Nie war ein größeres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden—und sie fuhr fort:"und diese Frau mußte in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihr jüngster Sohn nicht sechs Monate alt war! Ihre Krankheit dauerte nicht lange; sie war ruhig, hingegeben, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Ende ging und sie zu mir sagte: 'bringe mir sie herauf!' und wie ich sie hereinführte, die kleinen, die nicht wußten, und die ältesten, die ohne Sinne waren, wie sie ums Bette standen, und wie sie die Hände aufhob und über sie betete, und sie küßte nach einander und sie wegschickte und zu mir sagte: 'sei ihre Mutter!'—Ich gab ihr die Hand drauf!—'Du versprichst viel, meine Tochter', sagte sie, 'das Herz einer Mutter und das Aug' einer Mutter. Ich habe oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, daß du fühlst, was das sei. Habe es für deine Geschwister, und für deinen Vater die Treue und den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trösten.'—Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen.
Albert, du warst im Zimmer. Sie hörte jemand gehn und fragte und forderte dich zu sich, und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten, ruhigen Blicke, daß wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden".—Albert fiel ihr um den Hals und küßte sie und rief: "wir sind es! Wir werden es sein!"—der ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wußte nichts von mir selber. "Werther", fing sie an, "und diese Frau sollte dahin sein! Gott! Wenn ich manchmal denke, wie man das Liebste seines Lebens wegtragen läßt, und niemand als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten, die schwarzen Männer hätten die Mama weggetragen! "sie stand auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand.—"Wir wollen fort", sagte sie, "es wird Zeit".—Sie wollte ihre Hand zurückziehen, und ich hielt sie fester.—"wir werden uns wieder sehen" rief ich, "wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe", fuhr ich fort, "ich gehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich würde es nicht aushalten. Leb' wohl, Lotte! Leb' wohl, Albert! Wir sehn uns wieder".—"Morgen, denke ich", versetzte sie scherzend.—Ich fühlte das Morgen! Ach, sie wußte nicht, als sie ihre Hand aus der meinen zog—Sie gingen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich an die Erde und weinte mich aus und sprang auf und lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort unten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartentür schimmern, ich streckte meine Arme aus, und es verschwand.
Ende dieses Projekt Gutenberg Etexes "Die Leiden des jungen
Werther-Buch 1" von Johann Wolfgang von Goethe.