Diesmal wurde auch mir mein Quartier in Giesù nuovo angewiesen, wo ich noch die mir wohlbekannten Damen Gasqui, Alphonse, Grenet und so weiter antraf, die, wie es schien, ihr permanentes Hauptquartier in dem alten Palazzo der ehrwürdigen Väter Jesu aufgeschlagen hatten, während ihre Männer alle möglichen Kreuz- und Querzüge machen mußten. Das französische Liebhabertheater bestand immer noch, und man veranstaltete von Zeit zu Zeit Aufführungen, allein es fehlte ihm gerade ein erster Liebhaber. Ich wurde daher von den Damen freudig als ein solcher empfangen. Die Freude sollte aber nicht von sehr langer Dauer sein; daß ich indessen die mir gemachten Offerten nicht abschlug, kann man sich denken. Ich erhielt sogleich ein ganzes Dutzend Rollen, aus Lustspielen von Molière, Mercier, Beaumarchais und so weiter, aber auch der hohe Cothurn wurde angeschuht, und man wagte sich an Crébillon, Corneille, Racine und so weiter. Ich studierte meine Rollen meistens mit Madame Gasqui tête-à-tête ein, und da dieser in den meisten Stücken die Rolle meiner Geliebten zugeteilt war, so wurden unsere Proben mit vielem Feuer gehalten, dem natürlich zuletzt Ermüdung und Erschlaffung folgen mußte. In Molières Tartüffe hatte ich mich sogar an die Titelrolle gewagt, und in seinem Cocu imaginaire spielte ich den Lelie, beides mit Beifall.
Auch meine Signora Speziale suchte ich wieder auf und fand freundliche Aufnahme, vor allem aber war mir jetzt daran gelegen, endlich einmal den Vesuv zu besteigen, was ich bei meiner früheren zweimaligen Anwesenheit in Neapel versäumt hatte, und da ich fürchtete, es möchte abermals ein Deus ex machina oder die Marschorder dazwischen kommen, so drang ich auf die Ausführung dieses Projekts, das auch von den Damen in Giesù nuovo unterstützt wurde, da sie es bis jetzt bei ihren Männern nicht hatten dahin bringen können, dem alten Feuerspeier einen Besuch abzustatten. Außer den Damen Gasqui, Grenet, Cramer, Mutter und Tochter, und deren Männern, war auch noch der junge Stock, der Neffe des Herrn Moritz, und dessen Arzt mit seiner Gattin von der Partie, so daß wir im ganzen fünfzehn Personen zählten. Wir fuhren bis Resina, wo man die Wagen verließ, um Maultiere und Esel zu besteigen, mit deren Führern der bei uns befindliche neapolitanische Doktor einen förmlichen Vertrag, jedoch nur mündlich abschloß; er mußte dabei gewaltig debattieren, und es dauerte beinahe eine halbe Stunde, bevor er ihn zustande brachte. Das Hin- und Herhandeln wollte kein Ende nehmen, es war ein wahres Gezänk, alle Augenblicke glaubte ich, daß man sich bei den Köpfen nehmen würde, und wollte mich einigemal ins Mittel legen, was sich aber der zu sehr knickernde Medico verbat, indem er meinte, dann wäre gar kein Ende abzusehen. – Nachdem endlich der Eselshandel abgeschlossen war, setzte sich die nun berittene Karawane in Marsch. Die Patrone der Langohren hörten nicht auf, diese durch ihr gellendes Geschrei zum Voranschreiten aufzumuntern, und wenn sie ihre Schritte ralentando nehmen wollten, zogen sie sie bei den Schwänzen an, was dann einen kurzen Trab bewirkte. Gleich anfangs passierten allerlei kleine Malheurs; der Esel, welcher das Glück hatte, Madame Grenet zu tragen, gebärdete sich sehr ungezogen und warf sich endlich gar nieder. Kaum hatte die Dame noch Zeit gehabt, sich loszumachen, als sich das unflätige Tier auf den Rücken legte und, mit greulichem Geschrei alle Viere in die Höhe streckend, sich wälzte. Das unvernünftige Tier nahm gar keine Räson mehr an, da half weder Zureden noch Stoßen, auch wollte Madame Grenet um keinen Preis mehr dasselbe besteigen, und seinem Führer blieb nichts anderes übrig, als zurückzulaufen und ein anderes, gehorsameres Tier herbeizuschaffen, was ziemlich schnell abgemacht war, da der die ganze Gesellschaft belustigende Auftritt noch ganz nahe bei Resina vorgefallen war. Ich hatte der Dame mein Maultier angeboten, das ihr aber zu hoch war. Sie bestieg jetzt nach vielem Zureden den neuen Esel, aber zwei Kavaliere mußten ihr beständig zur Seite reiten und der Patron das Tier am Zaum führen; wir setzten uns wieder in Bewegung, der ergötzliche Vorfall hatte uns einen Aufenthalt von beinahe einer halben Stunde verursacht. Gleich hinter Resina kamen wir auf die schwärzliche Lava, und bald schien die Natur öde und ein düsteres Trauergewand angelegt zu haben; es war, als habe hier eine verheerende, alles verdorrende Hand gewütet. Bäume und Sträucher wurden immer seltener, bald sah man nur hier und da noch ein Stückchen angebautes Land, gleich einer Oase in der Wüste. Der Anblick des Ganzen stimmt sentimentale Gemüter leicht zur Schwermut und Melancholie; aber hier wachsen auch die berühmten Christustränen (Lacrimae Christi), denen nicht mehr wie billig die neapolitanische Geistlichkeit und die Mönche so zugetan sind, wie dereinst die Pfaffen am Rhein der Liebfrauenmilch. – Bald waren wir ganz von Lava umgeben, aber eben diese Lava ist es, welche den Boden um den Vesuv herum zum fruchtbarsten und ergiebigsten der Welt macht, der nie des Düngers bedarf und bei wenig Zoll Tiefe das Vortrefflichste und Köstlichste, was Landwirtschaft hervorbringen kann, gibt. Kein Fleck der Erde ernährt im Verhältnis seines Umfanges eine solche Seelenzahl, wie dieser, und nicht mit Unrecht sagt der Neapolitaner: „Der Berg speit Gold aus.“ Auf der hundertjährigen Lava bildet sich zuerst eine Art Moos, das sich dann in Staub und Erde verwandelt, aus welcher bei geringer Pflege erst Pflanzen, dann Sträucher und endlich Bäume hervorsprießen, und aus dem ödesten Ort wird der fruchtbarste, wenn ihn nicht neue Lavaströme verwüsten. Von den hohen Ulmen hängen die Purpurtrauben in nie gesehener Fülle und Schönheit herab. Wir kamen nun an Schluchten und Abhängen vorbei, über Lavabrücken zu dem Piano delle Ginestre, einer kleinen Fläche, von der aus man ein unabsehbares düsteres, schwarzgraues Schlackenmeer erblickt, wo weder das Hälmchen einer Pflanze noch der Flug eines Vogels zu sehen noch das Summen eines Insekts zu hören ist und nicht die mindeste Abwechslung das ewige Einerlei unterbricht, eine gräßliche Öde, wie sie die Edda am Ende der Eiswelt beschreibt. Jetzt gelangten wir zur Einsiedelei San Salvatore auf der Somma, wo uns der schon sechzigjährige aber noch sehr rüstige Eremit recht freundlich empfing, und hier eröffnete sich dem ermüdeten Auge eine entzückende, unbeschreiblich schöne Aussicht. Diese Eremitage besteht aus einigen Kammern und einer kleinen Kapelle. Wir stärkten uns in derselben durch einen guten Imbiß für die noch zu bestehenden Strapazen. Die mitgenommenen Provisionen wurden ausgepackt und unter einigen Bäumen vor der Einsiedelei verzehrt. Der Eremit lieferte uns außerdem noch Salami, Brot, Käse, Eier und Lacrymä Christi, und zwar echten, reinen und unverfälschten, wofür wir ihn unsererseits mit ein paar Zechinen