Damit Sie ferner wissen, wie es mit meinen geheimsten Angelegenheiten steht: Ich bin mit Lottchen in keiner weitern Verbindung, als worin ein ehrlicher Mann steht, wenn er einem Frauenzimmer den Vorzug vor allen übrigen giebt, sich mercken lässet, daß er ein gleiches von ihr wünscht und wenn sie solches thut, dieses nicht nur, sondern auch eine völlige Resignation von ihr annimmt. Dieses halte ich schon genug, um einen ehrlichen Mann zu binden, zumal wenn solches einige Jahre durch dauert. Indessen tritt bey mir noch hinzu, daß Lottchen und ich uns einander ausdrücklich erklärt haben, und es noch immer mit Vergnügen thun, ohne jedoch Schwüre oder Betheurungen hinzuzufügen. Auch habe ich schon längst ihrer seligen Mutter meine Absicht und Wunsch erklärt, inzwischen nicht verhehlt, daß ich noch Aeltern hätte, und eine geheime Verbindung nicht meine Absicht sey. Mit dem Vater habe ich noch nie eine Sylbe darüber gesprochen. Sie verlassen sich auf meine Ehrlichkeit, desfalls ich in einigem Ruf stehe, und sind ruhig, da Lottchen bisher noch zu jung und noch zu nöthig war.

Zu Haus habe ich kein Geheimniß aus meinem Umgang, noch aus dem Vorzuge, den ich Lottchen beylegte, gemacht, und zwar mit solchen Ausdrücken, daß sie meine Absicht errathen konnten. Man äusserte sich darüber nicht. Von meinem Vater versprach ich mir keine günstige Entschliessung und da ohnehin noch nicht Zeit war, ließ ich es dabey vorerst bewenden. Nachdem ich nun mit der Zeit endlich einmal einen Ernst daraus machen möchte, und von meiner Mutter mir gutes verspreche, so habe ich endlich auch meinen Wunsch und Absicht erklärt. Wir stehen darüber noch in Correspondenz. Es werde mir mancherley Umstände gemacht, besonders, daß ich zu Hause noch kein bestimmtes Emploi habe, daß Lottchen viele Geschwister und kein Vermögen hat. Ich habe diese Umstände aber wohl überlegt, und desfalls hinlängliche Auskunft gegeben; ohnehin wollte ich gegenwärtig nur den Schritt thun, daß ich Lottchen und ihren Vater wegen meiner Mutter Einwilligung benachrichtigen könnte. Vor der würklichen Heirath muß ich denn erst weitere Schritte wegen meines sichern Emploi thun, und was ich sonst desfalls überlegt habe. Ich hoffe nun bald schriftliche günstige Erklärung von meiner Mutter; indessen wird sie nicht ganz zufrieden seyn. Ich habe aber alles wohl überlegt und kann nicht anders. Mit dem Detail will ich Sie nicht aufhalten. Hätte ich nur erst eine gewisse Stelle, so sollte sich alles schon geben. Die Visitation scheint noch einige Zeit fortzudauern, und ich werde aushalten müssen. Man muß erwarten, was der Himmel fügt.

Leben Sie wohl, mein Bester; Erzählen Sie nur auch bald etwas von Ihnen.

K.

d. 28 Nov. 72.

25.
Goethe an Kestner.

acc. Wetzl. 21. Nov. 72.

In Darmstat binn ich, nach Manheim werd ich nicht kommen, eben da wir abreisen wollten, trat Merken eine Verhinderung dazwischen, wer ein Amt hat muss leider sein warten. Dass wir nur wieder einmal beysammen sind, freut uns so, tuht uns so wohl, dass ich allein nicht weiter mag. Adressiren Sie mir Ihre Briefe grad hierher, und schicken Sie mir doch die Nachricht von Jerusalems Todte. Ohne Zweifel haben Sie mir schon nach Frkfurt geschrieben, biss ich das aber her kriege währt so lang. Ich habe heut früh mit der Flachsland, viel von Lotten und euch geredet und meinen lieben Bubens. Merck grüsst euch, und sein Weib und Henry. Grüsst mir sie alle, meine Seele ist oft bey euch, Adieu.

Goethe.