Alles, was ich auf die nun, auch die zu erwartenden, einander zuwiderlaufenden, sich selbst bestreitenden Urtheile antworten werde, ist: Alles, was wir hierin gethan, haben wir vor Gott gethan, und so, wie wir jedesmal allen Umständen nach glaubten, daß es das Beste wäre.

Ich empfehle den bedauerungswürdigen Patienten der Fürbitte meiner Gemeinen und empfehle ihn in der nämlichen Absicht Jedem, der dieß liest.[11]


In Straßburg blieb Lenz einige Wochen und gieng sodann nach Emmendingen, wo er den Tod von Schlosser’s Gattin, Göthe’s Schwester, erfuhr, was seine reizbare Seele von Neuem heftig ergriff. „Lenz ist bei mir,“ schreibt Schlosser an Oberlin (2. März 1778) „und drückt mich erstaunlich. Ich habe gefunden, daß seine Krankheit eine wahre Hypochondrie ist. Ich habe ihm heut eine Proposition gethan, wodurch ich ihn gewiß curiren würde. Aber er ist wie ein Kind, keines Entschlusses fähig; ungläubig gegen Gott und Menschen. Zweimal hat er mir große Angst eingejagt; sonst ist er zwischen der Zeit ruhig. Ich würde Euch mit mehr Freiheit schreiben, wenn er nicht da wäre, aber er schlägt mich mit Fäusten und verengt mein armes Herz.“ Wie dankbar Lenz Schlosser’s freundschaftliche Bemühungen anerkannte, sagen folgende Verse, die aus jener Zeit herrühren:

Wie freundlich trägst du mich auf deinem grünen Rücken,
Uralter Rhein,
Wie suchest du mein Aug’ empfindlich zu erquicken
Durch Ufer voller Wein,
Und hab ich doch die tausend Lustgestalten
Tief im Gedächtniß zu behalten.
Nun weder Dinte noch Papier,
Nur dieses Herz, das sich empfindet hier!
Es scheinet fast, du liebest, Allzugroßer,
Nicht mehr der Maler Prunk, der Dichter Klang,
Es scheint, du willst, wie Schlosser,
Nur stummen Dank.

Der Wahnsinn des Unglücklichen brach in Schlosser’s Hause mit solcher Heftigkeit aus, daß man ihn in Ketten legen mußte.[12] Schlosser übergab ihn einem Schuster in der Nachbarschaft zur Pflege. Er wurde ruhiger und erlernte von ihm das Schusterhandwerk. Er schloß sich in schwärmerischer Liebe an einen jungen Gesellen, Namens Konrad, an, der sich aber nach drei Monaten auf die Wanderschaft begeben mußte. Diese Trennung schmerzte Lenz auf’s Tiefste. Die rührenden Briefe, welche er deswegen an Sarasin in Basel richtete, theilt Tieck mit. Ich lasse sie hier folgen; sie sind gewiß manchem Leser noch unbekannt und werden durch ihren wehmüthigen Ton und kindlichen Sinn sein inniges Mitgefühl erregen. Merkwürdig contrastiren sie mit denjenigen an Salzmann: Hier erscheint er leidend, zutrauensvoll, bittend; dort, seiner Kraft bewußt, stürmisch und leidenschaftlich.

1.

„Lieber Herr S. Es freut mich, daß ich Ihnen wieder schreiben kann. Ich habe eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen werden: daß Sie so gütig sind, und meinem besten Freunde und Kameraden, dem Herrn Konrad Süß, doch einen Meister verschaffen, wenn er außer der Zeit nach Basel kommt, weil jetzt die Handwerksburschen stark gehen, und ich den Herrn Hofrath[13] bitten will, daß er seinem Vater zureden soll, ihn noch länger als Johannis bei sich zu behalten, damit ich die Schusterei bei ihm fortlernen kann, die ich angefangen habe, und er ohnedem bei seinem Herrn Vater und mir viel versäumt. Es wird das nicht schwer fallen, da er gewiß ein guter und fleißiger Arbeiter und sonst wohlerzogenes Kind ist, und Sie werden mich dadurch aus vieler Noth retten, die ich Ihnen nicht sagen kann. Ausgehen ist mir noch nicht gesund, und was würd’ ich anfangen, wenn er auch fortgienge, da ich gewiß wieder in meine vorige Krankheit verfallen müßte. Hier bin ich dem Herrn Hofrath gegenüber, und ist mir so wohl, bis es besser mit mir wird. Wenn es nur einige Wochen nach Johannis sein könnte! Melden Sie mir doch, ob sich dort keine Meister finden, die auf die Zeit einen Gesellen brauchen. Wenn Sie nur wollten probiren, sich von ihm Schuhe machen zu lassen, ich bin versichert, daß er sie gut machen wird; besonders wenn er einige Zeit in Basel gewesen, und weiß, wie Sie sie gerne tragen. Fleißig ist er gewiß, davon bin ich Zeuge, und er arbeitet recht nett, besonders wenn er sie angreift. Viel tausend Grüße an Ihre Frau Gemahlin und an den Herrn Hofmeister und an die Kleinen. Ich bin bis an’s Ende Ihr gehorsamer Freund und Diener

Lenz.“

„Er soll jetzt das erstemal auf die Wanderschaft, und ich bin jetzt bei seinen Eltern ein Vierteljahr lang wie das Kind im Hause gewesen. Er ist mein Schlafkamerad und wir sitzen den ganzen Tag zusammen. Thun Sie es doch, bester Herr Sarassin, lieber Herr Sarassin, es wird Sie nicht gereuen. Emmedingen, einige Tage vor Johanni 1778. Ich könnte mich gewiß nicht wieder so an einen Andern gewöhnen, denn er ist mir wie ein Bruder.“