(1773 oder 1774.)
Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemals in, cum et sub (lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich lasse es dir ehstens drucken — Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs nicht wohl wenn ich an euch dencke?
Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen. Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? —!
Goethe.
97.
Goethe an Kestner.
(Märtz 1774.)
Auf einen Brief vom 1ten Weynachtstage erst den 13 Februar Antwort zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die mir schreibt.
Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist. Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit, werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären. Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.
Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, denn ich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben. Die Iris ist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.