beschenkten, wodurch seine Freundlichkeit noch erhöht wurde. Der gute Greis führte gar kein übles Leben in seiner Einsamkeit, und während der langen Zeit, die er daselbst zugebracht, haben ihn gar manche hübsche Bauernmädchen und junge Bauernweiber besucht, ihn immer reichlich mit nahrhaften Lebensmitteln versehend; in der guten Jahreszeit kommen jeden Tag Fremde, die ihn beschenken, auch hatte er schon ein artiges Kapitälchen bei einem Bankier in Neapel stehen. Sein Vorgänger hätte über zwölftausend Ducati hinterlassen. Dieser letztere war ein Franzose und ehemaliger Kammerdiener der Pompadour gewesen, der in dem hohen Alter von einundneunzig Jahren hier starb. Bevor wir uns zur Weiterreise anschickten, brachte uns der Eremit sein Fremdenbuch, in das wir alle unsere Namen einschrieben und in dem sich Namen aus allen Weltgegenden und von allen Nationen, mitunter manche berühmte und berüchtigte, befanden. Wir ritten jetzt längs der Somma auf schmalen Höhen, Lavaschluchten zu beiden Seiten, bergan, bis wir an das Atrio del Cavallo kamen, einen zwischen der Somma und dem Vesuv liegenden Talgrund, den Ort, an dem man bis zum Jahre 1630 Halt machte, weil er zu jener Zeit mit üppigen Bäumen und Pflanzen bewachsen war, ja sogar eine fette Fütterung für Maultiere und Pferde bot; seitdem wurde er aber von der Lava überströmt und ist jetzt nur noch ein versteinertes Lavameer. Hier stiegen wir alle ab, da der noch übrige Teil des Weges, der jetzt sehr beschwerlich wurde, zu Fuß zurückgelegt werden mußte. Unsere von Resina mitgenommenen Führer banden uns besondere Gurten, auch den Damen, um den Leib und befestigten Stricke daran, an die sie sich selbst festbanden. So zogen sie uns durch das mit jedem Schritt vorwärts immer tiefer werdende Aschenmeer; der Boden schien unter unseren Tritten zu weichen, die Luft wurde, je mehr wir voran kamen, schwefelgeschwängerter, so daß sie bei denen, die keine sehr guten Lungen haben, zuletzt Bangigkeit und Beängstigung der Brust hervorbringt. Die Asche wurde so tief, daß die Damen genötigt waren, ihre Kleider bis beinahe über die Knie hinaufzuheben; sie hatten sich aber alle mit grauen Unterbeinkleidern versehen. Unsere zweibeinigen Zugtiere trieften von Schweiß, auch uns, die sie zogen, standen dicke Tropfen auf der Stirne. Alle Augenblicke mußte Halt gemacht werden, damit die Damen Atem schöpfen konnten. Sie hatten sämtlich ihre sonst so süßen Gesichter in saure Falten gezogen, nur die junge Cramer, meine halbe Landsmännin, ein Offenbacher Kind, machte noch immer ein freundlich lächelndes Gesicht. Je höher wir stiegen, desto schwieriger wurde das Vorankommen und desto gewaltiger pochten die Herzen der Damen, aber diesmal nicht vom Feuer der Liebe, sondern von der Hitze und Asche des Vulkans getrieben.
Dennoch konnten manche der Herren ihre boshaften Späße nicht lassen, die Waden und etwas krummen Beine einiger Frauen bekrittelnd, doch erlaubten sich nur die Ehemänner dergleichen Unziemlichkeiten. Ich machte meine Betrachtungen nur im stillen, ohne sie durch Tadel oder Spott kundzugeben, auch meinten die sich getroffen fühlenden Schönen ärgerlich, es sei jetzt keine Zeit zu solchen Scherzen, und hatten recht, denn wir waren bereits auf einem Terrain angekommen, in welches unsere Führer mitgebrachte, mehrere Zoll lange Späne steckten, die sie rauchend und endlich glühend wieder hervorzogen, so nahe waren wir dem höllischen Feuermagazin.
