Von 1772 bis 1776 ist nur noch folgender Brief vorhanden; Lenz hielt sich in der Zwischenzeit meistens in Straßburg auf. Die Schrift in diesem Briefe ist eine ganz veränderte, und von derjenigen der vorigen dadurch unterschieden, daß sie etwas mehr gezogen und flüchtig ist, während jene gedrängter und kleiner ist. Die ganze zweite Hälfte desselben ist mit noch sehr gut erhaltenem Bleistift geschrieben.
D. H.
14.
Kochberg, den 23sten Oktober 1776.
Wollten Sie so freundschaftlich seyn, lieber Aktuarius, Röderern, falls er noch in Straßburg ist, zu sagen, er möchte mir das Paket von Herrn von Kleist, nur mit der Post zuschicken, weil ich sehr ungeduldig darauf bin; die Briefe könnt’ er mir selbst mitbringen.
Ich bin in Kochberg bei der liebenswürdigsten und geistreichsten Dame, die ich kenne, mit der ich seit vier, fünf Wochen den englischen Shakspeare lese. Künftige Woche gehts leider schon wieder nach Weimar.
Der Herzog hat neulich hier einen sonderbaren Zufall gehabt: er fiel von einem Floß im Schloßgraben ins Wasser, ich sprang nach und hatte das Glück ihn, ohne Schaden, heraus zu ziehen. Herder ist mit ihm hier gewesen und find’t allgemeinen Beifall. Wer sollte ihm auch den streitig machen können? Er und Wieland sind, wie der Letzte es von Jedem seyn muß, Freunde und werden es noch immer mehr werden.
Göthe hab’ ich nun lang nicht gesehen; er ist so von Geschäften absorbirt in W., daß er den Herzog nicht einmal hat herbegleiten können.
Leben Sie wohl und grüßen alle guten Freunde, auch Jungfer Lauth.