Wichtiger für Goethe als die musikalischen Genüsse Leipzigs war das Theater[21]. Die künstlerische Entwickelung der Deutschen Bühne war von Leipzig ausgegangen und grade damals stand das Leipziger Schauspiel in seiner höchsten Blüthe. Koch war 1765 auf ein neues Privilegium mit einer stehenden Gesellschaft nach Leipzig gekommen, ein neues Haus wurde gebaut, und am 6. Oct. 1766 mit Schlegels Hermann eröffnet. Bald nach Goethes Weggang hörte diese glänzende Periode auf, denn am 18. Oct. 1768 schloß Koch die Bühne und verließ Leipzig. Das Interesse am Theater war damals allgemein und in allen Kreisen von litterarischer Bildung das vorherrschende. Der Einfluß auf Goethe, dessen Neigung alles in dramatische Form zu kleiden frühzeitig hervortrat — sie zeigt sich auch darin, daß er seinen stylistischen Übungen gern die Form eines Romans in Briefen gab — ist unverkennbar. Da ihm die köstliche Gabe verliehen war, „in nachklingende Lieder das eng zu fassen, was in seiner Seele immer vorging“,[22] so rief jede Veranlassung, die ihn in erhöhete Stimmung versetzte, lyrische Gedichte leicht hervor; sein Studium war hauptsächlich dem Drama zugewandt, und Übersetzung wie Nachbildung französischer Stücke beschäftigten ihn anhaltend und ernstlich, wovon nur eine geringe Spur uns in dem Bruchstück einer Bearbeitung von Corneilles Lügner erhalten ist.[23] Denn er verbrannte später fast alle Versuche aus jener Zeit und nur die Mitschuldigen legen durch ihre für diese Zeit bewundernswürdige Gewandtheit und Sicherheit in der Form und Technik, welche allerdings ohne vielfältige angestrengte Übung nicht erreicht werden konnte, Zeugniß seines ernstlichen Studiums ab.[24] In anderer Rücksicht ist dies Lustspiel wiederum ein merkwürdiger Beweis, wie Goethe schon damals sich von den Lebenserfahrungen, welche ihn quälten und beunruhigten, durch die Dichtung losmachen und befreien konnte. Schon in früher Jugend war er Zeuge und Theilnehmer innerlich zerrütteter Familienverhältnisse gewesen; nicht aus eigenem Behagen wählte er sich diesen Stoff für ein Lustspiel, er reinigte vielmehr sein Inneres von diesen Vorstellungen, indem er ihnen als Dichter eine Gestalt gab, wodurch sie von seinem Innern abgelöst ihm fremd wurden und außer ihm existirten.

Später hatte Goethe Gelegenheit seine Anerkennung und seinen Dank der Leipziger Bühne auszusprechen, als die Weimarsche Schauspielergesellschaft in Leipzig während des Sommers 1807 Vorstellungen gab. In dem schönen Prolog, welchen er auf Rochlitz's Wunsch dichtete, heißt es:

Belohnung! ja sie kann uns hier nicht fehlen,

Hier, wo sich früh, vor mancher deutschen Stadt,

Geist und Geschmack entfaltete, die Bühne

Zu ordnen und zu regeln sich begann.

Wer nennt nicht still bei sich die edlen Namen,

Die schön und gut aufs Vaterland gewirkt,

Durch Schrift und Rede, durch Talent und Beispiel?

Auch jene sind noch unvergessen, die