„Bis hierher und nicht weiter,“ sagten unsere Ciceroni, nachdem sie das Experiment einigemal vorgenommen hatten. Ermüdet genug, machten wir einen allgemeinen Halt. Kaum ein paar hundert Schritte von uns wogte noch flüssige Lava. Mit einigen mitgebrachten Orangen erquickte ich die nach Labung lechzenden Gaumen unserer Schönen, wofür mir vielsagende dankende Blicke wurden, und die letzte teilte ich mit dem freundlichen Helenchen Cramer, die ich als giovine principiante auf dieser beschwerdevollen Reise in ganz besondere Affektion nahm. Wir standen nun nahe am Rand des flammenwirbelnden Höllenrachens, dem die glühenden Feuerregen und Fluten entströmen, die alles, was sie berühren, verheeren und vernichten; ihr Gang ist zwar langsam und schwerfällig, aber um so sicherer erreichen sie Verderben bringend das Ziel. Hat die flutende Glut einen Baum umschlungen, so sieht man alsbald dessen grüne Blätter sich zuerst gelb, dann braun und endlich schwarzgrau färben, Stamm und Zweige fangen bald zu glühen an, und in kurzer Zeit ist der Baum in Asche verwandelt. Majestätisch, ohne sich zu eilen, wälzt sich der Strom herab, ohne jedoch eine Minute zu versäumen; kommt die Lava an einen Gegenstand, der sie am Voranschreiten hindert, so steigt sie an demselben empor, bis sie ihn überreicht und umgeben hat, und setzt dann ihren Lauf wieder ungestört fort. Die brennenden Massen überwältigen alles, selbst Mauern und Felsen. Fliehend entgeht ihnen zwar der Mensch und das Tier, doch darf keines der anscheinenden Langsamkeit allzusehr trauen, sonst ist er verloren.
Hier, am Rand dieses Kraters, findet man es begreiflich, wie Dichter und Völker den Abgrund oder Eingang zur Hölle vermuten konnten, denn furchtbar schauerlich liegt es zu des Menschen Füßen, und er erkennt sein erbärmliches Nichts. Gräßlich gezackte, mit Schwefel und Asche bedeckte Lavarinde umgibt den höllischen Schlund, dem unzählige Rauchsäulen unaufhörlich entsteigen, ihn fast immer dem Auge entziehend. Man ist geneigt, an das Dasein eines infernalischen Spukes zu glauben. Hier ist man abgeschieden von allem, was atmet und lebt, es sei Tier, Insekt oder Pflanze, und nur ein donnerähnliches Getöse läßt sich von Zeit zu Zeit vernehmen. Wirft man einen Stein mit Kraft auf den Boden, so dröhnt es hohl, wie über einem Gewölbe. Ich stand, das seltsame Schauspiel anstaunend, dicht neben Helenchen, die sich vor demselben grausend, so fest an mich schmiegte, daß ich das kleine Herzchen pochen hörte, und nicht umhin konnte, das geängstigte Täubchen mit meinem schützenden Arm zu umfangen. Da der unaufhörlich aufsteigende Rauch manchmal so dicht wurde, daß er uns gleichsam in eine Wolke hüllte und vor den übrigen unsichtbar machte, so konnte ich selbst an den Pforten der Hölle der Versuchung nicht widerstehen, meinem kleinen Engel durch Küsse Mut einzuflößen. Man muß in allen Dingen die sich darbietende Gelegenheit schnell benützen, denn sie kommt oft nie wieder. Dies hatte ich aus Lafontaines Fabeln, aus der, wo der Geliebte, um das Brautkleid der Schönen zu schonen, die ihn vor ihrer Vermählung mit einem anderen noch glücklich machen will, einen Teppich holt und so um das ihm zugedachte Glück und eine Jungfernschaft kommt. – In einem hübschen Salon oder gewöhnlichen Wohnzimmer würde sich die junge Taube vielleicht gesträubt haben, aber hier, vor dem furchtbaren Naturschauspiel, wo sie kaum zu atmen wagte, ließ sie sich das Herzen und Küssen recht willig gefallen, dachte nicht an ein Widerstreben, und so war die Einleitung zu weiteren Bewilligungen schnell gemacht.
