Und noch einmal, nach einem Menschenalter voll wechselnden Schicksals, ist Gustchen ungerufen vor den Stummgewordenen hingetreten, um in eindringlichem Bekehrungsversuch zu erweisen, wie nahe ihrem liebevollen Herzen der Freund der Jugend geblieben sei. Kein Mephistopheles begrinse das Vertrauen dieser guten Seele, die, ihres Glaubens voll, sich heilig quält, ihn, der ihr einst so viel von seinem tiefsten Selbst geschenkt, verloren halten zu sollen! Goethes Antwort, ernst und würdig, ist das erhabenste Bekenntnis seiner reinen Weltfrömmigkeit. Mehr als einmal ist er das Ziel eifriger Christianisierungslust gewesen, die er dann wohl mit derbem Spott in ihre Schranken zurückverwiesen hat — was ist's, das ihn gutmeinender Anmaßung hier mit Milde und verzeihendem Verständnis begegnen heißt? Ist es der beredt-herzliche Ton der unerbetenen Mahnung? das Andenken längst versunkener Zeit? der gesellschaftliche Rang der Gräfin? Alles das mag zusammengewirkt haben, aber ein Entscheidendes kommt hinzu: die letzte Liebe ist's, die wie der volle Glockenton einer weltentrückten Bergeskirche vernehmbar wird. Was ihn Ulrike v. Levetzow empfinden gelehrt hatte, die liebliche Jungfrau, der er im Sommer 1821 entgegengetreten war, das hat Goethe, wenige Monate nach dem Briefe an Gustchen, offenbart:

Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden

Mehr als Vernunft beseliget — wir lesen's —

Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden

In Gegenwart des allgeliebten Wesens.

Der Friede Gottes, dem frommen Gemüt eines Kindes entflossen, er ist es, der Goethes letzten Brief an Gustchen Stolberg durchzieht; die reine Seele, die nur darum in Goethes Leben eingetreten zu sein scheint, um wie ein Spiegel das Bild seines Liebens aufzunehmen, sie hat nun ihre Sendung ganz erfüllt, da auch Ulrikens ätherischer Geist leise an ihr vorübergeglitten ist.

Eine zierliche Greisin, das feine Gesicht von kurzgeschnittenen silberweißen Haaren umrahmt, hat Gustchen im Kreise liebender Enkel ihren Lebensabend verbracht, regsam und anteilnehmend bis ans Ende. Sie ist gestorben in Kiel am 30. Juni 1835.

Max Hecker.

Goethes Briefe

an