G.

29.

Deine Schrift über Wasern ist nunmehro ganz bey mir angekommen, und ich danke dir in meinem und in vieler Menschen Namen daß du dir diese Mühe geben wollen. Es ist ein Meisterstück von Geschichte und ich darf dir wohl sagen, daß du, als Mensch, Bürger und Schriftsteller mich mehr dabey interessirt hast, als der Held selbst. Ich meine noch nie soviel Wahrheit der Handlung, solchen psychologischen und politischen Gang ohne Abstraktion beysammen gesehen zu haben; und eins von den größten Kunststücken, das dich aber die Natur und der Ernst bey der Sache gelehrt hat, ist iene anscheinende Unparteylichkeit, die sogar widrige Fakta mit der größten Naiveté erzählt, iedem seine Meinung und sein Urteil frey zu lassen scheint, da sich doch am Ende jeder gezwungen fühlt, der Meinung des Erzählers zu seyn. Du hast in allem Sinne sehr wohl gethan in dieser Sache auch ein Wort mit zu reden, es ist ein schön Monument für die Nachkommenschaft und dein Vaterland hat dafür Dank zu sagen. Was das große Publikum betrift, so hätte es um dessentwillen weniger bedurft, alle honnette Leute, die außerordentlich für Wasern portirt sind, haben gleich kreuzige! geschrien, so bald ich ihnen versicherte, er habe noch neben her gestohlen und falsche Obligationen gemacht, auf dieses hat man ihn ohne weiters dem Henker übergeben und die Herren von Zürich völlig entschuldiget und so thu’ ich deinen Willen indem ich den Besten das Manuscript vorlese, und den andern einen Auszug erzähle, der nach ihrem Sinne ist. Ueber den Menschen selbst ist nichts zu sagen. Ich wenigstens habe mit der Beschreibung davon genug, und ergötze mich am Anschauen desselben wie an der Beschreibung und Abbildung eines andern Meerwunders ohne ihn klassifiziren oder drüber pragmatisiren zu wollen. Schlözer spielt eine scheußliche Figur im Roman, und ich erlaube mir eine herzliche Schadenfreude, weil doch sein ganzer Briefwechsel die Unternehmung eines schlechten Menschen ist.

Ich danke dir für den Thomas Morus, er ist ganz vortrefflich gezeichnet. Wollte Gott Lips hätte bey seinem schönen Talent auch einen solchen Sinn an der Natur. Meine Iphigenie mag ich nicht gern, wie sie jezo ist, mehrmals abschreiben lassen, und unter die Leute geben, weil ich beschäftigt bin, ihr noch mehr Harmonie im Stil zu verschaffen und also hier und da dran ändere. Sei so gut und sag das denenienigen zur Entschuldigung, die eine Abschrift davon verlangten. Ich habe es schon öfters abgeschlagen.

Lebe wohl lieber Mensch und fahre fort mit uns zu leben. Knebel ist angekommen, und hat dich wieder recht lebhaft zu uns gebracht. Adieu. Schreib mir auch einmahl wieder einen ausführlichen Brief.

d. 13. Oktbr. 80.

G.

Eben erhalt ich deinen Brief vom 30. 7br. Für die Schöne und dich ist mir’s leid daß ihr euch nicht gesehen habt. Es ist eine schöne Sache ums sehn. Wollte Gott ich wäre dir die Hälfte näher und könnte alle Jahr dich einmal acht Tage haben.

Daß du über mich glauben magst ohne zu sehn ist mir sehr lieb. Du wirst auch wenig sehn. Gewiß auch hast du recht daß der Gedanke im Menschen das Beste ist von dem Capital, das er doch hat und wie mit wuchern möchte, um es aufs tausendfältige zu treiben, es entstehe draus Gewinnst oder Verlust.

Den guten Lands und Hausvater würdest du näher, mehr bedauern. Was da auszustehen ist spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird niemand angebohren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen als der Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer.