Goethe, der Freund, verkannte nicht das Gewicht dieser Vorwürfe. Eine Lotte hatte er offen gepriesen. Eine Lotte erschien in dem Gedichte, in welchem zwischen Dichtung und Wahrheit keine Grenze sichtbar ist, und das in allen seinen Theilen, den erfundenen und wahren, die glühenden Farben einer zwischen Wunsch und Entbehrung erlebten Wirklichkeit an sich trägt. Im Gefühl seines Fehls hatte er daher auf die Vorwürfe nichts anderes zu erwiedern, als in den Briefen [Nr. 107] und [109] die rührendsten Bitten um Verzeihung, wobei er im Rausche des Ruhms, der ihn selbst überraschte, — denn ganz Deutschland war schon von Bewunderung des Werthers entflammt — dem Freunde die verherrlichenden Ausdrücke entgegen rief, die von allen Seiten ihm entgegen tönten.

In dem Briefe [Nr. 107] spricht er beruhigend zu den Herzen der Freunde: „Und, meine Lieben, wenn Euch der Unmuth übermannt, denkt nur, denkt, daß der alte, Euer Goethe, immer neuer und neuer, und jetzt mehr, als jemals, der Eurige ist.“ Auf ihre Theilnahme an seinem Triumph vertrauend, sucht er sie in dem Briefe [Nr. 109] zu trösten, indem er schreibt: „Könntet Ihr den tausendsten Theil fühlen, was Werther tausend Herzen ist, Ihr würdet die Unkosten nicht berechnen, die Ihr dazu hergebt.“ An Kestner besonders richtet er die gewichtigen Trostesworte: „Wenn ich noch lebe, so bist Du’s, dem ichs danke, bist also nicht Albert — Und also —“. Zwar sprach er in demselben Briefe unter den Beruhigungsgründen auch die Zusage aus, binnen einem Jahre alle etwaigen Mißdeutungen des Publikums „auf die lieblichste, einzigste, innigste Weise auszulöschen.“ Allein dieses, wenigstens in der Maße, wie es in der ersten Aufregung ertheilt war, übereilte Versprechen, ist, bis auf verschiedene in den folgenden Ausgaben des Werther vorgenommene Abänderungen, unerfüllt geblieben. Später kamen beide Freunde, laut der Documente [Nr. 121] und [122], noch einmal auf diesen Gegenstand zurück; aber weiter reichende Aenderungen zeigten sich als unmöglich, je mehr das bewunderte Gedicht die Gemüther ergriff, und zuerst von der deutschen, dann von den andern Nationen Besitz nahm: jeder Gedanke war Eigenthum der Völker geworden, das der Geber selbst nicht zurückfordern konnte. Auch Kestner wird dieses erkannt haben und hat sich um so eher dabei beruhigen können, als das Geheimniß des Romans in dem weiten Kreise seiner Freunde und Bekannten bald hinreichend aufgeklärt war, und schon die Persönlichkeit der Ehegatten sie vor jeder falschen Beurtheilung schützte.

