Aber nun giebts noch einen, den im grauen Biber-Frack mit dem braunseidnen Halstuch und Stiefeln, der in der streichenden Februarlufft schon den Frühling ahndet, dem nun bald seine liebe weite Welt wieder geöffnet wird, der immer in sich lebend, strebend und arbeitend, bald die unschuldigen Gefühle der Jugend in kleinen Gedichten, das kräfftige Gewürze des Lebens in mancherleyDramas, die Gestalten seiner Freunde und seiner Gegenden und seines geliebten Hausraths mit Kreide auf grauem Papier, nach seiner Maase auszudrücken sucht, weder rechts noch lincks fragt: was von dem gehalten werde was er machte? weil er arbeitend immer gleich eine Stufe höher steigt, weil er nach keinem Ideale springen, sondern seine Gefühle sich zu Fähigkeiten, kämpfend und spielend, entwickeln lassen will. Das ist der, dem Sie nicht aus dem Sinne kommen, der auf einmal am frühen Morgen einen Beruf fühlt Ihnen zu schreiben, dessen gröste Glückseligkeit ist mit den besten Menschen seiner Zeit zu leben.
Hier also meine beste sehr mancherley von meinem Zustande, nun thun Sie dessgleichen und unterhalten mich von dem Ihrigen, so werden wir näher rücken, einander zu schauen glauben — denn das sag ich Ihnen voraus dass ich Sie offt mit viel Kleinigkeit unterhalten werde, wie mirs in Sinn schiesst.
Noch eins was mich glücklich macht, sind die vielen edlen Menschen, die von allerley Enden meines Vaterlands, zwar freylich unter viel unbedeutenden, unerträglichen, in meine Gegend, zu mir kommen, manchmal vorübergehn, manchmal verweilen. Man weiss erst dass man ist wenn man sich in andern wiederfindet.
Ob mir übrigens verrathen worden: wer und wo sie sind, thut nichts zur Sache, wenn ich an Sie dencke fühl ich nichts als Gleichheit, Liebe, Nähe! Und so bleiben Sie mir, wie ich gewiss auch durch alles Schweben und Schwirren, durch unveränderlich bleibe. Recht wohl —! diese Kusshand — Leben Sie recht wohl.
Franckfurt. den 13. Febr. 1775.
Goethe.
Der dritte Brief
Warum soll ich Ihnen nicht schreiben, warum wieder die Feder liegen lassen, nach der ich bisher so offt reichte. Wie immer immer hab ich an Sie gedacht. Und iezzo! — Auf dem Land bey sehr lieben Menschen —in Erwartung — liebe Aug[u]ste — Gott weis ich bin ein armer Junge — d. 28 Febr haben wir getanzt die Fassnacht beschlossen — ich war mit von den ersten im Saale, ging auf und ab, dachte an Sie — und dann — viel Freud und Lieb umgab mich — Morgends da ich nach Hause kam, wollt ich Ihnen schreiben, liess es aber und redete viel mit Ihnen — Was soll ich Ihnen sagen, da ich Ihnen meinen gegenwärtigen Zustand nicht ganz sagen kann, da Sie mich nicht kennen. Liebe! Liebe! Bleiben Sie mir hold — Ich wollt ich könnt auf ihrer Hand ruhen, in Ihrem Aug rasten. Groser Gott was ist das Herz des Menschen! — Gute Nacht. Ich dachte mir sollts unterm Schreiben besser werden — Umsonst mein Kopf ist überspannt. Ade.Heut ist der 6. März denck ich. Schreiben Sie doch auch immer die Daten in solcher Entfernung ist das viel Freud.
Guten Morgen liebe. Die Zimmerleute, die dadrüben einen Bau aufschlagen, haben michaufgewegt, und ich habe keine Rast im Bette. Ich willan meine Schwester schreiben, und dann mit Ihnen noch ein Wort.
Es ist Nacht, ich wollte noch in Garten, musste aber unter der Thüre stehen bleiben, es regnet sehr. Viel hab ich an Sie gedacht! Gedacht dass ich für Ihre Silhouette noch nicht gedanckt habe! Wie offt hab ich schon dafür gedanckt, wie ist mein und meines BruderLavaters Phisiognomischer Glaube wieder bestätigt. Diese rein sinnende Stirn diese süsse Festigkeit der Nase, diese liebe Lippe dieses gewisse Kinn, der Adel des ganzen dancke meine Liebe dancke. — Heut war der Tag wunderbaar. Habe gezeichnet — eine Scene geschrieben. O wenn ich iezt nicht Dramas schriebe ich ging zu Grund. Baldschick ich Ihnen eins geschrieben — Könnt ich gegen Ihnen über sizzen, und es selbst in Ihr Herz würcken, — Liebe nur dass es Ihnen nicht aus Händen kommt. Ich mag das nicht drucken lassen denn ich will, wenn Gott will künftig meineFreu[den] und Kinder, in ein Eckelgen begraben oder etabliren, ohne es dem Publiko auf die Nase zu hängen. Ich bin das ausgraben, undseziren meines armen Werthers so satt. Wo ich in eine Stube trete find ich dasBerliner ppp Hundezeug, der eine schilt drauf, der andre lobts, der dritte sagt es geht doch an, und so hezt mich einer wie der andre — Nun denn Sie nehmen mir auch das nicht übel — Nimmt mirs doch nichts an meinem innern Ganzen, rührt und rückts mich doch nicht in meinen Arbeiten, die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind — denn ob ich gleich finde dass es viel raisonnabler sey Hünerblut zu vergiessen als sein eignes —die Kinder tollen über mir, es ist mir besser ich geh hinauf als zu tief in Text zu gerathen.