Behalten Sie mich lieb, grüsen Sie die Brüder! alles Glück dem [neuen Paare]! Ich bin wohl und noch immer in meinem Thale. Geniesen Sie des Lebens.

Weimar den 4. März 82.

Goethe.


[Gräfin Auguste Stolberg an Goethe]

B: d: 15t: October 1822.

Würden Sie, wenn ich mich nicht nennte, die Züge der Vorzeit, die Stimme die Ihnen sonst willkommen war, wieder erkennen? nun ja ich bins — Auguste — die Schwester der so geliebten, so [heiß beweinten, so vermißten Brüder] Stolberg. Könten doch diese aus der Wohnung ihrer Seeligkeit, von dort wo sie den schauen, an den sie hier glaubten — könten doch diese, mit mir vereint, Sie bitten: »Lieber Lieber Goethe, suchen Sie den, der sich so gerne finden läßt, glauben Sie auch an den, an den wir unser Lebe lang glaubten« Die seelig Schauenden würden hinzu fügen, »den wir nun schauen«! und ich sage: »der das Leben meines Lebens ist, das Licht in meinen trüben Tagen, und uns allen dreyen, Weg, Wahrheit, und Leben, unser Herr, und unser Gott, war.« und nun, ich rede auch im Nahmen der Verklärten Brüder die so oft den Wunsch mit mir aussprachen: »Lieber Lieber Goethe, Freund unsrer Jugend! Genießen auch Sie das Glük, waß schon im irrdischen Leben uns zu Theil ward, Glaube, Liebe, Hofnung!« und die Vollendeten setzen hinzu: »Gewißheit, und ewiger seeliger Frieden harrt denn auch deiner hier« — Ich lebe zwar nur noch in Hofnung deßen waß zukünftig ist, aber in seeliger Hofnung die mir so zur Gewißheit geworden ist, daß ich Mühe habe, die unendliche Sehnsucht darnach zu stillen — Ich las in diesen Tagen wieder einmal alle Ihre Briefe nach — [the Songs of other times — die Harfe von Selma] ertönte — Sie waren der kleinen Stolberg sehr gut — und ich Ihnen auch so herzlich gut — das kan nicht untergehen — muß aber für die Ewigkeit bestehen — diese unsre Freundschaft — die Blüthe in unsrer Jugend, muß Früchte für die Ewigkeit tragen, dachte ich oft — und so ergrif es mich beym Lesen Ihrer Briefe, und so nahm ich die Feder — Sie bitten mich einmal in Ihrem Briefe, »Sie zu retten« — nun maaße ich mir wahrlich nichts an, aber so ganz Einfältigen Sinns bitte ich Sie, retten Sie sich selbst. nicht wahr Ihre Bitte giebt mir dazu einiges Recht? — und ich bitte Sie immer, hören Sie in meinen Worten, die Stimme, meiner Brüder, die Sie so herzlich liebten — Ich habe denn meinen Wunsch, meinen dringenden Wunsch, ausgesprochen, den ich so oft wollte laut werden laßen: O ich bitte, ich flehe Sie Lieber Goethe! abzulaßen, von allem waß die Welt, Kleines, eitles, Irrdisches, und nicht gutes hat — Ihren Blik, und Ihr Herz zum Ewigen zu wenden — Ihnen ward viel gegeben, viel anvertraut. wie hat es mich oft geschmerzt, wenn ich in Ihren Schriften fand, wodurch Sie so leicht andern Schaden zu fügen — O machen Sie das gut, weil es noch Zeit ist — Bitten Sie um höhern Beystand, und er wird Ihnen, so wahr Gott ist, werden — Ich dachte oft, ich könte nicht ruhig sterben, wenn ich nicht mein Herz so gegen den Freund meiner Jugend, ausgeschüttet hätte — und ich denke ich schlafe ruhiger darum ein, wenn mein Stündlein schlägt — Die Jahre nicht nur, sondern viel früher haben, unsägliche Leiden, meine Haare schnee weiß gebleicht — aber nie wankte in mir das feste Vertrauen zu Gott, und die Liebe zu meinem Erlöser — bey allem waß mich traf, tönte es tief, und stark in meinem Innern: »Der Herr hat alles wohl gemacht!« Der Gott meiner Jugend, ist auch der Gott meines Alters — Als wir uns schrieben, war ich eins der glüklichsten Geschöpfe auf Erden, wie reich war ich! Früh durch die besten Eltern — Geliebt von den besten Geschwistern — später, [das Geliebte Weib] des Mannes meines Herzens — Mutter der besten [Kinder] — Aber welche Trübsale wurden mir zu Theil — der einzig von mir gebohrne Knabe — ein Kind von 4 Jahren, der die Wonne der Eltern, und der Stolz der Mutter war — ich sage nicht daß ich ihn verlohr — waß für ihn Gewinn war, sah mein Mutter-Herz nie als Verlust an — er gewann den Himmel, und nur mir ward der unsägliche Schmerz, zu Theil — und so konte ich selbst im heißen Schmerz, Gott danken und später — [verlohr ich den Angebeteten Gatten] — O dieß war noch ein ganz neuer, eigener, mit nichts zu vergleichender Schmerz — mir blieben noch die lieben Geschwister. Ach die herrlichen die unaussprechlich Geliebten Brüder! [Ein Sturm riß den Jüngern hin] — und zerstörte, die vorher noch Jugend volle Lebenskraft des Aeltern — durch diesen doppelten, so schnell auf einander folgenden Verlust, fühle ich mich, wie aufs neue verwaißt — Aber dennoch preise ich Gott — Ich finde sie ja alle wieder — Eltern, Geschwister, Freunde, Kinder, und den Geliebten Gatten — So gerne nähme ich auch die Hofnung mit mir hinüber, Sie Lieber Goethe, auch einst da kennen zu lernen — Noch Einmal bitte ich Sie — schlagen Sie es der nicht ab, die Sie einst Freundin, Schwester, nannten — Ich bete für Sie, daß Sie es ganz erfahren mögen, wie freundlich, und gütig der Herr ist, wie glüklich die auf Ihn trauen.

Bitte laßen Sie dieß unter uns bleiben — wollen Sie mir antworten? Ich mögte wißen wo Sie sind, waß Sie treiben. ich lebe meistens still auf dem Lande — meine liebe Enkelin, Tochter meines jüngsten Sohnes ist bey mir — sie ist 13 Jahr — meine Liebe, und meine Freude. Ich reiche Ihnen freundschaftlich meine Hand. Ihr Andenken ist nie in mir erloschen, und meine Theilnahme für Sie immer Lebendig geblieben — meine Wünsche für Ihr wahres Wohl, auch. Manches betrübte mich oft — Ich will so lange ich lebe, noch recht für Sie beten — mögten Sie sich doch darin noch recht mit mir vereinigen — Mein Erlöser ist ja auch der Ihrige, es ist auch in keinem andern Heil, und Seeligkeit zu finden. Ob Sie wohl noch an mich dachten? Bitte schreiben Sie ein paar Worte

an

Auguste Bernstorff-Stolberg.