(May 1774.)
Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch irgend ein ander Verhältniss als das alte, — und sodann bey einer gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine vollkommenere Freunde.
G.
Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.
99.
Goethe an Kestner.
(11. May 1774.)
Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs, doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die erstgebornen der Famille gehören. Nun aber — ich wünsche dass Lotte — denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe — dass Lotte, alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt: Wolfgang heist er! und der Bub soll auch so heisen! — du scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe weil er mein ist. — Habt ihr ihm den andern gegeben, so halt ich mir aus dem nächsten den Nahmen Wolfgang zu geben, da ihr doch mehr Gevattern nehmt — und ich — wohl all eure Kinder aus der Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. — Schreibt mir gleich was geschehn ist. — Ich habe närrische Ahndungen dadrüber, die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.
Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.