Das schöne Verhältniß der Freunde überhaupt, und insbesondere Kestners zugleich würdige und liebevolle Stellung zu dem minder besonnenen Jüngling, kann treffender nicht hervortreten, als durch die Lösung des von Goethe verschuldeten Mißverständnisses selbst. Seine große Indiscretion würde unverzeihlich gewesen sein, wenn er deren Gewicht hätte beurtheilen und die Wirkungen auf die davon betroffenen Freunde voraussehen können. Allein ihm waren die Schranken des gewöhnlichen Lebens gänzlich unbekannt und eben so unbekannt die Rücksichten darauf, welche den Freunden gebührt hätten. Weit entfernt daher von aller Besorgniß deßhalb, hat er vielmehr in den Briefen [Nr. 97] bis [100], welche mehr oder weniger dunkle Andeutungen der künftigen Erscheinung enthalten, so wie noch zuletzt in den das übersandte Exemplar des Romans begleitenden Zetteln, [Nr. 104] und [105], mit arglosester Unbefangenheit vorausgesetzt, daß die Empfänger ebenfalls sich daran erfreuen würden. Nur in dem einen Briefe [Nr. 98] denkt er an die Möglichkeit eines Anstoßes und warnt sie scherzend davor. Kestner, obgleich schwer gekränkt, auch anfänglich nicht ohne Besorgniß vor den möglichen Nachtheilen für ihn und seine Gattin, spricht seinen Tadel gegen Goethe offen und kräftig, doch fern von Erbitterung aus ([Nr. 106]). Mit welcher Milde und Nachsicht er aber im Innern seines wohlwollenden Herzens Goethe’s, des feurigen Dichters, Verfahren betrachtet, entschuldigt und verzeiht, sprechen seine Briefe [Nr. 108] und [110] an v. Hennings vertraulich auf eine Weise aus, die den tiefsten Blick in seinen Charakter eröffnet. Diese Briefe, die zugleich interessante Aufschlüsse über das Verhältniß der Ehegatten zu Goethe und seinem Roman enthalten, bedürfen keines Commentars.

Damit war denn das Mißverständniß schon sogleich bei seiner Entstehung, ohne Unterbrechung des gegenseitigen Wohlwollens, gehoben, und der gewohnte Briefwechsel zwischen Goethe und Kestner dauerte bis zu des Letzteren am 24. Mai 1800 erfolgten Tode fort. Goethe’s letzter vorhandener Brief an Kestner, [Nr. 137], ist vom 16. Juli 1798. Wahrscheinlich sind einige andere Briefe, durch Kestners in seinen letzten Lebensjahren eingetretene große Kränklichkeit, verloren gegangen. Eben diese Kränklichkeit, neben überhäuften Dienstgeschäften, hat auch die Correspondenz von Kestners Seite in späterer Zeit beschränkt, wie Goethe in seinen Briefen ihm verschiedentlich freundlich vorgeworfen hat.


Um die gegenwärtigen Mittheilungen zu vervollständigen, wäre zu wünschen gewesen, daß ihnen Kestners Briefe an Goethe, worauf mehrere von Goethe’s Briefen sich beziehen, hätten hinzugefügt werden können. Allein der verstorbene Geheime Rath Kanzler v. Müller in Weimar, Goethe’s Testamentsvollstrecker, hat sie nicht in dessen Nachlaß gefunden, wahrscheinlich weil Goethe sie mit einer großen Masse älterer Briefschaften einst cassirt hat. Dagegen hatte der Geheime Rath die Gefälligkeit einen Brief Lottens an Goethe aus Wetzlar, wohin sie sich auf Veranlassung der französischen Occupation Hannovers auf einige Zeit zurückgezogen, von 1803, und einige Billets von ihr an Goethe, während eines Besuchs ihrer Schwester in Weimar, von 1816, abschriftlich mitzutheilen. Diese, nebst verschiedenen dazu gehörigen Briefen Goethe’s an Lotte und an einen ihrer Söhne, liegen aber außer dem Kreise der Documente, welchen der Titel dieser Mittheilungen bezeichnet. Wir glauben daher nur folgende Zeilen aus einem Schreiben Goethe’s vom 23. November 1803, weil sie dieselben Erinnerungen aus seiner Jugendzeit mit ähnlichen Worten, wie in „Wahrheit und Dichtung“ aussprechen, anführen zu dürfen: „Wie gern versetze ich mich wieder an Ihre Seite zur schönen Lahn und wie sehr bedaure ich zugleich, daß Sie durch eine so harte Nothwendigkeit dahin versetzt worden; doch richtet mich Ihr eigenes Schreiben wieder auf, aus dem Ihr thätiger Geist lebhaft hervorblickt.“


Goethe’sche Briefe,
und diese betreffende erläuternde Documente.