr Gelegenheit, und ängstlich richteten seine wenigen Begleiter fragende Blicke auf ihren Chef, der, gewöhnt, sich auch aus den verzweifeltsten Lagen zu ziehen, jetzt den Kopf nicht verlor und sich durch List und Verschlagenheit auch diesmal, jedoch nur auf kurze Zeit, aus seiner mißlichen Lage half. Er befahl seinen Spießgesellen, ihm und einem seiner Offiziere die Hände auf den Rücken zu binden, beide sodann in ihre Mitte zu nehmen, dann auf der Landstraße fort an der Reiterei vorüberzumarschieren. Ihre Einwendungen schlug er schnell mit drohenden Blicken nieder, indem er ihnen befahl, auf allenfallsiges Befragen zu erwidern, sie gehörten der Bürgergarde des nächsten Städtchens an und hätten die beiden Gefangenen, die man im Verdacht habe, zur Bande des Fra Diavolo zu gehören, nach Neapel zu transportieren. Die List gelang vollkommen, der die Reiterei kommandierende Offizier ließ den Fra Diavolo nach kurzem Befragen samt seiner Eskorte vorüber, und die angebliche Bürgergarde marschierte mit erhobenem Haupt durch die Reihen der Kavallerie. Kaum waren sie ein paar hundert Schritte entfernt, so schlugen sie einen Seitenweg ein, erklommen eine steile und gesträuchige Anhöhe und gaben sogar eine Decharge gegen die langsam dahinreitende Kavallerie, welcher der Brigantenchef nun hohnlachend und mit lauter Stimme zurief: „Ich bin Fra Diavolo!“ – Der kommandierende Offizier ärgerte sich, und seine Leute lachten über den Streich, den man ihnen gespielt hatte. Ersterer wollte einen Teil derselben absitzen lassen, um die Räuber zu verfolgen, diese hatten sich jedoch schnell, nachdem sie abgefeuert, ins unzugängliche Dickicht geflüchtet. Auch seinen andern Verfolgern, die seine Spur verloren hatten, entging er und würde sich vielleicht gerettet haben, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit begangen, in der Nacht ein Feuer anzuzünden, was die Truppen aufmerksam machte und ihnen seinen Aufenthalt verriet. Die korsischen Jäger rückten nun möglichst unbemerkt heran und suchten ihn zu umringen, aber ehe dies noch vollständig geschehen, wurden sie von den Briganten bemerkt, die aufsprangen; die Jäger gaben nun eine Decharge, welche mehrere derselben und den Fra Diavolo selbst verwundeten, dem es dennoch gelang, sich durch eine abermalige Flucht zu retten; ganz allein eilte er jetzt auf dem Weg nach Salerno davon, in der Hoffnung, an der Küste eine Barke zu finden und mit deren Hilfe auf der See zu entkommen; auch jetzt noch von den Bürgergarden verfolgt, entging er diesen nur mit genauer Not.

Die Nächte waren schon kalt und die Spitzen der Berge mit Schnee bedeckt; der zweimal verwundete arme Bruder Teufel, seit zwei Monaten rastlos herumgejagt, hatte den ganzen Tag nichts zu sich nehmen können und war durch Müdigkeit und Blutverlust völlig erschöpft, als er an die einsam stehende Hütte eines Hirten kam. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieser allein war, bat er ihn um ein Nachtquartier. Er brachte von demselben heraus, daß sich in der Gegend weder Truppen noch Insurgenten befanden und erstere sich niemals bis hierher verirrten; er legte nun seine Waffen ab, wärmte sich bei einem Kohlenfeuer und aß, während er ruhte, einige am Feuer gebratene Maronen und Bataten (ein sehr nahrhaftes, kartoffelähnliches Knollengewächs, das in jener Gegend häufig wächst) und schlief darauf ruhig auf dem Boden an dem Feuer ein. Sein Unstern aber wollte, daß gerade in dieser Nacht vier wohlbewaffnete Räuber mit Gewalt in die Hütte des Hirten drangen, und diesem wie dem von ihnen nicht gekannten Fra Diavolo befahlen, sich mit dem Gesicht auf die Erde zu werfen, ihnen beiden bei Todesstrafe geboten, nicht aufzublicken, sich dann in Besitz alles dessen setzend, was sich vorfand und ihnen anstand. Fra Diavolo wagte es nicht, sich zu erkennen zu geben, und die Räuber nahmen seine Waffen mit sich fort.

