Die Erfahrung, welche Sie an Ihrem Bedienten gemacht, habe ich auch gemacht. Ich habe immer geurtheilt, daß die wenigsten Herrn mit ihren Bedienten umgingen, wie es seyn sollte. Ich nahm mir daher vor, den meinigen, welchen ich hierher mitnahm, wie meines Gleichen zu begegnen, und keineswegs als eine niedrigere Gattung Menschen zu betrachten. Ich hielt ihn gut. Er hatte gute Tage; ich ließ mir nicht, wie sonst gewöhnlich, aufwarten, und wollte ihn gleichsam nur als einen Gehülfen in denjenigen Sachen haben, wozu ich nicht Zeit hatte, sie zu besorgen. Zwar wußte er es wohl zu erkennen, und hätte vielleicht sein Leben für mich gewagt. Allein, meine Nachsicht, seine guten Tage, der Ueberfluß, machten ihn unordentlich. Er hielt sich viel im Wirtshause auf, blieb wohl des Nachts aus, gerieth in Schlägereyen, und ward ein Held, und furchtbar unter seinen Cameraden, lange ohne mein Wissen. Als ich es erfuhr, rieth ich ihm ernstlich davon ab, aber vielleicht mit zu viel Gelindigkeit. Er kam in eine Schlägerey, ward in Arrest genommen, und wegen der Streitigkeiten, welche unter dem Reichsmarschall-Amte und den Gesandtschaften wegen der Jurisdiction über die Bedienten sind, war ich endlich genöthigt, ihn abzuschaffen, nachdem ich ihn schon einmal nach einer solchen Affaire wieder angenommen hatte. Die gute Begegnung war ihm also nur schädlich gewesen, ob ich mir gleich sonst Mühe gab, ihn zu bessern, und ihn geschickt zu machen, in solchen Sachen, die sich für seinen Stand schickten. Ich verschaffte ihm indessen nachher einen guten Herrn wieder.
Darauf habe ich einen andern Bedienten angenommen, welchem ich weder so viel Kost und Lohn gebe, noch in der Aufwartung so viel einräume, und er ist hundertmal besser, als der erste......
Meine Charlotte ist Ihnen zuvorgekommen, und hat Ihren Auftrag schon vorher ausgerichtet. Sie hat mich oft erinnert Ihnen wieder zu schreiben. Sie wollte gar zu gern wieder einen Brief von Ihnen lesen hören. Ich werde bald eifersüchtig, denn ohne Sie von Person zu kennen, ist sie von Ihnen eingenommen. Wäre dieß nicht, so würde ich Sie bitten einmal hierher zu kommen, da es Ihnen doch gleich viel zu seyn scheint, in welchem Theile der Welt Sie sind. Immerhin sollen Sie mir willkommen seyn, und ich will es gern sehen, wenn meine Charlotte Sie gern hat, nur nicht mehr als mich, — das versteht sich......
Ich habe es mit Vergnügen gelesen, wenn Sie von meiner Charlotte schreiben: denn ich liebe sie noch immer wie vorhin. — Ihr Herz und ihr Geist ist es vornämlich, was mich zu ihrem Gefangenen macht; Ihr Gefühl, ihr Verstand, ihre Lebhaftigkeit, die alles belebt, was um sie her ist. — Ich bin unvermerkt bemüht gewesen, sie weiter bilden zu helfen, und sie ist so gefällig, meine Denkungsart anzunehmen, so weit es sich mit ihrer Munterkeit vereint. Ich würde der glücklichste Mensch seyn, wenn nicht das oben erwähnte, mein Glück beschränkte. Die Abende sind noch immer das Beste was ich habe. Dieß ist gleichsam das geheime Conseil, wo jedes Herz offen ist. Von dem ganzen Tage wird auf diese Zeit gespart. Es wird auch nicht allein gesprochen, sondern auch gelesen, und über mancherley deliberirt. Die beste Mutter präsidirt in diesem Conseil; die älteste Schwester ist gegenwärtig, der Vater geht gewöhnlich früh zu Bette, und die übrigen Kinder sind schon lange schlafen gegangen......
Vielleicht wollen Sie wissen, wie weit unsere Verbindung gekommen. Sie ist wie sie war. Wir lieben uns. Wir haben uns eins für das andere auf immer bestimmt, aber ohne, daß eine sonst gewöhnliche Versprechung vorgegangen. Ich wünschte herzlich, daß wir uns bald noch näher verbinden könnten; aber ich muß zuvor eines genügenden Unterhaltes sicher seyn. Das Project zu meiner Anstellung ist schon gemacht; aber es kann noch nicht ausgeführt werden. Meinen Aeltern habe ich schon von dieser Familie, doch aber nur von Freundschaft geschrieben. Dieses ist noch ein Punct der mir Sorge macht. Die Aeltern pflegen andere Projecte zu haben. Ich muß schließen. Leben Sie wohl, meine Charlotte empfiehlt sich Ihnen.
142.
Kestner an Hennings.
Wetzlar 1770 vermuthlich im Herbst.