Nachdem wir wohl zwei Stunden hier zugebracht und uns dennoch kaum satt gesehen hatten, traten wir den uns leichter werdenden Rückzug an, der fast in ein Laufen durch die Asche ausartete. An dem Ort angekommen, wo die Langohren unserer harrten, bestiegen wir wieder das liebe Vieh, und ich ritt vergnügt und heiter an Helenens Seite bis Resina, wo wir eine bestellte Cena einnahmen und uns sodann in den Wagen setzten. Ich hatte zwar versucht, mich vis-à-vis dem Fräulein Cramer zu placieren, aber die Damen Gasqui und Grenet, welche meine Absicht merkten, wußten sie zu vereiteln, und ich mußte mit ihnen und Herrn Grenet einen Wagen besteigen. Eine Stunde vor Mitternacht waren wir in Giesù nuovo angekommen und unterhielten uns bei Madame Gasqui, die ihrem daheimgebliebenen Gatten die gesehenen Wunder rapportierte, noch lange bis nach Mitternacht von den gehabten Genüssen.
Den nächsten Morgen hatten wir Probe von der „Phädra“, die in einigen Tagen aufgeführt werden und deren Vorstellung der Hof beiwohnen sollte. Unser Liebhabertheater fing an, immer mehr Aufsehen zu erregen; die Gasqui und Grenet spielten sehr gut, erstere besonders in dem Lustspiel und in den Vaudevilles, in denen sie hübsche Romanzen, trefflich vorgetragen, einlegte. Auch noch zwei andere aktive Damen waren seit kurzem der Gesellschaft beigetreten, die beide nicht minder gefielen; eine machte wirklich Furore. Madame Damiette war die Gattin eines Kriegs-Kommissärs, die sich mehr für heroische Rollen und Anstandsdamen eignete, die andere, Madame Detrée, war die junge Frau eines Obersten von der Linie und als semimentale Liebhaberin unübertrefflich; daß sie aber auch außer der Szene dieses Fach vorzüglich bekleidete, sollte ich bald erfahren. Der Oberst war mit seinem Regiment in Kalabrien, und was war natürlicher, als daß sich die junge Frau, eine kaum zwanzigjährige Französin aus Orleans, zu entschädigen und zu trösten suchte? Zur „Phädra“ hatte ich die Rollen so verteilt, daß Madame Damiette die Titelrolle, Herr Damiette den Theseus, Madame Detrée Aricie, Madame Gasqui Ismene, Madame Grenet Oenone und ich den Hippolyte spielte. Die Gasqui wollte sich zuerst durchaus diese Rollenverteilung nicht gefallen lassen und die der Aricie übernehmen. Nur mit großer Mühe brachte ich es dahin, daß sie sich mit der Ismene begnügte, indem ich ihr vorstellte, daß sie ja doch die Königin des Lustspiels und des Vaudevilles sei und der Madame Detrée wohl die Freude lassen könne, eine traurige Liebhaberin zu machen. Dies half, – ich ging jetzt fleißig die Rollen bald mit der Phädra, bald mit der Aricie, mit letzterer etwas leidenschaftlicher, durch, und nach einem Dutzend Proben und ein paar Generalproben glaubten wir uns imstande, vor einem allerhöchsten Publikum produzieren zu können, denn die beiden Majestäten mit glänzendem Gefolge geruhten, derselben, wie gesagt, beizuwohnen. Namentlich war die Königin von jungen und schönen Damen umgeben, und dies machte, daß wir uns