Diese Jerusalemische Geschichte, die ich möglichst genau erforschte, weil sie merkwürdig war, schrieb ich mit allen Umständen auf, und schickte sie Goethen nach Franckfurt; der hat denn den Gebrauch im zweyten Theil seines Werthers davon gemacht, und nach Gefallen etwas hinzugethan.

Sie sehen also, daß Sie mich ohne Ursache bedauert haben; und ob wir gleich sehr ungern durch das Buch in das Gespräch des Publicums auf solche Art kommen, so freut uns doch, daß es ohne Grund geschieht, und Dank seys dem Höchsten, wir glücklich, zufrieden und vergnügt mit einander gelebt haben und noch leben. Ein geheimer Schrecken überfällt mich manchmal, wenn ich denke, diese Welt, und in so glücklicher Ehe! Darum ertrage ich gern, wenn ich es mir übrigens ein wenig sauer werden lassen muß, da mein Vater inzwischen verstorben ist, meine Einnahme nicht groß, der Aufenthalt hier kostbar ist. Ich nehme dieß gern als ein kleines Gegengewicht unseres Glückes an, zumal da es mir noch an nichts gefehlt hat, und noch nicht fehlet, auch meine Praxis immer etwas zunimmt, und die Aussicht zu besseren Umständen da ist.

Als Goethe sein Buch schon hatte drucken lassen, schickte er uns ein Exemplar, und meinte Wunder was er für eine That gethan hatte. Wir aber sahen es gleich voraus, wie der Erfolg seyn würde, und Ihr Brief bestätigt eine Art unserer Prophezeihung. Ich schrieb ihm und zankte sehr. Nun sah er erst ein was er gethan hatte; das Buch war aber schon an die Buchführer gelangt, und er hoffte noch, daß wir uns geirrt haben sollten.

Ehe ich weiter schreibe, bitte ich Sie inständigst diesen Brief gleich zu verbrennen; wenn er verloren gienge, so bekämen wir eine neue Auflage mit Anmerkungen. Ich habe mir vorgenommen, mich künftig zu hüten, daß ich keinem Autor etwas schreibe, was nicht die ganze Welt lesen darf.

Nun aber ersuche ich Sie, bey Mendelsohn und sonst zu äussern, daß Sie gewiß wüßten, daß in dem Buche die Jerusalemische Geschichte hauptsächlich zum Grunde liege. (Dieß ist wahr, und dem Todten gleichgültig.) Allenfalls können Sie hinzusetzen, daß die Charactere zum Theil wahr wären, aber nicht in der Maaße, daß der tragische Erfolg daraus fliessen könne. Wenn uns jemand kennt, so suchen Sie das Nachtheilige, das im Buche von uns liegt, von uns abzuwenden. Meiner Frau Bild ist in dem, was an Lotten liebenswürdig und untadelhaft ist, getreu. Schliessen Sie daraus, wie natürlich es zugegangen, daß ich sie lieben mußte, da ich sie in ihrer unerfahrenen Jugend kennen lernte. Wenn ich von ihr hätte lassen müssen; so stehe ich nicht dafür, ob ich nicht Werther geworden wäre. Darin erkenne ich mich in Albert nicht.

Sagen Sie aber, was soll ich bey der Geschichte anders thun, als sie übersehen. Zu redressiren ist sie nicht. Goethe hat’s gewiß nicht übel gemeint; er schätzte meine Frau und mich dazu zu hoch. Seine Briefe und seine andern Handlungen beweisen es. Er betrug sich auch viel größer, als er sich im Werther zum Theil geschildert hat. Uebrigens kann uns die Geschichte bey denen, die uns nur halb kennen, nicht schaden. Der Augenschein ist zu sichtbar für uns, da unser gutes Verständniß unter einander bekannt ist.

109.
Goethe an Kestner.

v. 21. Nov. 1774.