..... Mein letzter Brief war größtentheils nur Beantwortung. Da Sie mir noch nicht wiedergeschrieben, so will ich einmal ganz von mir allein oder was mich angeht, reden..... Vorher muß ich Ihnen einige Begebenheiten, und recht traurige Begebenheiten aus der Familie meiner Lottgen erzählen. Sie werden sich wundern, warum ich es nicht ehender gethan; denn sie sind schon alt. Allein bisher wußte ich mir weiter nicht, als durch das aus dem Sinn schlagen zu helfen; und wollte ich Ihnen vollständig erzählen; hiezu war ich bisher nicht im Stande. Die Zeit hat den Schmerz gemildert, und ich werde jetzt mehr im Stande seyn davon zu schreiben. Ich habe Ihnen schon vor einigen Jahren eine Beschreibung der Familie meines Mädchens gemacht. Sie erinnern sich noch, daß ihre Mutter eine Hauptperson darin war; ich sage war, denn ach! sie ist es nicht mehr. Ich glaube Ihnen gesagt zu haben daß sie die beste Frau, die beste Mutter und das vollkommenste weibliche Geschöpf war, das ich kenne. Sanft ihr Character, weich, gefühlvoll ihr Herz, zugleich munter und heiter. (Ich zähle ihre Eigenschaften her, wie sie mir einfallen.) In ihrer Jugend war sie eine Schönheit, und noch am 40sten Jahre, nachdem sie 14 oder 15 Kinder gehabt, versah man sie zu Zeiten für eine ihrer Töchter. Ihre Miene war einnehmend und ganz Bescheidenheit, sittsam und jungfräulich. Sie erröthete noch wie das unerfahrenste Frauenzimmer für einen freien Ausdruck. Ihr Körper war weiblich, schwach und zart; auch ihre Seele war weiblich, aber sie dachte auch wie ein Mann, groß, edel und war oft heldenmüthig. Ohne piquant witzig zu seyn, konnte sie aufmuntern, anderer Mienen aufheitern, wie sie wollte und war sehr unterhaltend. Sie redete viel ohne Weibergeschwätz. Ihre Kinder waren ihr vornehmstes Geschäft; für diese sorgte sie unaufhörlich; sie hatte sie immer um sich und bildete ihre jungen Seelen, ohne daß die Kinder es selbst wußten, ohne Strenge, ohne Furcht, durch lauter Liebe und Zärtlichkeit; doch gestattete sie ihnen auch keine Unart. Die Kinder liebten ihre Mutter dagegen eben so zärtlich; nirgends waren sie lieber als bey ihr; wenn sie ausgieng betrübten sie sich, sie lagen ihr an bald wieder zu kommen, und wenn sie wieder kam war lauter Freude; sie hingen sich an sie und küßten sich dann wieder satt. Auch ausser dem Hause war sie verehrt und geliebt. Sie war jedermann, wenigstens unter dem Namen: Die Frau mit den vielen schönen Kindern, bekannt. Von den Geringern verehrt, denn gegen jedermann war sie freundlich und gefällig, jedermann war ihr Nächster; ohne Reichthum that sie viel Gutes, entweder durch reellen Beystand, oder guten Rath, Zureden, trösten und aufmuntern, alles mit einem Anstande, der zugleich ihr gutes Herz, und ihren Verstand verrieth; ich meyne ihre Wohlthaten ertheilte sie mit einer solchen Leichtigkeit, woraus man sah, daß eine wahre innere Empfindung sie dazu veranlaßte, und doch mit einer Art, welche den Wohlthaten noch einen Werth mehr beylegte; gar vieles that sie heimlich, denn ihr Mann, zwar rechtschaffen und gut, und selbst gutthätig, machte gern ökonomische Anmerkungen.
Von ihres Gleichen hochgeachtet und geliebt, und bey den Vornehmern geachtet. Bey diesen vergab sie sich nichts, war bey verschiedenen, die sie ihrer würdig hielt, gern gesehene Gesellschafterin, auch vertraute Freundin und Rathgeberin. Ausser dem, daß sie von solchen selbst gesucht wurde, und sich mit Vorbedacht suchen ließ, hatte sie auch noch, in Rücksicht dessen, daß ihre Familie groß war, und sie das Glück ihrer Kinder wünschte, und dazu anderer Beistand nöthig hielt, die Absicht, solche Leute zu conserviren, die ihr oder ihren Kindern nützlich seyn könnten...... Sie war meine beste Freundin die ich je gehabt, und vielleicht je bekommen werde, und ob sie gleich gegen jedermann gefällig und liebreich war, so war sie doch mit ihrer genauen Freundschaft nicht so freigebig. Noch ehe sie daran denken konnte, daß ich in ihrer Familie mehr als blos Umgang und Freundschaft suchen würde, hatte ich ihre ganze Gewogenheit, und es fanden sich verschiedene, denen sie des Interesses wegen, einen Vorzug hätte einräumen müssen, die sie aber mir nachsetzte. Sie wissen, daß ich zu dem Eigenlobe nicht geneigt bin, und ich weiß es zu gut, daß ich in Erlangung anderer Gewogenheit, meinem Glücke, vielleicht meiner ehrlichen, treuherzigen Miene, mehr, als meinem Verdienste zuzuschreiben habe. Genug.....