Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle Freuden des Lebens.

Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius, und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag ich sie beyde gern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all. Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich errungen habe.

Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.

am 21 August

Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt. Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.

81.
Goethe an Kestner.

Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn hatte. Ihre Hand habe ich tausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst! die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer mit Träumen schleppe.

Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht. Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.

Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss! und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam. Richt.[24] und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt — die liebe Frau Grostante Lange von Wetzlar, mit der so teuern ältsten Jungfer Nichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr, um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. — Meiner Lotte! Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich bin gescheut — biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.