Seit dem Empfang Eures Briefes, lieber Kestner, habe ich mich über Euer Schicksal nicht beruhigen können, das Ihr mit so vielem guten Muthe ertragt.[33] Bisher wart Ihr mir eine Art von Ideal eines durch Genügsamkeit und Ordnung Glücklichen und Euer musterhaftes Leben mit Frau und Kindern war mir ein fröhliches und beruhigendes Bild. Welche traurige Betrachtungen lassen mich dagegen die Vorfälle machen die Euch überrascht haben und nur Euer eignes schönes Beyspiel richtet mich auf. Wenn der Mensch sich selbst bleibt, bleibt ihm viel. Seyd meines herzlichen Antheils überzeugt, denn mein mannigfaltiges Weltleben hat mir meine alten Freunde nur noch werther gemacht. Ich danke Euch für den umständlichen Brief und für das sichere Gefühl meiner Theilnehmung. Lebet wohl, grüst Lotten und die Kinder. Das Bad hat gute Würkung hervorgebracht und ich bin recht wohl.

W. d. 4 Dez. 85.

G.

128.
Goethe an Kestner.

v. 16. Jun. 1786.

Euer Doctor Riedel hat mir sehr wohl gefallen, und hat überhaupt hier Beyfall gefunden. Schreibt mir doch etwas näheres über ihn, seine Familie, seinen Character, seine Schicksale und Aussichten, besonders ein näheres von diesen letzten, vielleicht fände sich etwas für ihn in unsrer Gegend, sagt aber weder ihm noch sonst jemand davon.

Ich wünschte sobald möglich darüber einige Nachricht, denn ich gehe mit Ende dieses Monats in’s Carlsbad, schreibt aber nur auf alle Fälle hierher. Ich bin wohl und liebe Euch. Wann werden wir uns einmal wieder sehen! Grüßt Lotten und die Eurigen und behaltet mich lieb.

Weimar d. 16 Jun. 86.

G.