Von hier aus thut man wohl, auf der an der Grenze sich hinabziehenden böhmischen Chaussee die Wanderung fortzusetzen, indem man von da aus die sächsischen Ortschaften Hammer-Unterwiesenthal, Niederschlag, Stahlberg und Bärenstein immer im Auge behält. Das Thal dahin ist milder, durch seine Lebendigkeit ansprechender und freundlicher, insonderheit ist es auch das böhmische Städtchen Weipert, dessen Gewehrfabrik eine gewisse Art von Wohlhabenheit herbeigeführt hat, die sich an der Nettigkeit der Häuser, Gärten und sonstigen Zubehörungen kund giebt. Die Kirche daselbst zeichnet sich insonderheit durch seinen innern Reichthum an heiligen Bildern, vergoldetem Schnitzwerk, Staffagen und andern Herrlichkeiten aus, die das Auge füllen und das Herz leer lassen. Vor der Kirche sah ich einen altersgrauen Mann unter einem Crucifixe sitzen, welcher über der Andacht eingeschlafen war. Er hatte in einer mit Hauszwirn geflickten Schachtel Birnen zum Verkauf ausgekramt.
Bärenstein
dehnt sich in nachlässiger Gefälligkeit am südöstlichen Abhange seines kahlen Basaltkegels, welcher sein Haupt 2745 Fuß über das Meer erhebt, hinauf und die Chaussee-Inspection hat ihm den Gefallen gethan mit ihrer Straße nachzuklettern, wahrscheinlich ging es auch nicht anders. Das Plateau des Berges gewährt mehrere wunderliebliche Fernsichten nach Sachsen und Böhmen; Städte, Dörfer mit ihren fleißig bebauten Fluren, von Buschwerk umhüllt, und dunkle Streifen von Nadelholz schwimmen überall im Aether-Meer in den mannigfaltigsten Farben umher, bis sie am fernsten Horizont, wohin das Auge nicht reicht, in blaß schmalteblauen Luftschichten verschwinden. Wie sehr fühlt man sich doch versöhnt mit allem, was in den Dunstkreisen zusammengedrängter Menschen übel berührt und das Leben erschwert, wenn man hoch auf den Bergen steht und Gottes Odem in vollen Zügen trinkt. Schade, daß so nahe unten im Thale Gewehrfabriken sind, berechnet für Thier- und Menschenmord.
Von Bärenstein nordwärts läuft die Chaussee auf einem Bergrücken fort, welcher seiner Länge nach von dem Königswalder- und Sehmathal umarmt wird, bis er sich nach 1 und ½ Stunde Wegs gegen Annaberg hernieder senkt. Von Bärenstein aus erreicht man zunächst eine Handvoll Häuser, die wie ein Pasch-Würfel an einem Bergabhange hinabgestreut sind, ohne Rücksicht zu nehmen, welche Stellung sie finden mochten. Dies Oertchen heißt: der Kühberg. Nicht weit davon ladet ein stattlicher Gasthof, – Königslust geheißen, – zur Einkehr ein, den in frühern Jahren ein gewisser König aus Annaberg erbaute und von da auch immer den meisten Zuspruch erhielt, besonders im Winter bei guter Schlittenbahn. Allein diese Stadt hat sich's bequemer gemacht mit Glumanns Garten, dem Waldschlößchen, dem reizend gelegenen Wiesenbad Sehma und im Winter mit ihrem Museum und Harmonie, so daß die königliche Lust über lang oder kurz in Vergessenheit kommen wird, wie alle Lebensherrlichkeiten der Erde. Vergessen kann aber ein Freund der Natur die anmuthigen Fernsichten nicht, welche er auf dem Rücken des Gebirgszuges genießt, welcher sich von Bärenstein nach Annaberg hin ausdehnt. Rechts hat sich Königswalde in ein ziemlich enges und tiefes Thal eingebettet und klettert mit seinem Zugviehe Jahr für Jahr an seinen Thalwänden herum, Saaten zu bestellen für Hafer-, Flachs- und Kartoffelbau. Links in dem etwas mildern Sehmathal und an seinen Gehängen, besonders in Cunersdorf, liegen häufig Halden und Pingen, als Zeugen auflässig gewordener Zechen, die in frühern Zeiten ihren Segen spendeten.
Nah und fern auf diesem Wege eine endlose Abwechselung und Mannigfaltigkeit! ein Bunterlei von halb oder ganz versteckten Dörfern, deren Dasein die Thurmspitze einer Kirche verräth; ein Streifen Nadelholz, aus welchem sich hin und wieder eine jugendliche Baumallee hervorspinnt, die einer Chaussee angehört; eine lange Kegelbahn nach Norden – es ist die schnurgerade Kunststraße von Gehringswalde nach der hoch gelegenen Heinzebank, und überall der Gotteshauch einer erquickenden Luft, der uns, versöhnend mit dem Getriebe der Thalwelt, umweht.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Unterschiedliche Schreibweisen von Ortsnamen wurden beibehalten.
Die Abbildungen wurden in die entsprechenden Kapitel verschoben.