alle die größte Mühe gaben, etwas nicht ganz Gewöhnliches zu leisten. Die Vorstellung fiel auch wenigstens leidlich aus, ihre Majestäten hatten sich amüsiert, und mein Hippolyt hatte dem König Joseph so gefallen, daß ich bald nach dieser Vorstellung eine Einladung an den Hof bekam, wo es so ziemlich ungeniert, durchaus nicht steif herging und bei weitem kein so ängstliches und oft komisches Zeremoniell beobachtet wurde, wie an dem Hof seines kaiserlichen Bruders. Joseph war ein ziemlich natürliches Menschenkind, hatte sogar etwas Treuherziges in seinem Benehmen, er würde als Privatmann gewiß ausgezeichnet und ein guter Familienvater geworden sein, und man hätte dann seine Schwächen weniger oder gar nicht bemerkt. Seine Stellung auf dem Thron von Neapel war nicht die beneidenswerteste, ja fast peinlich zu nennen. Er sollte und durfte nur das gehorsame Werkzeug seines ihn tyrannisierenden Bruders sein, dessen Ab- und Ansichten selten mit den seinigen harmonierten, der auch in großer Entfernung von Neapel keineswegs den Zustand der Dinge daselbst so kannte, um ihn richtig beurteilen und leiten zu können. An Ort und Stelle fanden sich nicht zu überwindende Schwierigkeiten, die er in Paris oder seinen Hauptquartieren kaum ahnte. Er geriet aber in Wut und Zorn, wenn man sie in Neapel nicht wie er wollte, augenblicklich aus dem Wege räumte. Joseph hatte nicht verlangt, König zu sein, ja er war es fast gegen seinen Willen geworden. „Lasse mich in meiner Familie regieren,“ hatte er zu seinem Bruder gesagt, ehe er Frankreich verließ.
Die Königin Julie, Tochter des Kaufmanns Clairet zu Marseille, war in diesem Stück ganz mit ihrem Gatten einverstanden und eine vortreffliche, herzensgute Dame, die mit Engelsgeduld die Untreue und Schwächen ihres Gemahls nicht nur ertrug, sondern sogar entschuldigte und zu beschönigen suchte. Sie war erst kürzlich von Frankreich gekommen, und von allen Schwiegertöchtern der Kaiserin-Mutter, Madame Lätitia, diejenige, welche diese am meisten und aufrichtigsten liebte. Am Hof des Königs Joseph zu Neapel herrschte ein etwas militärischer Ton, wozu die fortwährenden Unruhen im Königreich und namentlich in Kalabrien, welche machten, daß man ewig auf dem qui vive sein mußte und ab- und zuging, das ihrige beitrugen. Die königliche Tafel verlassend, stiegen die Generale und Stabsoffiziere nicht selten in die Wagen oder zu Pferde, um sich nach Kalabrien und so weiter zu begeben, da von dort oder aus anderen Gegenden des Reiches während der Mahlzeit schlimme und bedenkliche Nachrichten eingelaufen waren. Von Josephs Hofhaltung in ihrem Innern wurde ich damals nicht genauer unterrichtet, da auch mich das Schicksal bald wieder aus Neapel rief, nachdem ich nur einigemale am Hofe erschienen und also noch ziemlich fremd war. Erst in ihrem Exil zu Frankfurt lernte ich die daselbst unter dem Namen einer Gräfin von Survillier mit ihren beiden Töchtern wohnende Exkönigin und ihren vortrefflichen Charakter näher kennen.
