2) Der Umstand, daß sie Werthern auf dem Balle gleich zu verstehen gegeben, daß sie schon engagirt sey, war uns auch anstössig. Meine Lotte, wenn die damit gemeynt wäre, hätte solches nicht äussern können; weil wir nie eigentlich versprochen gewesen sind. Wir verstanden uns, wir waren einig, wir waren nicht mehr zu trennen, das ist wahr. Es beruhte aber nur zum Theil auf einer stillschweigenden Uebereinkunft. Wir hätten, menschlichen Gesetzen nach, uns noch immer trennen können. Auf meiner Seite hatte eine gewisse Eigenheit oder Caprice, wenn Ihr wollt, daran Schuld.

123.
Goethe an Kestner.

v. 24. Jun. 1784.

Lange hätte ich Euch schon schreiben sollen, denn ich habe Euch noch nicht für die gute Aufnahme meiner Iphigenie gedankt. Besonders war mir sehr lieb daß Ihr ins Detail gegangen seyd und mir gesagt habt was Euch daran gefiel, denn ein allgemeines unbestimmtes Lob hat wenig tröstliches und belehrendes.

Das Exemplar habe ich lange wieder erhalten, und auch Euren Brief von Zelle.

G.... konnte Euch wenig von mir sagen, ich habe nichts gemeines mit ihm. Es ist ein töriger Mensch der sich zu Grunde richtet.

Was Ihr mir von Euren Kindern schreibt höre ich gern, glückseelig der dessen Welt innerhalb des Hauses ist. Erkennts nur auch recht wie glücklich Ihr seyd und wie wenig beneidenswerth glänzendere Zustände sind.

Die Grafen Stollberg haben uns besucht, es war eine sehr angenehme Erinnerung voriger Zeiten und eine neue Befestigung der alten Freundschafft.