Bald darauf, nachdem sie weg waren, verließ auch er die Hütte, in der er sich nicht mehr sicher glaubte, und irrte wieder in dem waldigen Gebirge umher, bis ihn seine Wunden so sehr schmerzten, daß er kaum mehr fortkonnte und froh war, als er in einiger Entfernung ein Licht erblickte, zu dem er sich hinschleppte. Es war das Städtchen San Severino, in dem der Apotheker soeben seine Bude öffnete, als Fra Diavolo ankam und sich auf einen Stein vor dessen Haus setzte. Er war erstaunt, bei dieser Kälte und um diese Zeit einen Menschen auf offener Straße sitzend zu finden. Auf sein Befragen sagte der Brigantenchef, er komme eben aus Kalabrien und erwarte noch Landsleute, mit denen er zusammen nach Neapel gehen wolle. Der Apotheker schöpfte jedoch Verdacht, da der Unbekannte einen andern Akzent als die gewöhnlichen Kalabresen hatte, lud ihn ein, in seine Bude zu treten, wo er ihm, um ihn treuherzig zu machen, ein Glas Branntwein einschenkte. Aber während dies der Räuber trank, schickte er sein Mädchen heimlich fort, einen Gendarmen zu holen. Bald darauf trat einer dieser Packfesten ein und begehrte die Papiere des Fremden zu sehen, da er sich aber über seine Person nicht gehörig ausweisen konnte, sagte ihm der Gendarm, daß er ihm nach Salerno zu seinem Eskadronschef folgen müsse. Hier wurde er zu demselben, der zugleich Platzkommandant von Salerno war und Farrino hieß, geführt und wußte sich so gut auszureden, daß er auf dem Punkt war, wieder auf freien Fuß gestellt zu werden, als unglücklicherweise für ihn ein neapolitanischer Sappeur, der ihn sogleich erkannte, mit dem Ausruf: „Ah, der Fra Diavolo!“ in das Zimmer trat. Dieser will zwar seine Person verleugnen, aber der Sappeur gibt solche Kennzeichen an, die alles Leugnen unnütz machen, und endigt mit den Worten: „Ich muß Euch doch wohl kennen, ich habe ja so oft das Gewehr vor Euch präsentieren müssen.“ Nun wurde er auf der Stelle mit Ketten geschlossen und unter einer starken Bedeckung nach Neapel abgeführt. Hier bemühten sich mehrere Personen, sogar französische Generäle, seine Begnadigung auszuwirken. Sie wollten, daß er als Kriegsgefangener behandelt werden sollte, aber vergeblich, und zwar mit Recht, denn wenn man seine Feindseligkeiten gegen die neue Regierung auch ganz und gar als rechtmäßig betrachten will, so verdienten doch seine Mord- und Greueltaten als Räuber längst den Tod. Er war schon unter der vorigen Regierung als Mordbrenner und Straßenräuber von den Gerichten zum Strang verurteilt, und es war ein Preis auf seinen Kopf gesetzt worden. Das ärgste bei der Sache war, daß die Engländer, die fortwährend im Golf von Neapel kreuzten und von allem unterrichtet waren, ihn, als sie seine Gefangenschaft erfuhren, durch einen Parlamentär als englischen Major reklamierten. Eine große Ehre für die englische Armee! – Salicetti, der damals Polizeiminister in Neapel war, ließ auf dieses Ansinnen erwidern, ‚es tue ihm unendlich leid, allein man wisse von gar keinem Major in englischen Diensten, der in Gefangenschaft geraten sei, habe auch keinen solchen ausfindig machen können; verstehe man aber einen gewissen Banditen darunter, der weder eine militärische noch politische Charge bekleide und unter dem Namen Fra Diavolo bekannt sei, so sei dieser vermöge eines noch unter dem König Ferdinand von den Gerichten gefällten Urteils, das ihn als Mordbrenner, Räuber, Schmuggler und Dieb bezeichne, zum Tode verurteile, schon Tags vorher hingerichtet worden‘. – Salicetti hatte sich beeilt, ihn vermöge dieses Urteils hängen zu lassen, und ich sah ihn zum ersten- und letztenmal auf der Galgenleiter, die er entschlossen bestieg. Er wurde gleich den andern vom Henker zu Tode geritten, war von kleiner, untersetzter Statur, hatte aber einen starken und nervigen Knochenbau, ein scharfes, durchdringendes Auge und dabei etwas Wildes und Grausames in seinen Zügen. Sein von mir gefangener Adjutant wurde gleichfalls gehenkt, und viele Exekutionen fanden jetzt überhaupt täglich vor dem Castel nuovo statt.

Namenregister.
Erster Band.

Artois, Graf [25]
Barras [233], [257]
Bernard, Gebrüder [90] f.
Bettina, Brentano [98] f.
Blanchard, Luftschiffer [12] f.
Böhmer, Doktor [44]
Braunschweig, Herzog von [29] f., [43]
Breidenstein, Pfarrer [72] f.
Cartaux, General [255] f.
Chastteler, Marquis von [152]
Cüstine, General [31] f.
Dillon, General [30]
Doppet, General [256]
Dügommier, General [256]
Esterhazy, Fürst [24]
Fahrtrapp [2] f.
Fiesco, Graf [284] f.
Fra Diavolo [395], [402] f., [413] f.
Franz II. [19] f.
Friedrich Wilhelm II. [42] f., [52]
Goethe [114]
Goethe, Frau Rat [2], [6] f., [99]
Helden, General [39] f.
Hessen-Kassel, Erbprinz von [135] f.
Hessen-Kassel, Landgraf von [38]
Hessen-Philippsthal, Prinz von [354], [357] f., [403]
Homburg, Friedrich V. von [74], [75]
Hood, General [258]
Hügo, General [402] f.
Joseph Bonaparte [353], [362], [365], [368] f., [404]
Jourdan, Marschall [367]
Jung, Hofrat [106], [142] f., [146] f.
Kalkreuth, General [40]
Kleber, General [59]
La Roche, Sophia [98], [109]
Latour d’Auvergne [137]-[138], [414]
Lefevre, General [137]
Massena, Marschall [396] f.
Moritz, Bankier [361] f.
Mürat [294], [375], [378]
Napoleon [153], [254] f., [353], [387]
Neapel, Ferdinand IV. von [353], [362], [394]
Neapel, Karoline von [362], [382], [403], [404]
Neuwinger, General [33]
Pappenheim, Graf von [19]
Petroli [379]
Pius VII. [336], [348]
Quesnel [234] f.
Regnier, General [353] f., [380], [383]
Rothschild, Mayer Amschel [20]
Salicetti [418]
Scherer, Hofrat [89]
Schiller [115]
Schinderhannes (Joh. Bückler) [101] f.
Scholze [3] f., [65] f., [72] f.
Scholze, Henriette [65] f., [73] f.
Schulter, Oberst [2] f.
Sidney Schmidt, Admiral [357], [394]
Staël, Frau von [115] f.
Stark, Pastor [3]
Stuart, General [384], [387]
Verdier, General [393] f.
Voltaire [9] f.
Wartensleben, General [59]
Weller [2] f., [99]
Weller, Fritz [48] f., [107]
Willemer [109]
Zink, Konrektor [86]

Fußnoten.