Auf Anstiften meines Vetters Moritz, der ebenfalls unseren Aufführungen in Giesù nuovo beiwohnte, arrangierte ich auch eine deutsche Vorstellung, und zwar „Kabale und Liebe“, bei der eine Frau von Gemmingen, die Gattin eines Kapitäns, die Lady Milford, Helene Cramer die Luise und eine Madame Reisinger die Mutter, der junge Stock den Vater spielten und ich mein altes Paradepferd, den Major Ferdinand, hervorsuchte. Die Vorstellung war, trotzdem sich die Liebe zwischen mir und Helenchen ins Spiel mischte, nicht sonderlich, obgleich die sehr nachsichtigen deutschen Zuschauer, die Franzosen und Italiener räumten den Saal alle gleich nach dem ersten Akt, sich trefflich unterhalten haben wollten. Damit hatte es aber sein Bewenden mit dem deutschen Theater, obgleich Moritz gerne noch andere ältere Stücke als angenehme Erinnerungen an seine Jugend aufgeführt haben wollte. Die Sache war zu schwierig, Akteurs und Aktricen zu schlecht, so daß ich selbst einen Degout an deutschen Vorstellungen bekam. Denn obgleich Helene Cramer mit großer Naivität und vielem Feuer spielte, so zog ich es doch vor, außerhalb der Bühne die Liebhaberrollen bei ihr zu übernehmen, und teilte jetzt mein Herz hauptsächlich zwischen Madame Detrée und ihr. Sie wohnte bei ihren Eltern in der Fortezza nuova, wo ich sie oft sah, und zwar unter der sehr strengen Aufsicht der Frau Mama, die das Goldtöchterchen auch keinen Schritt allein tun ließ und so unrecht nicht hatte. Wir besuchten zwar fast alle Theater miteinander, aber immer in Gesellschaft der Mama, die nicht von der Seite wich. Ich hatte also fast nur ein theoretisches, platonisches Verhältnis mit Demoiselle Cramer, während das mit Madame Detrée vollkommen materiell war. – Madame Cramer ließ mich nicht undeutlich merken, daß ihr Töchterchen eine vortreffliche Partie für mich wäre. Aber an das Heiraten und gar an das Heiraten als Offizier, deren Weiber, um den ewigen Gelegenheiten der Verführungen zu widerstehen, ganze Engel oder Mütter Gottes sein müßten, dachte ich so wenig, als ein Kapuziner zu werden. – Ohne die Mutter gerade vor den Kopf zu stoßen, wußte ich dennoch solchen Anspielungen gehörig auszuweichen und suchte noch einige Lustpartien zu veranstalten, in der Hoffnung, dabei Gelegenheit zu finden, der Mama Argus ein X für ein U vormachen zu können. Ich lud die Familie zu einer Fahrt nach dem schönen königlichen Schloß zu Caserta, einem der herrlichsten Schlösser der Welt, ein. Aber auch hier kam ich nicht viel weiter. Nur einmal gelang es mir in dem mit Statuen bevölkerten Park, Mutter und Tochter auf einige Augenblicke zu trennen, daß ich letzterer zu den Füßen einer marmornen Aphrodite, durch eine flüchtige, aber feurige Umarmung versichern konnte, wie liebenswürdig ich sie finde. Aber kaum hatte ich sie ein paarmal geküßt, als schon ein: „Helene, wo steckst du denn?“ sich ganz nahe vernehmen ließ, und mit einem „Hier, Mama,“ wand sich die Taube aus meinen Armen, der Mutter entgegenspringend.
Bei der Heimfahrt war es zwar schon düster und endlich dunkel, aber Madame Cramer hatte so scharfsehende Augen, daß ich kaum von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Händedruck wagen durfte. Mehr hoffte ich von einer zweiten Partie, die ich nach dem weiter entfernten Pestum veranstaltete, wozu mehrere Tage erforderlich waren. Nachdem Madame Cramer eingewilligt hatte, nahm ich viertägigen Urlaub, und wir fuhren ohne den Papa, der als Adjutant-Major nicht wohl abkommen konnte, den uns schon bekannten Weg über Portici und Resina, dann wie in einem Garten durch das Tal Scafati, über den Sarno, durch Nocera de Pagani, das alte, von Hannibal zerstörte Nuceria Alphaterna, wo ein Cybeletempel in den ersten Zeiten der Christenheit in eine Kirche, jetzt San Mariamaggiore, umgewandelt wurde, die noch von einer doppelten Reihe Säulen aus Giallo antico und Alabaster umgeben ist.